Prozess
Er leitet das Verfahren gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef– und will Pierin Vincenz hinter Gitter bringen

Marc Jean-Richard-dit-Bressel leitet das Verfahren gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef. Beim Prozess im kommenden Jahr trifft der Staatsanwalt zum dritten Mal auf den «Schrecken der Anklage».

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Marc Jean-Richard-dit-Bressel betritt das Bezirksgericht Zürich während dem Prozess gegen den Financier Martin Ebner im Jahr 2003.

Marc Jean-Richard-dit-Bressel betritt das Bezirksgericht Zürich während dem Prozess gegen den Financier Martin Ebner im Jahr 2003.

Dominique Meienberg

Im Strafrecht dreht sich nicht alles um Mord, Betrug oder Diebstahl. Über die Hälfte der Verurteilungen betreffen Verletzungen des Strassenverkehrsgesetzes. Marc Jean-Richard-dit-Bressel, Privatdozent an der Universität Zürich führt seine zwei Dutzend Studentinnen und Studenten jeden Dienstag durch den Paragraphendschungel im Nebenstrafrecht. Da gehte es Geschwindigkeitsübertretung, Beschädigung von Verkehrsschildern oder um gefälschte Nummernschilder. Der Staatsanwalt doziert engagiert und mit vielen Beispielen aus der Praxis. Er setzt sogar seine eigenen Fotos ein und kämpft in der Videokonferenz bisweilen auch mit den Tücken der Technik.

Zurück an der Weststrasse, im Büro der Zürcher Staatsanwaltschaft hat es der Leiter der Abteilung A für Wirtschaftsdelikte mit einem grösseren Kaliber zu tun. Vor Monatsfrist reichte er die Anklage gegen den ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz ein. In der 356 Seiten starken Schrift gehen Zürcher Strafbehörden aufs Ganze. Vincenz und dessen Geschäftspartner Beat Stocker sind wegen gewerbemässigen Betrugs, Veruntreuung und Urkundenfälschung angeklagt. Die beiden sollen bei Firmenübernahmen der Kreditkartengesellschaft Aduno und der Investmentgesellschaft Investnet ein Doppelspiel gespielt und in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Bei einer Verurteilung drohen sechs Jahre Haft.

«Ambitiöse» Anklage gegen Vincenz

In der Zürcher Juristenzunft erfährt man einiges über den Staatsanwalt mit dem langen Namen. Offen redet man aber nicht so gerne über Kollegen. Ein Strafverteidiger spricht von einem «ambitiösen» Vorhaben des Zürcher Staatsanwalts.

Er hat den Weg gewählt, der am schwierigsten zu gewinnen ist

Doch dieses passe zum Ehrgeiz des 57-Jährigen. Er sei ein «guter Jurist», «phasenweise gar brillant», sagt ein anderer. Vom «Theoretiker» und «Überzeugungstäter» ist die Rede. Seine ausufernden Plädoyers sind berüchtigt. Der Staatsanwalt hebe vor Gericht gerne zum Exkurs in Rechtsgeschichte an, zitiere mit erhobenem Zeigefinger Philosophen, Historiker und Präzedenzfälle. Etwas «verkopft» sei er, heisst es deshalb. Mit einem «Hang zum Professoralen» und zum Extensiven. In solchen Momenten drohe er den Blick fürs Ganze zu verlieren, «überakribisch» zu werden.

Über sein Privatleben ist wenig bekannt. Der Chefermittler ist Mitglied der evangelisch-reformierten Landeskirche und tritt dort mitunter als Musiker in Erscheinung. Seine Ehefrau stammt aus Brasilien. Das Paar hat einen Sohn. Aufgewachsen ist Jean-Richard-dit-Bressel in Horgen am Zürichsee. Sein Vater, Charles Théodore war lange Zeit Direktor des Zeitungsverlegerverbands. 1992 schloss der Junge sein Rechtsstudium an der Universität Zürich mit dem Lizenziat ab. Danach ist er als juristischer Sekretär tätig. 2002 doktoriert er als vollamtlicher Staatsanwalt. Auch die Ausbildung zum Börsen- und Effektenhändler absolviert er 2003 nebenberuflich.

Sein Vorfahre war Uhrmacher im Jura

Sein Vorfahre, Daniel JeanRichard-dit-Bressel (1665-1741), gilt der Legende nach als Begründer der Schweizer Uhrenindustrie. Ihm ist deshalb in Le Locle im Kanton Jura eine neun Meter hohe Statue gewidmet. Sein Verdienst sei es gewesen, das erste Uhrmacheratelier im Neuenburger Jura aufgebaut und mit Werkzeugen, Einrichtungen und Fachwissen aus Genf ausgestattet zu haben. «Aber seine Werkstatt verfügte noch nicht über das Netzwerk einer arbeitsteiligen Industrie», liest man im «Historischen Lexikon».

