Flugverkehr

Geld oder Klima? Was die Swiss unter Nachhaltigkeit versteht

Die Swiss befördert immer mehr Passagiere, trotz Klima-Debatte.

Die Swiss befördert immer mehr Passagiere, trotz Klima-Debatte.

Der Airline Swiss geht es blendend. Gewinn und Passagierzahl erreichten 2018 einen Rekordwert. Gleichzeitig gerät der Luftverkehr in der Klimadebatte unter Druck. CEO Thomas Klühr wehrt sich.

Die Swiss ist die Nachfolgerin der legendären Swissair. Im Alleinflug hatte die Airline nie wirklich abgehoben, 2005 wurde sie an die Lufthansa verkauft. Heute geht es der Swiss besser denn je. Sie erzielte 2018 einen Betriebsgewinn von 636 Millionen Franken und beförderte 17,9 Millionen Flugpassagiere. Beides ist ein Rekordwert in der 17-jährigen Geschichte der Fluggesellschaft.

Dazu beigetragen hat die anhaltende Reiselust der Schweizer Bevölkerung. Sie legt heute mit dem Flugzeug eine grössere Strecke pro Kopf und Jahr zurück als mit Zug oder Auto. Damit gerät die Fliegerei ins Visier der Klimadebatte. Sie hat mit der Klimastreik-Bewegung an Dringlichkeit gewonnen. Dieser Tatsache kann sich CEO Thomas Klühr nicht entziehen.

Swiss-CEO Thomas Klühr an der Medienkonferenz vom Donnerstag.

Swiss-CEO Thomas Klühr an der Medienkonferenz vom Donnerstag.

Neben den Finanzen und Neuheiten wie einer Premium-Economyklasse widmete der Deutsche einen grossen Teil der Jahres-Medienkonferenz am Swiss-Hauptsitz in Kloten dem Thema Nachhaltigkeit. Und liess durchblicken, dass ein Ende des Wachstums nicht in Sicht ist. Im Gegenteil: «Das Buchungsvolumen steigt auch in diesem Sommer an.»

CO2-neutral gewachsen

Beim Klimaschutz setzt der Airline-Chef auf Technologie («Die Swiss verfügt über eine der modernsten und effizientesten Flotten in Europa. Wir sind in den letzten zwei Jahren in ZürichCO2-neutral gewachsen.») und auf globale Programme wie Corsia. Von nationalen Massnahmen wie einer CO2-Steuer oder dem EU-Emissionshandel hält Thomas Klühr nichts.

Im Anschluss an die Medienkonferenz hat watson ihm einige Fragen gestellt:

Am Freitag findet der nächste weltweite Klimastreik statt. Was halten Sie von der Bewegung?

Thomas Klühr: Man hört oft den Vorwurf, dass sich gerade die Jungen zu wenig in der Öffentlichkeit engagieren. Deshalb habe ich Respekt vor diesem Engagement. Aber es ist liegt auf der Hand, dass ich nicht alle Positionen inhaltlich teile, die von der Bewegung vertreten werden.

Die Jungen haben ihre Zukunft noch vor sich und wollen, dass etwas gegen den Klimawandel unternommen wird, der ihre Lebensgrundlage bedroht. 

Dieses Ziel teilen wir alle. Und wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf: Das Thema Klimaschutz ist nicht die Erfindung dieser Generation. Die Existenz zahlreicher grüner Parteien zeigt, dass sich auch die Generation davor ernsthaft damit auseinandergesetzt hat. Die spannende Frage ist, warum es nicht gelungen ist, das Thema dermassen in den Vordergrund zu rücken, dass wir bessere Fortschritte gesehen haben. Ich meine damit aber nicht nur den Luftverkehr.

Häufig läuft es doch auf die Fliegerei hinaus, etwa wenn Politiker den Jungen vorwerfen, sie würden heute für das Klima streiken und morgen nach Berlin fliegen, um Party zu machen. 

