25 Jahre Eurodisney
Europas grösster Vergnügungspark schreibt immer noch Verluste

Disneyland Paris feiert diese Woche sein 25-jähriges Bestehen. Der mit Abstand grösste Vergnügungspark Europas bleibt ein Publikumserfolg – und trotzdem ein finanzieller Reinfall.

Stefan Brändle, Marne-la-Vallée
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Mickey Mouse erobert noch immer die Herzen von Gross und Klein, finanziell ist der einzige Disneyland-Ableger in Europa ein Fiasko. Shutterstock

Mickey Mouse erobert noch immer die Herzen von Gross und Klein, finanziell ist der einzige Disneyland-Ableger in Europa ein Fiasko. Shutterstock

Mickey’s Magie wirkt noch immer. Klein Leo klettert auf die Robinson-Insel, ballert mit der Laserkanone und rast mit dem Minenwagen durch den Big Thunder Mountain; nach dem Lunch mit Star-Wars-Bühnenshow jagt der Fünfjährige die Ratte Ratatouille und erholt sich auf dem Fliegenden Teppich-Karussell. Dann aber will Leo endlich zu seiner Lieblingsattraktion im Disneyland Paris – der Audienz bei der Maus. Nach 40-minütigem Schlangestehen begrüsst der Bub per Handflächenschlag den lebensgrossen Mickey Mouse, als wäre er sein bester Freund. «Mickey verkörpert eben das Kind in uns», schmunzelt Laura Janice Gedigk, eine 28-jährige Deutsche, die seit Jahresbeginn als offizielle «Botschafterin» des Vergnügungsparks amtiert.

Schneeflocken wirbeln durch den 2200 Hektar grossen Disney-Komplex im Osten von Paris. Trotz stolzer Preise – eine vierköpfige Familie im Park kommt schnell auf 300 Euro, ohne Anreise – strömen täglich Zehntausende her. Das Angebot an Attraktionen und Verpflegung ist reich, das Personal freundlich und die Infrastruktur intakt. Um den doppelten Vergnügungspark – der neuere zum Thema Film – stehen sieben Hotels, 55 Restaurants, zwei Kongresszentren und ein Golfplatz. 30 000 Menschen arbeiten und wohnen hier in Marne-la-Vallée, dem Tal des Marne-Flusses. Vor 1992, als der Park die Tore öffnete, waren es kaum 5000. Um Disney anzulocken, baute die französische Regierung eine Bahnlinie aus Paris sowie einen TGV-Bahnhof.

Auch aus der Schweiz weniger Touristen

Die Region Paris hat 2016 im Zuge der schweren Terroranschläge des Vorjahres 1,5 Millionen Touristen verloren. Das entspricht einem Rückgang von 4,7 Prozent; bei ausländischen Touristen betrug er gar 8,8 Prozent, während die Franzosen kaum auf die Reise in ihre Hauptstadt verzichteten. Am stärksten ist der Rückgang aus China (minus 21,5 Prozent). Aus der Schweiz waren 7,3 Prozent weniger Reisende zu verzeichnen, wie das regionale Tourismuskomitee am Dienstag mitteilte. Der Grossraum Paris hat damit im vergangenen Jahr schätzungsweise 1,3 Milliarden Euro verloren. Bei den einzelnen Attraktionen litten vor allem das Louvre-Museum (minus 13,3 Prozent), das Musée d’Orsay (minus 12,9 Prozent), Schloss Versailles (minus 9,8 Prozent) und Disneyland Paris (minus 9,5 Prozent). (brä)

Gewinne sind die Ausnahme

Am Samstag werden der französische Präsident François Hollande und die britische Park-Vorsteherin Catherine Powell vor Ort das 25-Jahr-Jubiläum dieser Erfolgsstory zelebrieren und eine neue Superattraktion namens Star Tours einweihen. Erfolgsstory? Kommerziell bestimmt: Seit einem Jahrzehnt zählt der Doppelpark 14 bis 15 Millionen Besucher im Jahr. Wegen der Attentate in Paris fiel die Zahl 2015/2016 um zehn Prozent; im letzten Quartal haben sie wieder sechs Prozent zugelegt. Disneyland Paris ist in Europa klare Nummer eins, mit einem Mehrfachen der Gästezahl anderer Parks.