Zur uhrmacherischen Akribie der Ahnen passt die umfangreiche Anklageschrift des Zürcher Staatsanwaltes im Fall Vincenz. Über drei Jahre hat das Team rund um Jean-Richard-dit-Bressel daran gearbeitet – auch wegen der Verzögerungstaktik der Verteidigung. Die Staatsanwaltschaft wurde für ihre Arbeit von verschiedenen Seiten gelobt. Über den Inhalt hüllt sich die Staatsanwaltschaft in Schweigen. Dennoch wurden in den letzten Wochen einige pikante Details aus der Anklageschrift publik. Diese entlarvt Vincenz offenbar als Spesenritter. 251’000 Franken soll der Manger für feuchtfröhliche Cabaret-Besuche ausgegeben haben – bezahlt mit der Firmenkreditkarte.

Auf eine Anfrage dazu antwortet der Chefankläger schriftlich: «Ich will mich auf gar keinen Fall auf Kosten der Verfahrensparteien öffentlich in Szene setzen». Eine Gesprächsanfrage lehnt er ab. Mit der Bezeichnung Chefankläger wird Jean-Richard-dit-Bressel nicht glücklich. «Mehrere Personen haben gleichwertige Beiträge in dieses Verfahren eingebracht.» Eine Fokussierung auf ihn sei deshalb nicht sachgerecht, schreibt er.

Teilnahme am European Song Contest

So prinzipiell ist der Mann der grossen Bühne aber nicht abgeneigt. 2010 suchte er diese sogar direkt in dem er sich unter dem Namen Jean-Marc mit dem Lied «Ultreia», spanisch «Vorwärts!» beim Schweizer Fernsehen für den European Song Contest bewarb. Die Teilnahme an der Vorausscheidung bezeichnete er damals gegenüber der «NZZ am Sonntag» als «Spontanentscheid am letzten Tag der Eingabefrist». Das Spontane merkt man dem Beitrag an. Der Sohn filmte mit dem Smartphone: Man sieht den Staatsanwalt, der früher Pianist werden wollte, singend am Klavier; mit Hut und Einsatz. Gereicht hat es nicht. Vertreten hat die Schweiz 2011 in Düsseldorf letztlich Anna Rossinelli – sie wurde letzte.

Ziemlich weit aus dem Fenster lehnte sich Jean-Richard-dit-Bressel 2005 in einem Interview mit der «Bilanz». Da entlockte ihm der Journalist zum Thema Insiderstrafnorm einige Aussagen, die ihn gehörig in die Bredouille brachten. Ein «Grossereignis wie eine Fusion» löse «bei denen, die darüber Bescheid wissen», eine «Gluscht» aus, «möglichst viele Aktien zu erwerben», redete er sich gegenüber dem Wirtschaftsmagazin ins Feuer. Da er sich im Interview zu einer damals laufenden Untersuchung gegen den Banker Thomas Matter äusserte, den er beim Swissfirst-Kauf eines Insiderdelikts verdächtigte, flogen ihm diese Aussagen sogleich um die Ohren.

Schon zwei Duelle mit dem heutigen Vincenz-Anwalt

Der heutige SVP-Nationalrat Matter sah sich dadurch öffentlich vorverurteilt und stellte einen Befangenheitsantrag. Daraufhin wurde Jean-Richard-di-Bressel von der Bearbeitung des Falls abgezogen. Die «Befürchtung, dass der Staatsanwalt möglicherweise den belastenden und entlastenden Umständen nicht mit gleicher Sorgfalt» nachgehen würde, könne «nicht als völlig unbegründet und haltlos» bezeichnet werden, begründete der Oberstaatsanwalt 2006 das seltene Vorkommnis. Das Verfahren gegen Matter wurde später eingestellt.

Es war die zweite Niederlage von Jean-Richard-dit-Bressel gegen den bekannten Strafverteidiger Lorenz Erni, dem heutigen Anwalt von Pierin Vincenz. Bereits 2003 kreuzten die beiden vor Bezirksgericht Zürich die Klinge. Jean-Richard-dit-Bressel klagte damals den Financier Martin Ebner wegen Insiderhandel an. Doch auch da erlitt er Schiffbruch. Schon sein Auftritt vor dem Gericht sei unglücklich gewesen. Herumgeboten wird die Anekdote, der Ankläger sei mit dem Velo vor Gericht vorgefahren, auf dem Gepäckträger noch der Güselsack, den vergessen hatte in den Container zu werfen.

Im Gerichtssaal musste sich Jean-Richard-dit-Bressel vom Richter sagen lassen, dass es in dem Fall um ein vermutetes Insiderdelikt des Schwyzer Financiers mit Pirelli-Aktien besser nicht zu einem Prozess hätte kommen lassen sollen. Die Anklage habe den Beweis in mehreren Punkten nicht führen können, kritisierte der damalige Bezirksrichter. Ebner und Erni feierten einen klaren Sieg: einzig ihr Antrag auf eine höhere Prozesskostenentschädigung über 90'000 Franken statt der gewährten 30'000 Franken fiel beim Richter durch. Es sei nicht Sache des Staates, eine «Luxusverteidigung» zu finanzieren.

Nun treffen Erni und Jean-Richard-dit-Bressel zum dritten Mal aufeinander. Der Prozess gegen Vincenz und Stocker wird voraussichtlich 2021 stattfinden. Spannung ist garantiert. Der «bunte Hund» (NZZ) gegen den «Schrecken der Anklage» (Bilanz). Schafft es Marc Jean-Richard-dit-Bressel diesmal Lorenz Erni zu besiegen?