Pandemie

Erholung für die Wirtschaft oder zweite Welle? «Wir befinden uns in einer Schwebesituation»

Die Industrie kämpft nach wie vor stark mit den Folgen der Coronakrise. Ein Angestellter beim Schweissen.

Die Industrie kämpft nach wie vor stark mit den Folgen der Coronakrise. Ein Angestellter beim Schweissen.

Eine zweite Infektionswelle würde die Schweizer Wirtschaft zurückwerfen. Sie hätte allerdings nicht die Wucht der ersten Welle.

In welche Richtung kippt die wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz? Erholt sich die Wirtschaft weiter oder führt eine zweite Welle zu einem weiteren Dämpfer? Die Konjunkturforscher der ETH Zürich sehen nach dem Absturz im März und April zwar Entspannungstendenzen, allerdings sei es zu früh, um von einer Erholung zu sprechen, sagte Konjunkturforscher Klaus Abberger an einer virtuellen Pressekonferenz vom Mittwoch. «Wir befinden uns in einer Schwebesituation», sagte er. Nach einer Erholung seit dem Tiefpunkt im April gebe es momentan nur wenig Bewegung.

Bleibt die Situation stabil, rechnet die Konjunkturforschungsstelle für 2020 mit einem Rückgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 4,9 Prozent. Das wäre leicht positiver als vor Monatsfrist: In der Prognose vom Juni wurde noch ein Rückgang von 5,1 Prozent erwartet.

Für das Jahr 2021 geht der langjährige Leiter der KOF, Jan Egbert Sturm, dann von einer starken Beschleunigung aus. Die Schweizer Wirtschaft würde mit 4,1 Prozent wachsen. «Aber auch damit hätten wir noch nicht das Vorkrisenniveau erreicht», stellt Sturm klar. Im Basisszenario werde es bis ins Jahr 2022 dauern, bis das Wertschöpfungsniveau von vor der Krise wieder erreicht wird.

Nachfrageeinbruch in den Wintermonaten

Kippt die Situation aber und folgt auf die erhöhten Ansteckungszahlen eine zweite Welle, würde die Wirtschaftsleistung der Schweiz im laufenden Jahr stärker zurückgehen. Die KOF hat deshalb ein Zweite-Welle-Szenario berechnet. Die Annahme dafür ist, dass jeder Träger des Coronavirus zwei Personen ansteckt. Es käme ab Herbst und in den Wintermonaten erneut zu einem starken Einbruch der Nachfrage zu lokalen Lockdowns und der Stilllegung einzelner Geschäftszweige.

Aufgrund der bisherigen Erfahrungen im Umgang mit dem Virus rechnet die KOF zwar mit weniger einschneidenden Einschränkungen, allerdings dürften diese aufgrund der höheren Ansteckungsgefahr in den Wintermonaten länger andauern als die Schutzmassnahmen im Frühjahr. «Generell gehen wir aber davon aus, dass die zweite Welle nicht die Schlagkraft des ersten Ausbruchs erreichen wird», sagt Sturm. Die KOF rechnet damit, dass sich vielerorts mit gezielten Massnahmen ein erneuter, strikter Lockdown verhindern lässt.

Die beiden Infektionsausbrüche würden dennoch zu einem deutlich stärkeren Rückgang in der Wertschöpfung als im Basisszenario. Die KOF rechnet dann für 2020 mit einem Rückgang des BIP von 6 Prozent. 2021 würde die Wirtschaft unter der schwachen Konjunktur leiden, deshalb fiele der Erholungseffekt mit einem Wachstum von 2,9 Prozent weniger stark aus.

Trotz des starken Einbruchs der Wirtschaft schlägt sich die Schweiz im Vergleich mit anderen Nationen gut. Der wirtschaftliche Einschnitt ist weniger tief. Er ist allerdings stärker als bei der Finanzkrise im Jahr 2008. Als damals das weltweite Bankensystem zusammenbrach, schrumpfte die Wertschöpfung der Schweizer Wirtschaft zeitweise um 4 Prozent. Zum Vergleich: Im April 2020 war der Rückgang mit 12 Prozent dreimal so hoch.

Hinzu kommt, dass die Erholung der Wirtschaft in der Finanzkrise deutlich schneller ablief. Nach sieben Quartalen war das Vorkrisenniveau erreicht. Bei der Coronakrise wird das gemäss KOF selbst beim optimistischen Szenario länger andauern.

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Autor

Roman Schenkel

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