Bankgeheimnis

Elmers doppeltes Spiel: Umstrittenster Schweizer Whistleblower steht vor Bundesgericht

«Julian Assange ist nicht der Schlauste», sagt Rudolf Elmer, Ex-Banker, Aktivist, Täter und Hausmann.

Das Bundesgericht befasst sich bald mit Rudolf Elmer, dem umstrittensten Whistleblower der Schweiz. Es geht um drei Fragen: Muss er ins Gefängnis? Wie weit geht das Bankgeheimnis im Ausland? Und wie soll der Fall Elmer in die Geschichte eingehen?

Rudolf Elmers Welt ist klein geworden. Die Golfbälle schlägt er von einem Plastikteppich in seinem Vorgarten in Rorbas ZH direkt ins Netz vor der Hecke. Früher verkehrte er auf Golfplätzen der Karibik. Heute ist er Hausmann, damals verwaltete er Millionen als Offshore-Banker im Steuerparadies. Dann nahm sein Leben eine spektakuläre Wende, und er stand mit Wikileaks-Gründer Julian Assange vor der Weltpresse.

Elmers Geschichte wird am 10. Oktober vor dem Bundesgericht in Lausanne aufgerollt. Es drohen ihm bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe. Ein Teil ist bedingt, und einen Teil hat er schon in U-Haft abgesessen. Im schlimmsten Fall müsste er fünf Monate ins Gefängnis. Die Richter werden ein dreizehnjähriges Strafverfahren abschliessen und beurteilen, ob Elmer das Bankgeheimnis verletzt hat. Es geht auch um die Frage, wer Elmer eigentlich ist. Ein Whistleblower? Oder ein Verräter? Ein Robin Hood? Oder ein ganz gewöhnlicher Krimineller?

Elmer setzt sich in seinem Garten auf einen abgewetzten Lehnstuhl, rückt seine Brille zurecht und erzählt eine Geschichte.

Mit 18 Jahren sei er ein talentierter Fussballgoalie gewesen. Vor einem Spiel der Zürcher Erstligisten Red Star gegen Rüti habe er ein spezielles Angebot erhalten. Dazu müsse man wissen, dass es beim Gegner um alles gegangen sei, um den Abstieg, während für Elmers Mannschaft der Ausgang der Partie für die Tabelle keine Rolle mehr gespielt habe. Vereinsfunktionäre des Gegners hätten ihm tausend Franken geboten, wenn er sie gewinnen liesse. Er sei wütend geworden und habe sich zu einer ebenso speziellen Lösung entschieden.

Er habe das Geld entgegengenommen und in die Juniorenkasse einbezahlt. Auf dem Rasen habe er aber alles gegeben, um den Gegner nicht gewinnen zu lassen. Fast sei es ihm gelungen. Doch dann sei er bei einem Elfmeter in die falsche Ecke gesprungen. Die Gegner gewannen 1:0. Als Beleg für sein ehrenhaftes Verhalten zieht Elmer den Matchbericht aus dem Jahr 1974 hervor. Goalie Elmer sei mit «mehreren Glanzparaden (53., 59. und 63. Minute)» und «seinem Reaktionsvermögen» aufgefallen. Den Elfmeter aber, den habe er nicht halten können. Trotzdem ging Elmer als Held vom Platz.

Man könnte Elmers Anekdote auch anders interpretieren, als er sie selber zum Besten gibt. Er liess sich bestechen und die Gegner gewinnen. Es mag sein, dass seine Absicht ehrenhaft war. Was zählt, ist jedoch das Resultat. Es spricht gegen ihn. Dieser Widerspruch prägt seine Geschichte bis heute.

Die Piraten auf der Karibik

Sie beginnt mit Elmers Bankerkarriere. Die Zürcher Privatbank Julius Bär schickte ihn in den 1990er-Jahren auf die Cayman Islands, wo sie Steuergelder in Offshore-Konstrukten versteckte. Er war darin so gut, dass er zur Nummer 2 der Julius-Bär-Tochter aufstieg. Zu seinen besten Zeiten verdiente er umgerechnet 220'000 Franken pro Jahr. Rückblickend deutet er auch diese Geschichte als raffiniertes doppeltes Spiel mit ihm in der Hauptrolle als Agent auf einer noblen Mission. Im Auftrag der Zürcher Zentrale habe er die fragwürdigen Geschäfte in Ordnung bringen wollen. Doch das Resultat fiel anders aus: Er optimierte die Steuerverstecke. Die Karriere endete, nachdem er auf der Insel einen schweren Unfall erlitten hatte. 2003 erhielt er die Kündigung.

Elmer war wütend, weil man ihn einfach fallen liess. Die Bank war wütend, weil er zum Reputationsrisiko wurde. Beide Seiten griffen zu illegalen Methoden. Er schickte ihr anonyme Drohmails ins Haus. Sie schickte ihm Privatdetektive vor sein Haus.

Elmer fühlte sich in diesem Stellungsspiel an den Rand gedrängt. Er ging zum Frontalangriff über und packte seinen Datenschatz aus. Weil auf der Karibik mit Hurricanes zu rechnen war, hatte er alle Daten der Offshore-Kunden stets auf einem Laptop. Auch nach der Kündigung behielt er diesen. Elmer schickte die Daten der Schweizer Steuerverwaltung. Doch diese unternahm nicht viel. Nun schaltete er auf Eskalation. 2005 liess er anonym eine Daten-CD der Wirtschaftszeitung «Cash» schicken, und 2008 veröffentlichte er unter seinem Namen 37 Datenpakete auf einer damals kaum bekannten Website namens Wikileaks.

