Digitalisierung
Erneut stehen mehr Geschäfte leer – besonders dramatisch ist die Situation im Aargau

Eine exklusive Auswertung, die der «Schweiz am Wochenende» vorliegt, zeigt: Die Leerstände sind auf einen neuen Rekordwert gestiegen. Besonders schnell wandelt sich der Aargau.

Niklaus Vontobel
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Einkaufszentrum Gais in Aarau: nach schwierigen Jahren soll nun eine «Revitalisierung» helfen.

Einkaufszentrum Gais in Aarau: nach schwierigen Jahren soll nun eine «Revitalisierung» helfen.

SEVERIN BIGLER

In der Schweiz mussten 2016 für 4130 Läden neue Mieter gefunden werden. Das sind nochmals 2 Prozent mehr als 2015, als die Laden-Leerstände bereits auf einen neuen Rekordstand geklettert waren. Im Jahr 2012 – als die Welt im stationären Detailhandel noch heil war – wurden nur 1570 Läden ausgeschrieben, nicht einmal halb so viele.

Das zeigen erstmals Zahlen von Meta-Sys, einem renommierten Anbieter von Immobilien-Daten. Meta-Sys hat seit 2004 systematisch erfasst, wie viele Länden in der Schweiz online ausgeschrieben werden. Die «Schweiz am Wochenende» präsentiert diese Zahlen exklusiv.

Die Auswertung von Meta-Sys zeigt auch, welche Städte besonders von leeren Ladenflächen betroffen sind. Gleich drei Thurgauer Städte finden sich unter den Agglomerationen mit den höchsten Leerständen. In Amriswil-Romanshorn waren es 19 Prozent; in Kreuzlingen rund 17; in Frauenfeld dann 14 Prozent (siehe nachfolgende Grafik).

Selbst in der Wirtschaftsmetropole Zürich füllen sich die Läden nicht mehr von alleine. 14 Prozent der Läden mussten online ausgeschrieben werden (siehe Grafik oben). Die höchsten prozentualen Zunahmen verzeichneten indessen Aargauer Städte. In Aarau stieg die Zahl leerer Läden um über 250 Prozent an, in Baden um fast 200 Prozent (siehe nachfolgende Grafik).

Das tatsächliche Ausmass des Wandels dürften diese Zahlen unterschätzen. Denn viele Vermieter haben sich bereits an die neuen Realitäten angepasst. Gemäss einem Index von Wüest-Partner sind die Mieten für Verkaufsflächen in den letzten vier Jahren um fast 10 Prozent runtergegangen. Sonst stünden noch mehr Läden leer.

Geteiltes Leid ...

Andere Vermieter haben umgedacht: Sie vermieten nicht mehr an Detailhändler, sondern an Architekten, Werber oder Designer. So verschwinden diese «Läden» aus den Statistiken. Typische Beispiele dieses Wandels sieht man beim Spaziergang durch die Stadt. Einstige Laden-Schaufenster sind neu mit einem Sichtschutz versehen, damit dahinter Büro-Jobs in Ruhe erledigt werden können.

Treiber dieses Wandels ist die Digitalisierung des Detailhandels. Im Kanton Thurgau kommt noch der Einkaufstourismus dazu. Viele Detailhändler sind überfordert. «Ihnen brechen die Einnahmen weg, dabei müssten sie nun Geld in den eigenen Onlineshop stecken: da geraten viele finanziell in Schieflage», sagt Felix Thurnheer vom Berater Immocompass. Immerhin trifft der Onlinehandel auch die Konkurrenz ennet der Grenze.

«Einkaufstouristen gehen für die tiefen Preise nach Deutschland. Bekommen sie diese auch online – ohne lange Fahrt und ohne Warten am Zoll –, steigen sie um auf Onlineshops», sagt Thurnheer. Das spürt der Detailhandel in Südbaden – in der Region wird mit Schweizern bis 40 Prozent des Umsatzes gemacht.

Gerade kleine Händler sind skeptisch über ihre Geschäftsaussichten, gemäss Umfragen – die Onlinekonzerne plagen sie. Es passt ins Bild, dass der südbadische Detailhandel zuletzt nicht halb so schnell wuchs wie der gesamtdeutsche.

Und ausgerechnet jetzt, da der Einkaufstourismus schwächelt, drängen ennet der Grenze neue grosse Einkaufszentren in den Markt: in Radolfzell, Weil am Rhein und in Singen. 40 000 Quadratmeter auf einen Schlag – fast 20 Prozent dessen, was in der ganzen Schweiz letztes Jahr auf den Markt kam. Das Rangeln um Schweizer wird noch härter.

Im Aargau hat wohl die Krise der Einkaufszentren die Leerstände ansteigen lassen. Marco Feusi von Wüest-Partner sagt: «In den Aargauer Innenstädten läuft es im Vergleich zu anderen Standorten noch gut. Aber die mittelgrossen Einkaufszentren in den Umgebungen leiden besonders stark unter dem digitalen Wandel.»

Bald mehr «dead malls»

Ein typisches Beispiel in Aarau ist das Zentrum «Gais», das schon seit sieben Jahren vor sich hin schwächelt und es nun erneut mit einer «Revitalisierung» probiert. Diese Krise ist noch längst nicht ausgestanden. Gerade die Retailer von Schuhen, Kleidern sowie Elektronik und Multimedia würden noch weniger Flächen in Einkaufszentren brauchen, sagt Feusi. Heute seien viele jedoch noch durch langfristige Mietverträge gebunden.

Den typischen Krankheitsverlauf von Einkaufszentren beschreibt der Berater für E-Commerce «Carpathia» auf seinem Blog. Es fange damit an, dass die ersten wichtigen Mieter verschwinden – worauf das Zentrum renoviert und aufgehübscht wird. Erneut ziehen Mieter aus oder wollen weniger Platz haben – worauf Food Courts ausgebaut werden; Essen soll Kunden anlocken, und Pop-up-Stores. Die Umsätze bleiben schwach – worauf Events und allerlei Unterhaltung angeboten werden. Am Ende ist das Zentrum tot.

Den ersten Fall eines toten Einkaufszentrums, einer «dead mall», habe man im Tessin gehabt, schreiben die Experten von Carpathia. «Weitere werden wohl unweigerlich folgen.»

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