Finanziell ist «Eurodisney», wie der viertälteste Disney-Park neben Kalifornien, Florida, Tokio, Hongkong und Schanghai heisst, indes ein Desaster. In 25 Jahren schaffte er nur sieben positive Abschlüsse. Im letzten Geschäftsjahr gab es einen Rekordverlust von 705 Millionen Euro – eine direkte Folge der Terroranschläge, aber nicht nur: Eurodisney schleppt bis heute rund eine Milliarde Euro Schulden mit sich, deren Zinslast auf die Jahresrechnung drückt.

Und das seit dem Beginn im Jahre 1992. Bis heute rächt sich, dass das Mutterhaus Walt Disney sein europäisches, 3,8 Mrd. Euro teures Abenteuer einzig per Kredit finanzierte. Die Überschuldung war unausweichlich. Der Konzern mit Sitz im kalifornischen Burbank ahnte das wohl, zeichnete er doch vorsichtshalber nur eine Minderheit des Kapitals am Pariser Park. Den Rest brachten vor allem französische Kleinanleger auf. Sie folgten dem Ruf des sozialistischen Präsidenten François Mitterrand, das Disney-Projekt mit seinen 55 000 direkten und indirekten Arbeitsplätzen als «Volksaktionäre» zu unterstützen. Die Aktie kletterte nach der Ausgabe im Jahr 1989 von 11 auf bis zu 25 Euro – um in den Folgejahren auf gut einen Euro zu fallen. Der Schuldendienst wog zu schwer; zudem reservierte sich Disney sechs Prozent des Umsatzes als Lizenzabgaben. Die meisten Überschüsse fliessen damit in die Walt Disney Company, die dank rekordhohen Filmeinnahmen – 2016 über 7 Mrd. Dollar – ohnehin im Geld schwimmt.

Klage wegen schlechter Führung

Während der reiche US-Onkel Dagobert seine Geldschränke füllte, blieb den europäischen Neffen die leere Kasse. Die Eurodisney-Aktie ist noch rund 2 Euro wert. «Disneyland Paris könnte rentabel sein, aber das ganze Geld wandert seit langem in die USA», beklagt sich die französische Anlegerin Catherine Berjal. Ihr Investmentfonds Ciam hat in Paris gegen den Disney-Konzern Klage wegen «schlechter Führung und missbräuchlichem Verhalten» eingereicht. In den letzten zehn Jahren seien 930 Millionen Euro unrechtmässig nach Burbank abgesaugt worden.

Die Walt Disney Company weist die Vorwürfe als «falsch und unbegründet» zurück. Sie hatte den Park 2014 selbst schon massiv rekapitalisieren müssen. «Wir haben durch Arroganz gesündigt», gestand der Eurodisney-Vorsteher Philippe Gas. Damit meinte er auch die US-Philosophie, die dem europäischen Park anfangs Fastfood mit Alkoholverzicht verordnete. Heute herrschen in Marne-la-Vallée europäische Standards; im Bistro «Chez Rémy» gibt es beispielsweise für 54.99 Euro ein korrektes Dreifachmenu mit Fisch und Wein.

Nun muss die Disney-Mutter noch weitergehen. Wie sie Anfang Februar ankündigte, ist sie bereit, die ganze Verantwortung für ihren europäischen Park zu übernehmen und das ganze Kapital für 2 Euro die Aktie aufzukaufen. Vom bisher grössten Einzelaktionär, dem saudischen Prinzen Al-Walid bin Talal, hat sie bereits die Anteile erworben. Ziel ist es, Eurodisney zu 100 Prozent zu übernehmen und von der Börse zu nehmen. Ausserdem will der Stammkonzern in Burbank 1,5 Mrd. Euro investieren. Er zeigt damit, dass er an die Zukunft des europaweiten Tourismusmagneten glaubt. Nach 25 Jahren war es auch Zeit.