Im zweiten Anlauf hat er es doch noch geschafft. Hariolf Kottmann wurde am Dienstag zum Präsidenten von Clariant gewählt. Wie kein Zweiter hat der Deutsche den jungen Spezialchemiekonzern geprägt, der 1995 von der damaligen Sandoz abgespalten wurde.

Kottmann wurde vor ziemlich genau zehn Jahren zum Konzernchef berufen, als sich Clariant in höchster Not befand. Die damals wütende Finanzkrise liess den Firmenwert auf noch 2,8 Milliarden Franken abschmelzen.

Die Misere beginnt jedoch schon lange vorher. Der wohl grösste Fehler ist ein folgenschwerer Deal. Im Jahr 2000 übernimmt Clariant die britischen BTP für 3,4 Milliarden Franken. Noch vor dem Abschluss des Deals verliert BTP einen Grossauftrag, später sind Abschreibungen in Milliardenhöhe und eine grosse Verschuldung die Folge. Trotz Stellenabbau, Verkäufen und einer Kapitalerhöhung nagt Clariant über Jahre an der Altlast.

Kottmann bleibt nicht viel Zeit, das Steuer herumzureissen. Entsprechend schnell und forsch geht der heute 63-Jährige ans Werk. Vier Monate nach seinem Amtsantritt beginnt Clariant Anfang 2009 mit dem Abbau von 1000 Stellen. Bereits Ende Jahr folgt der nächste Schritt.

Clariant schliesst drei Werke und streicht weitere 570 Stellen. Zunehmend zieht Kottmann die Wut der Gewerkschaften auf sich. Doch er lässt sich nicht beeindrucken: Drei Monate später gibt Clariant bekannt, am Hauptsitz in Muttenz BL die Produktion um 80 Prozent herunterzu- fahren. Rund 400 Stellen werden ins Ausland verlagert.

Die Gewerkschaften sprechen von einem schwarzen Tag für die Nordwestschweiz. Kottmann trifft der Zorn direkt. So verteilten Gewerkschafter Flugblätter, auf denen der «Kahlschlag von Kottmann» angeprangert wird. Er selber zeigt Verständnis für den Protest. «Ich glaube, ich würde das auch tun, wenn ich dort beschäftigt wäre», sagt er in einem Interview. Die heftigen Reaktionen seien mit ein Grund gewesen, weshalb sich seine Vorgänger nicht an dieses Thema gewagt hätten. Aber an der Verlagerung nach Asien führe kein Weg vorbei. Clariant hinke damit 10 bis 15 Jahren hinterher.

Kottmann verschafft sich Respekt

Doch die Gewerkschaften lassen sich mit dieser Erklärung nicht besänftigen. In der Folge kommt es zu Demonstrationen in Muttenz und Liestal. Sauer stösst den Gewerkschaften nicht zuletzt der schrittweise Stellenabbau auf, der zu einer grossen Verunsicherung in der Belegschaft führt. Doch der Protest erlahmt zusehends. Kottmann setzt sich mit seiner harten Linie durch.

Über die Jahre wird der Belegschaft wie auch der Öffentlichkeit klar, dass der äusserst schmerzhafte Einschnitt in den Jahren 2009 und 2010 wohl unumgänglich gewesen ist, um Clariant wieder auf Kurs zu bringen. Kottmanns klare Ansagen und seine Berechenbarkeit dürften mit dazu geführt haben, dass er sich inner- wie ausserhalb des Unternehmens zunehmend Achtung und Respekt verschafft hat.

Kaum hat Clariant allmählich aus der Krise gefunden, setzt Kottmann zur 2,5 Milliarden Franken schweren Übernahme der bayerischen Süd-Chemie an. Die Skepsis angesichts des stolzen Kaufpreises und der schmerzhaften Erinnerung an BTP ist gross. Doch diesmal geht der Plan auf, der Deal wird zum Erfolg.

Zudem beteiligt sich eine Gruppe um die Gründerfamilie von Süd-Chemie im Zuge des Verkaufs an Clariant. Bis heute verfügt die Firma damit über einen Ankeraktionär, der 14 Prozent an Clariant hält.

Für Aufsehen sorgt Kottmanns Lohn zu dieser Zeit. Der Deutsche erhält für das Jahr 2012 eine Vergütung von 7,4 Millionen Franken. Darin enthalten ist ein Sonderbonus in der Höhe von 1,4 Millionen Franken für die Übernahme der Süd-Chemie. Die hohe Vergütung sorgt auch unter den Aktionären für Unmut. Kottmann selbst bemerkt zu seinem Lohn süffisant: «Mein Lohn ist am oberen Ende dessen, was ich mir selber geben würde.»

Lust aufs Präsidium

Danach wird es ruhiger um Clariant. Da sich die Lage des Unternehmens zusehends verbessert, kommen Übernahmegerüchte auf. Doch ein ernsthaftes Angebot eines Konkurrenten trifft nie ein.

Trotzdem beginnt sich der Opern- und VfB-Stuttgart-Fan Gedanken zu machen, wie sich die Unabhängigkeit der Firma bewahren lässt. Dies dürfte mit ein Grund sein, weshalb Clariant im Mai 2017 eine Fusion mit dem US-Chemiekonzern Huntsman anstrebt.

Kottmann als einer der wichtigsten Architekten des Zusammenschlusses ist als Verwaltungspräsident der neuen Firma vorgesehen. Er selber bestreitet zwar stets, dass er gezielt das Präsidium von Clariant sucht. Allerdings lässt sein näheres Umfeld keine Zweifel an Kottmann Ambitionen offen.

Doch die Fusion scheitert am Widerstand eines neuen Grossaktionärs namens White Tale. Hinter diesem Namen stehen zwei US-Industrielle und ein Hedgefonds-Manager. Die Auseinandersetzung wird zunehmend gehässig geführt. Der sonst eher nüchterne Kottmann reagiert des Öfteren emotional. «Wenn ich gewissen Leuten offenbar als eitel erscheine, dann muss ich das hinnehmen und damit leben», sagt er dieser Zeitung. Und weiter: «Ich behaupte von mir selber, dass ich nicht eitel bin. Ich bin auch kein egogetriebener Alleinherrscher.»

Nachdem die Fusion platzt, macht sich Kottmann auf die Suche nach Alternativen. Rasch wird er in Saudi-Arabien fündig. Bereits früher hat es Gespräche mit dem Chemiekonzern Sabic gegeben, sie bleiben aber erfolglos. Dieses Mal holt Kottmann Sabic an Bord. Die Saudis übernehmen den Anteil von knapp 25 Prozent an Clariant von den drei US-Investoren.

Mit dem Einstieg von Sabic und der damit verbundenen neuen Strategie von Clariant kann Kottmann nun doch noch auf den Präsidenten-Stuhl wechseln. Der von aussen stets blass wirkende Rudolf Wehrli machte ihm an der gestrigen Generalversammlung Platz.

Kottmanns Nachfolger ist der Ex-Sabic-Manager Ernesto Occhiello. Damit ist die Ära Kottmann noch nicht zu Ende, aber ein wichtiges Kapitel in der Geschichte von Clariant und im Leben des Deutschen ist am Dienstag zu Ende gegangen.