Das ist so, und man muss das überhaupt nicht emotional betrachten. Die Jungen fliegen einfach mehr als die ältere Generation. Man ist globaler geworden, stärker vernetzt, man studiert im Ausland und hat dort Freunde. Deshalb ist die Frage berechtigt, wie sich die Jungen die Mobilität in den nächsten Jahrzehnten vorstellen. Ich finde das Engagement der Klimastreik-Jugend stark, aber es muss auch erlaubt sein, Fragen zu stellen.

Eine dieser Fragen könnte lauten, warum die Fliegerei von fast allen Steuern befreit ist, im Vergleich mit anderen Mobilitätsarten.

Man muss korrekterweise sagen, dass der Luftverkehr die einzige Branche ist, die sich selbst finanziert und ohne Subventionen auskommt, etwa wenn man den Querverweis macht auf die Bahn. Am Ende finanziert sich der Luftverkehr aus den Ticketpreisen. Deshalb reicht dieser Vorwurf zu kurz, wenn man das Gesamtbild betrachtet.

Trotzdem lassen verschiedene Umfragen darauf schliessen, dass Flugticketabgaben in der Schweizmehrheitsfähig sind. Ist das bloss Gewissensberuhigung? 

Ich sehe das leider so. Unsere Branche ist global unterwegs, deshalb greifen lokale Massnahmen nicht. Wenn wir wirklich etwas für das Klima machen wollen, haben wir als Airline erst einmal die Hausaufgabe, dass wir neuste Flugzeugtechnologie einsetzen. Das machen wir gerade bei Swiss, wir investieren innerhalb von zehn Jahren acht Milliarden Franken in neue, effizientere und damit auch umweltfreundlichere Flugzeuge. Ausserdem müssen wir Instrumente vorantreiben, die gerade von der älteren Generation mit viel Engagement entwickelt wurden.

Was meinen Sie konkret?

Ein Beispiel ist das globale CO2-Kompensationsprogramm Corsia. Ein anderes Beispiel ist der Single European Sky: Unser europäischer Luftraum ist derart zersplittert, dass wir Umwege fliegen müssen und nicht modernste Technologie einsetzen. Mit einer gemeinsamen Luftraumüberwachung könnten 12 Prozent CO2-Emissionen eingespart werden. Ich würde mich wirklich freuen, wenn die Politik oder die junge Generation auch auf diese Themen hinweist und mithilft, dass sich etwas tut.

Sie haben auf das anhaltende Wachstum des Luftverkehrs verwiesen. Ist ein Programm wie Corsia nicht eine Alibiübung?

Es ist eine grosse Leistung, mehr als 70 Staaten dazu zu bringen, sich gemeinschaftliche Ziele zu setzen. Und die Schweiz, bei allem Respekt, wird nicht der Wachstumsmotor im Bereich Luftverkehr sein. Das Wachstum wird in Asien stattfinden. Deswegen müssen wir nicht nur unsere Hausaufgaben machen, sondern Instrumente finden, die global wirken.

Man wurde den Eindruck nicht los, dass Thomas Klühr die Klimadebatte ein Stück weit für aufgebauscht hält («Wir sind in einem Wahljahr»). In einem Punkt immerhin zeigte der CEO sich selbstkritisch. Die Möglichkeit, Flüge mit Myclimate zu kompensieren, sei bei der Swiss noch nicht kundenfreundlich ausgestaltet: «Wir müssen sie besser in den Buchungsprozess integrieren.»

Priorität in Sachen Nachhaltigkeit scheint bei der Swiss-Führung ohnehin weniger die Umwelt zu haben als die Finanzlage. Mehrfach hoben Klühr und Finanzchef Michael Niggemann «die Nachhaltigkeit in der Ergebnisentwicklung der letzten Jahre» hervor. Die Bedeutung des Luftverkehrs für die Schweiz gehe in der Klimadebatte «etwas unter», meinte Klühr bedauernd.

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