Ungewohntes Bild bei der Krankenversicherung Concordia: Erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit steht bei der Kostenentwicklung in der Grundversicherung vor der wichtigsten Zahl ein Minus: Die Ausgaben der Luzerner Krankenkasse für Spitalbehandlungen, Arztbesuche und Medikamente sind im Jahr 2018 um rund 2 Prozent tiefer ausgefallen als im Vorjahr. Dass die Gesundheitsausgaben sinken, gleicht auf den ersten Blick einer Sensation. «Ein Kostenrückgang in diesem Umfang kommt für uns unerwartet und ist einmalig», sagt Concordia-CEO Nikolai Dittli.

Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch, dass gewisse Sonderfaktoren mitspielen, welche die Euphorie über die sinkenden Kosten bremsen. So sind laut Dittli viele Spitäler und Ärzte mit der Rechnungsstellung im Rückstand. Das hängt mit der Einführung von neuen Software-Versionen in einigen grossen Spitälern zusammen, aber vor allem auch mit dem Tarmed-Eingriff von Bundesrat Alain Berset. Mit dem Tarmed rechnen Ärzte und Spitäler ambulante Leistungen ab. Die umfangreichen Kürzungen – Berset will mit dem Eingriff 470 Millionen Franken sparen – haben bei der Ärzteschaft und den Spitälern viele Fragen aufgeworfen und Unklarheit geschaffen. In den psychiatrischen Kliniken wurde zudem der neue Tarif Tarpsy eingeführt. All dies hat zu Verzögerungen in der Rechnungsstellung geführt und dazu, dass die Kosten bei Concordia deutlich unter Vorjahr liegen.

Es braucht den Segen des Bundes

«Unterstützt wurde die gute Entwicklung auch davon, dass wir unsere Verwaltungskosten erneut senken konnten», sagt Dittli. Zudem hat die mit 632 000 Versicherten sechstgrösste Krankenversicherung der Schweiz dank einer strikten Rechnungskontrolle im vergangenen Jahr 328 Millionen Franken eingespart. «Und schliesslich fiel unser Anlageergebnis trotz schwierigem Börsenjahr nicht so schlecht aus wie der Branchenschnitt», betont Dittli. Man habe ein gutes Händchen gehabt und vor den Korrekturen an den Börsen den Aktienanteil reduziert.

Sondereffekte hin oder her: Unter dem Strich haben die negative Kostenentwicklung und die Massnahmen auf Unternehmensseite dazu geführt, dass Concordia fürs Jahr 2018 einen Ertragsüberschuss von 157 Millionen Franken erzielt hat – so viel wie nie zuvor. «Wegen der unerwarteten rückläufigen Teuerung lagen unsere Prämieneinnahmen rückblickend in einzelnen Kantonen deutlich über den Kosten», sagt Dittli. Und dies obwohl die Kasse im vergangenen Jahr die Prämien für 2019 in der Grundversicherung im Gegensatz zum Branchenschnitt nicht angehoben, sondern um 1 Prozent gesenkt hat.

Als nicht profitorientierter Verein habe die Concordia sich deshalb entschieden, mit 108 Millionen Franken einen grossen Teil des Ertragsüberschusses aus dem obligatorischen Bereich noch in diesem Jahr an die Versicherten zurückzubezahlen. «Für uns ist es eine Verpflichtung, dass unsere Versicherten davon profitieren», sagt Dittli, und er betont, dass diese einmalige Auszahlung nur möglich sei, weil die Versicherung finanziell sehr gesund dastehe. Noch muss das Bundesamt für Gesundheit grünes Licht für die Pläne des Versicherers geben. «Wir haben aber bereits positive Signale der Aufsichtsbehörde erhalten», so Dittli. Ertragsüberschüsse zurückzubezahlen, ist seit 2016 aufgrund der neuen Bestimmungen des Krankenversicherungsaufsichtsgesetzes möglich. Der Concordia-CEO hofft, dass auch andere Kassen ihren Versicherten zu viel bezahlte Prämien zurückerstatten. «Das erhöht das Vertrauen in die Krankenkassen, aber auch ins Gesundheitssystem. Umgekehrt müssen wir ja auch höhere Prämien verlangen, wenn die Gesundheitskosten ansteigen», sagt Dittli.

Dass die Concordia aufgrund der hohen Auszahlung in den nächsten Jahren die Prämien überdurchschnittlich wird anheben müssen, verneint Dittli. «Wir können diese Auszahlung nur tätigen, weil wir sehr solvent sind.» Es sei aber noch zu früh im Jahr, um konkrete und seriöse Aussagen zur Prämienentwicklung zu machen. Zwar werde die verzögerte Rechnungsstellung der Leistungserbringer aus dem Jahr 2018 in den ersten Monaten des Jahres stärker zu Buche schlagen – Dittli rechnet mit maximal 2 Prämienprozentpunkten. Der Concordia-CEO sieht seine Versicherung für die Prämien 2020 jedoch in einer «ausgezeichneten Ausgangslage». Dass es nach zwei Jahren mit tiefer und gar negativer Teuerung so weitergeht, rechnet Dittli dennoch nicht. «Wir können uns nicht zurücklehnen, es braucht weitere Massnahmen, um das Kostenwachstum zu dämpfen.» So hält er beispielsweise die Anhebung der Mindestfranchise für eine gute Idee.

Bis 1000 Franken für Familien

Das Geld will Concordia im September 2019 an die Versicherten ausbezahlen. Voraussichtlich profitieren nicht ganz alle Concordia-Kunden von der Auszahlung, da der Prämienüberschuss nach Kanton berechnet wird. «In den Kantonen Waadt, Wallis, Neuenburg und Glarus lässt die Kostenentwicklung der Gesundheitsausgaben keine Rückzahlung zu», erklärt Dittli. In allen andern 22 Kantonen wird den Versicherten aber Geld direkt auf ihr Konto zurückbezahlt. Die Höhe der Rückzahlung hängt davon ab, wie viel höher die Prämieneinnahmen im Verhältnis zu den Kosten in der Grundversicherung im jeweiligen Kanton waren. «Deshalb variieren die Auszahlungen von Kanton zu Kanton», sagt Dittli. Sie bewegen sich zwischen 50 und 600 Franken pro Person. «Für eine Familie kann die Auszahlung also über 1000 Franken betragen», so Dittli. Sämtliche Kunden, die bis am 31. Dezember bei Concordia versichert waren, werden davon profitieren – also auch solche, die inzwischen zu einem anderen Versicherer gewechselt haben.

Weshalb hat die Kasse einen solch hohen Prämienüberschuss denn nicht vermieden? «Selbstverständlich versuchen wir bei der Prämienberechnung, möglichst keine Überschüsse zu generieren», betont Dittli. Die Prämienberechnung sei jedoch komplex und die Entwicklung der Gesundheitskosten variiere von Jahr zu Jahr und von Kanton zu Kanton stark. «Einiges können wir berechnen, einiges muss aber auch geschätzt werden», erklärt er. Hinzu kommt, dass die neuen Prämien bereits im Juli des Vorjahres beim Bundesamt für Gesundheit eingegeben werden müssen. «Die Teuerung für das zweite Halbjahr sowie unvorhersehbare Ereignisse können so gar nicht mehr in die Kalkulationen einfliessen», sagt Dittli.