Tourismus

Frankenstärke bedroht Hotels und Restaurants in den Bergtälern

Kaum Gäste trotz tollem Winterwetter: Bergrestaurant oberhalb von Saas-Fee. key

Kaum Gäste trotz tollem Winterwetter: Bergrestaurant oberhalb von Saas-Fee. key

Bei Hotels und Restaurants im alpinen Raum und im Tessin gehen die Logiernächte zurück - schuld ist in erster Linie der starke Franken. Den Gäste aus dem Euroraum meiden die Schweiz häufiger.

Frankenschock, Kostendruck – unter anderem wegen überrissener Einkaufspreise, der steigenden Zahl von Vorschriften und Buchungen über Online-Portale – sowie die Befürchtung, in Zukunft wegen der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative zu wenig ausländische Fachkräfte beschäftigen zu können: Das sind die grössten Herausforderungen der Hotel- und Restaurantbranche, wie gestern die Verantwortlichen des Branchenverbands Gastro Suisse an ihrer Jahresmedienkonferenz in Bern ausführten.

Chinesen sind sparsame Gäste

Dabei treibt Verbandspräsident Casimir Platzer vor allem die Sorge um die Zukunft des Tourismus in den Berggebieten und dem Tessin um. Während die Zahl europäischer Gäste in den letzten zehn Jahren in Städten wie Basel oder Zürich um 14 respektive 8 Prozent angestiegen ist, ist sie in Graubünden um 37, im Wallis um 36 und im Tessin gar um 42 Prozent eingebrochen.

Insbesondere Deutsche mieden unser Land, so Platzer: «Seit dem Einsetzen der Finanzkrise im Jahr 2008 sind deren Übernachtungen um fast 40 Prozent gesunken.» Bitter sei dies, so der Hotelier in Kandersteg, weil im Hotel ein Deutscher so viel ausgebe wie drei Chinesen: «Die bestellen bei mir heisses Wasser, um auf dem Zimmer die mitgeführte Nudelsuppe zu essen.»

Der Rückgang der Logiernächte mit EU-Bürgern ist in erster Linie dem starken Franken zuzuschreiben. Die Aufgabe des Euro-Mindestkurses hält Platzer daher für einen «Fehlentscheid» der Nationalbanker, den sie eigentlich korrigieren sollten.

Die Währungsproblematik trifft nicht nur die Berggebiete, sondern auch grenznahe Kantone wie Neuenburg, den Thurgau und das Tessin. Gemäss Massimo Suter von Gastro Ticino beliefen sich allein die Einnahmenverluste wegen des Einkaufs- und Gastrotourismus in der Südschweiz auf 400 Millionen Franken. Zudem seien 2015 nicht nur die Buchungen von Deutschen stark rückläufig gewesen, sondern auch die von Schweizern.

Hotels spüren Weissgeldstrategie

Dazu kommt: Die Weissgeldstrategie der Banken hat direkte Auswirkungen auf den Alpentourismus. So verlor Platzer Gäste aus dem EU-Raum, weil sie ihre bei Schweizer Banken deponierten «Ferienkässeli» auflösen mussten.

Auch Ernst Wyrsch, Präsident von Hoteliersuisse Graubünden, bestätigt: «Hoteliers spüren das beim Ausgabeverhalten. Früher profitierten sie von Gästen mit unversteuerten Geldern. Diese gaben im Hotel mehr Geld aus als andere.» Dazu komme, dass Banken Kunden wegen unversteuerter Gelder teilweise rüde vor die Türe gesetzt hätten: «Diese suchen sich nun halt auch ein neues Ferienland aus.»

Platzer befürchtet, dass sich wegen der Tourismuskrise ganze Bergtäler entvölkern könnten: «Mir ist unverständlich, dass die Politik bislang tatenlos zusieht.» Gefordert sei insbesondere auch Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Platzer verlangt daher die «Einberufung eines Gipfels zur Stützung des Tourismus im alpinen Raum».

Das Seco sei sich der Probleme bewusst, kontert Evelyn Kobelt, Sprecherin des Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF): «Der Austausch mit der Branche funktioniert und wird weitergeführt.»

Auch deswegen wird der von Platzer geforderte Gipfel kaum schnell stattfinden. Abzuwarten gilt es zudem die Resultate einer Analyse des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Untersucht werde, wie der Tourismus in den Alpen funktioniere, sagt Evelyn Kobelt. Zudem habe der Bundesrat bereits das «Impulsprogramm 2016 bis 2019» aufgegleist. Davon fliessen 200 Millionen in Projekte zur Förderung einer neuen Regionalpolitik, insbesondere im Alpenraum und im Tessin.

Initiative gegen Hochpreisinsel

Der Tourismus-Gipfel ist nur eine von mehreren Forderungen von Gastro Suisse. So lanciert der Verband zusammen mit weiteren Partnern noch in diesem Jahr die Initiative «Stopp der Hochpreisinsel».

Dabei geht es laut Platzer darum, dass ausländische Konzerne ihre Produkte in der Schweiz nicht mehr viel teurer verkaufen können als andernorts. Zudem verlangen die Gastronomen, dass die Wettbewerbskommission aktiver gegen ausländische Online-Portale wie booking.com vorgehen soll. Denn Hoteliers dürfen auf ihren eigenen Websites die Preise der Online-Portale nicht unterbieten.

Bei all diesem Politgetöse ging ein wenig unter, dass sich die Branche nach dem Fall des Euro-Mindestkurses überraschend gut gehalten hat. Die Ausgaben der Bevölkerung für Essen und Trinken ausser Haus sank 2015 nur um 1,1 Prozent auf 22,4 Milliarden Franken. Damit fällt der Rückgang geringer aus als 2014. Aber die Zahl unrentabler Betriebe nahm weiter zu. Ende 2015 gab es 403 Restaurants und 52 Hotels weniger als im Vorjahr.

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