Export
Lust und Frust im Brexit-Land: Exportzahlen zeigen eine Abkoppelung des Königreichs vom EU-Markt

Der britische Premier Boris Johnson wird für seine Express-Impfungen allseits gelobt. Doch beim anderen grossen Thema, dem Austritt aus der EU, spüren exportorientierte Firmen jetzt grosse «Zahnschmerzen». Um 40 Prozent gingen die Exporte von Grossbritannien in die EU zurück.

Sebastian Borger aus London
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Stau vor der Grenze in Kent: Szene vor Weihnachten 2020.

Stau vor der Grenze in Kent: Szene vor Weihnachten 2020.

Bild: EPA/Keystone (23. Dezember 2020)

Drei Monate nach dem endgültigen Ausscheiden Grossbritanniens aus dem EU-Binnenmarkt kommt der Brexit in der öffentlichen Diskussion nur noch am Rande vor. Die Covid-Pandemie bleibt auch hier das alles beherrschende Thema. Dass Grossbritannien bei der Impf-Quote zu den weltweit führenden Nationen zählt, hilft auch der Wirtschaft: Der anziehende Pfund-Kurs zeigt, dass die Märkte auf einen Aufschwung der britischen Wirtschaft glauben.

Die Exportzahlen aber sind zurzeit schlecht. Sie zeigen geradezu eine Abkoppelung des Königreichs vom EU-Markt. Vor allem wegen des Brexits? Oder wegen der Coronapandemie? Schwer zu sagen. «Wir haben keine wirkliche Antwort», räumt Thomas Sampson ein, Professor an der London School of Economics (LSE). «Wir wissen nur: Da ist etwas Grosses passiert.»

Beim Vertrag über die zukünftigen Wirtschaftsbeziehungen beharrte London vor Weihnachten auf grösstmöglicher Distanz zu Brüssel. Abgeschlossen wurde eine enge Vereinbarung für den Güterverkehr. Dienstleistungen wie beispielsweise die Arbeit von Bankern, Tradern und Anwälten in der City of London, dem grössten internationalen Bankenzentrum der Welt, kamen darin gar nicht vor. Dabei machen diese insgesamt 80 Prozent der britischen Volkswirtschaft aus.

Die EU behandelt die Briten als Drittstaat

Seither behandelt die EU das Ex-Mitglied als angrenzenden Drittstaat; der florierende (und für Mitgliedsstaaten wie Deutschland extrem lukrative) Handel im Warenverkehr wird durch vielfältige Bürokratie und neue Gebühren behindert. Folge: Im Januar gingen britische Exporte in den Binnenmarkt, verglichen mit Januar 2020, um 40 Prozent zurück. Bei den gerade für die Lebensmittelversorgung der Briten lebenswichtigen Importen bleibt der Effekt begrenzt, weil die Londoner Regierung die Einführung des neuen Zoll- und Steuerregimes kurzerhand bis Juli ausgesetzt hat.

Die Regierung von Premier Boris Johnson begegnet Kritik an ihrer Brexit-Begeisterung mit zwei Argumenten: einerseits dem Covid-Effekt, andererseits dem notwendigerweise schwierigen Übergang nach 48-jähriger Zugehörigkeit zum europäischen Wirtschaftsraum. Die Folgen des EU-Austritts, heisst es erstens, seien vernachlässigbar im Vergleich zum massiven Covid-Effekt. 2020 schrumpfte die Wirtschaft der nationalen Statistikbehörde ONS zufolge um 9,8 Prozent, auch in diesem Jahr steht die Erholung noch aus. Zwar sind inzwischen auf der Insel mehr als 30 Millionen Menschen mindestens einmal gegen Sars-CoV-2 geimpft, 45,5 Prozent der gesamten Bevölkerung. Doch weiterhin gilt die Aufforderung der Regierung zum Homeoffice. Im weitaus grössten Landesteil England bleiben Pubs und Restaurants sowie der Einzelhandel geschlossen – Gift für die Volkswirtschaft.

Mit Blick auf den Brexit verwenden Regierungsvertreter, zweitens, gern den Begriff der «teething problems», wörtlich: Probleme beim Zahnen, also Kinderkrankheiten. Medien vom linksliberalen «Guardian» bis zur konservativen «Sunday Times» aber liefern immer neue Beispiele langfristiger Probleme. Für viele auf reibungslosen Handel angewiesene Firmen mit Zehntausenden von Mitarbeitern fühlt sich längst wie dauerhafte Zahnschmerzen an, was ihnen im Alltag begegnet.

Johnson fordert Briten zum Verzehr heimischer Produkte auf

Beispiel Fisch: Wie für andere Drittstaaten verlangt Brüssel nun auch von britischen Fischern vor der Einfuhr die Reinigung ihrer Produkte. Dadurch ist der lukrative Export von Muscheln und Austern aus britischen Küstengewässern praktisch zum Erliegen gekommen – ganz gegen die Erwartungen der Branche, die mehrheitlich den Brexit enthusiastisch unterstützt hatte. Die Regierung habe ihm und seinen Kollegen ungehinderten Zugang zum Binnenmarkt versprochen, hat John Holmyard von Offshore Shellfish in Brixham (Grafschaft Devon) der BBC berichtet. «Das galt sogar im Fall von No Deal», also einem chaotischen EU-Austritt ohne jede Anschlussvereinbarung.

Kritisiert Brüssels Vorgehen: Landwirtschaftsminister George Eustice

Kritisiert Brüssels Vorgehen: Landwirtschaftsminister George Eustice

Keystone/EPA

Konfrontiert mit der Realität schieben die Brexiteers der EU die Schuld in die Schuhe. Brüssels Vorgehen sei «unvertretbar und unnötig», schimpft Landwirtschaftsminister George Eustice. Premier Johnson hat die Briten zum Verzehr heimischer Produkte aufgefordert. Darüber kann Fischer Holmyard nur müde lächeln: «Wir haben 95 Prozent unserer Ware auf den Kontinent geliefert. Das gleicht der heimische Markt nicht aus.»

Importe verzögern sich um Wochen

Beispiel Importe: Das Perückenstudio «Rivelli Capelli» in Nottingham importierte bisher reibungslos den Grossteil seiner Ware aus Deutschland. Die Kundschaft besteht überwiegend aus Krebspatienten, denen eine Chemotherapie die Haare raubt, berichtet Mitbesitzer Iain Brooks. «Es ist ein schwieriges Thema, viele Leute wollen nicht gern darüber nachdenken.» Gerade deshalb waren kurze Lieferfristen so angenehm.

Inzwischen dauert eine Lieferung aus Frankfurt nicht nur mindestens zwei, häufig vier Wochen; sie kostet auch 15 Prozent mehr. Das hat mit den Zusatzkosten für Personal und Bürokratie zu tun: Ein neues Zahlungsformular sowie die Papiere für alle Zollformalitäten müssen ordnungsgemäss ausgefüllt werden, die Benachrichtigung und Vorab-Bezahlung des Kurierdienstes kostet zusätzlich Zeit.

Beispiel Exporte: Frog Bikes im walisischen Pontypool verkauft seine Kinderräder in 22 EU-Mitgliedsstaaten. Schon sind die Preise um 19 Prozent gestiegen – Folge der enormen Zusatzkosten von umgerechnet rund 326'000 Franken, die dem kleinen Unternehmen mit einem Umsatz von 15,6 Mio. Franken allein in den ersten beiden Monaten des neuen Jahres entstanden sind. «Das sind keine Kinderkrankheiten», ärgert sich Firmeninhaber Jerry Lawson. «Hier gibt es ein Strukturproblem.»