Beide Aktionen wurden zum Flop. Das Resultat: Zum Thema wurde kein Finanzskandal, sondern das Datenleck. Wikileaks wurde dadurch allerdings weltberühmt. Dank dem Fall Elmer hat sich die Whistleblower-Plattform etabliert.

Seine Beziehungen zu Wikileaks missbrauchte Elmer allerdings für das grösste Doppelspiel seiner Karriere. 2011 trat er mit Wikileaks-Chef Julian Assange vor die Weltpresse und inszenierte die Übergabe einer weiteren Daten-CD. Assange behauptete, seine Organisation habe Material von Elmer erhalten, werde es nun prüfen und veröffentlichen. Fest steht: Wikileaks hat seither keine entsprechenden Daten veröffentlicht. Elmer sagte, er habe keine Daten an Wikileaks geliefert. Damals wusste man nicht recht, ob man ihm glauben sollte, weil er schon bei der «Cash»-CD alles abstritt. Damals war das sein juristisches Spiel. Da dieser Teil mittlerweile abgeschlossen ist, redet er heute Klartext. Natürlich sei er für die «Cash»-CD verantwortlich gewesen, sagt er. Aber 2011 habe er wirklich nichts an Wikileaks geliefert. Es war ein Bluff, um die Aufmerksamkeit der Weltpresse auf den damals bevorstehenden Prozess vor dem Bezirksgericht in Zürich zu lenken. Doch weshalb beteiligte sich Assange am Spiel des Zürcher Blenders? Elmer: «Assange ist nicht der Schlauste. Er sieht sich selbst im Zentrum und nicht die Sache.»

Die falsche Verteidigungsstrategie

Elmer muss sich aber auch den Vorwurf gefallen lassen, es gehe ihm nicht nur um die Sache. Vor 13 Jahren, als er zum ersten Mal in Untersuchungshaft sass, legte er mit seiner Verteidigerin die Strategie fest. Er hatte zwei Möglichkeiten. Er hätte plädieren können: «Ich bin ein Whistleblower, und ich habe Geheimnisse verraten. Aber ich hatte gute Gründe dafür.» Damals hätte er mit einer Freiheitsstrafe von einem halben Jahr oder 50'000 Franken Geldstrafe rechnen müssen, beides nur bedingt.

Seine Verteidigerin hielt aber die zweite Variante für erfolgsversprechender. Elmer stritt ab, ein Whistleblower zu sein, und er stritt ab, Geheimnisse verraten zu haben. Denn das Schweizer Bankgeheimnis habe für ihn nicht gegolten. Entscheidend sei sein Arbeitsvertrag mit der karibischen Trustgesellschaft der Julius-Bär-Bank. Deshalb habe er höchstens Cayman-Recht verletzt. Das Bezirksgericht liess dies nicht durchgehen, doch das Obergericht kippte den Entscheid 2016. Nun muss das Bundesgericht beurteilen, wie weit das Schweizer Bankgeheimnis im Ausland geht. Rechtskräftig verurteilt ist Elmer erst in einem Nebenpunkt wegen versuchter Nötigung.

Doch selbst ein Freispruch könnte ihn teuer zu stehen kommen. Da er das Verfahren teilweise selber verschuldet hat, kommen hohe Gerichtskosten auf ihn zu. Schon über 300'000 Franken wurden ihm in Rechnung gestellt. Heute sagt er, der Strategieentscheid vor 13 Jahren sei ein Fehler gewesen. Um der Whistleblower-Rolle gerecht zu werden, hätte er sich auf die Meinungsfreiheit statt auf das Arbeitsrecht berufen sollen.

Im Vordergrund steht für ihn nun aber die Rede, die er am 10. Oktober nach dem Urteil vor den Medien halten wird. Im Fall eines Freispruches wird seine Botschaft lauten: «Es war ein langer Weg, aber am Ende hat sich das Recht durchgesetzt.» Im Fall einer Niederlage wird er ankündigen, er werde einen Weiterzug an den Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg prüfen.

Auch was er politisch machen will, weiss er bereits: Für die Kantonsratswahlen 2019 werde er sich wie 2015 wieder für die «Alternative Liste» aufstellen lassen.

Und das Manuskript für sein nächstes Buch hat er schon geschrieben. Der Arbeitstitel: «Offshore und Humor». Elmer stellt auf jeder Seite seine Schlitzohrigkeit unter Beweis, mit Banker-Geschichten von der Insel und Juristen-Witzen zu seinem Fall. Eine Kostprobe:

Der Richter fragt den Angeklagten: «Was stand in dem Brief?» «Sag ich nicht, Briefgeheimnis.» «Und welchen Betrag haben Sie überwiesen?», fragt der Richter weiter. «Sag ich nicht, Bankgeheimnis» «Sie werden zu acht Monaten Haft verurteilt!» «Aber warum denn?» «Sag ich nicht, Amtsgeheimnis!»

Elmer: «Ohne Humor überlebt man so eine Geschichte nicht.»

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