Kredite

«Es gibt keine Kreditklemme»

Hans-Ulrich Meister: «Die Kantonalbanken und die Raiffeisenbank, denen viel Geld zugeflossen ist, müssen mehr Verantwortung übernehmen.» (Raphael Hünerfauth)

Hans-Ulrich Meister

Hans-Ulrich Meister: «Die Kantonalbanken und die Raiffeisenbank, denen viel Geld zugeflossen ist, müssen mehr Verantwortung übernehmen.» (Raphael Hünerfauth)

Viele Schweizer KMU fürchten sich vor einer Kreditknappheit. Zu Unrecht, sagt Hans-Ulrich Meister, Schweiz-Chef der Credit Suisse. Firmen mit Zukunft bekommen von den Banken nach wie vor Geld.

Daniel Imwinkelried

Banken würden von kriselnden KMU explizit Entlassungen fordern, wenn diese einen Kredit brauchen, behaupten Unternehmer und Politiker. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?
Hans-Ulrich Meister: Solche Aussagen sind schlicht falsch. Wenn sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert, steigen die Risiken für die Banken. Daher ist es legitim, dass wir mit unseren Firmenkunden intensivere Gespräche über ihre Aussichten führen. Unsere Berater wollen verstehen, was ein Firmenkunde vorkehrt - etwa gegen die schrumpfende Nachfrage. So wollen wir wissen, welche Szenarien eine Firma verfolgt, falls der Auftragseingang monatelang tief bleiben sollte. Und klar ist: Eine Firma muss uns überzeugende Szenarien präsentieren, damit wir sie weiter unterstützen. Aber wir greifen nie in die Strategie und die Geschäftsführung ein.

Aber die Banken drängen auf Sparmassnahmen, und solche können eben das Personal treffen.
Meister: Betriebswirtschaftlich ist die Sache einfach: Wenn einer Firma der Umsatz plötzlich weg- bricht, bekommt sie ein Problem mit den Kosten. Sie muss handeln.

Viele Exportfirmen haben in den letzten Wochen ein solches Kostenproblem bekommen. Wie beurteilen Sie den Zustand der Schweizer Exportwirtschaft?
Meister: Es gibt kein einheitliches Bild. Im September des vergangenen Jahres sind bei einigen Firmen die Aufträge abrupt eingebrochen. Als Bank wollen wir nun wissen, wie sich die Auftragslage seither entwickelt hat und wie die Firma ihre Aussichten einschätzt. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die noch einen grossen Auftragsvorrat haben, oder auch Firmen und Branchen, die nicht oder kaum von der Krise betroffen sind.

Könnte es für viele Unternehmen knapp werden, wenn sich die Lage in den nächsten Wochen nicht bessert?
Meister: Dies hängt auch von den Möglichkeiten der Finanzierung ab. Vor allem grössere Firmen finanzierten sich teilweise über ausländische Banken oder direkt am Kapitalmarkt. Viele dieser ausländischen Institute haben sich aber auf ihren Heimmarkt zurückgezogen. Und am Kapitalmarkt können Firmen nicht mehr so leicht Geld aufnehmen.

So entsteht eine Lücke. Wer füllt sie? Die Credit Suisse?
Meister: In der Pflicht stehen die hiesigen Banken. Das Firmenkundengeschäft bleibt für unsere Bank zentral. Die Credit Suisse ist eine der führenden Banken bei Konsortialkrediten. Bereits jetzt stammen 55 Prozent aller ungesicherten Kredite für KMU von den beiden Grossbanken. Aber diese können die Lücke nicht allein abdecken. Auch die Kantonalbanken und die Raiffeisenbank, denen in den letzten Monaten viel Geld zugeflossen ist, müssen mehr Verantwortung übernehmen.

Viele dieser Banken sind aber zu klein.
Meister: Entsprechend ihrer Grösse werden sie sich verstärkt engagieren müssen.

Prinzipiell sind Sie aber der Ansicht, dass Schweizer Banken das zusätzliche Kreditbedürfnis decken können.
Meister: Auf absehbare Zeit - ja.

Trotzdem arbeitet der Verband der Maschinenindustrie Swissmem an einem Überbrückungsfonds. Er soll KMU helfen, die in Finanzproblemen stecken. Was halten Sie davon?
Meister: Noch kennt niemand die Details eines solchen Fonds. Gegenüber staatlichen Interventionen, die den Markt verzerren, bin ich aber skeptisch. Zurzeit gibt es in der Schweiz keine Kreditklemme. Firmen, die mittel- und langfristig Überlebenschancen haben, bekommen von den Banken Geld. Die Kredite werden weiter nach denselben Standards vergeben, und Credit Suisse hat das Kreditvolumen im ersten Quartal gar ausgedehnt.

Es braucht also keinen Überbrückungsfonds?
Meister: Aus heutiger Sicht nicht. Vieles hängt davon ab, wann sich die Wirtschaft wieder erholt. Das Kreditvolumen ist zudem abhängig von der Nachfrage. Viele Firmen stellen grosse Investitionen zurück. Deshalb zeigt die Kreditstatistik für die Gesamtbranche möglicherweise im Verlauf des Jahres sinkende Volumen. Dies wäre aber noch keine Kreditverknappung, sondern die Folge des Nachfragerückgangs.

Die Credit Suisse würde bei einem Überbrückungsfonds deshalb auch nicht mitmachen?
Meister: Dazu äussere ich mich, sobald ich die Details kenne.

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