Novartis soll digitaler werden. Das ist eine der wichtigsten Missionen des neuen Konzernchefs Vas Narasimhan. Seine Vision legte er beim Amtsantritt im Februar dar. Nun macht er in der Geschäftsleitung Nägel mit Köpfen.

Narasimhan holt Digital-Chef Bertrand Bodson in die Konzernleitung. Ein klares Signal, dass die Digitalisierung operativ zu einer Top-Priorität des Unternehmens wird. Bereits in den vergangenen Wochen hat Novartis mehrere digitale Kooperationen angekündigt. Bodson soll diese nun mit dem ebenfalls ernannten Steffen Lang auf höchster Stufe orchestrieren.

Langjähriger Chef verlässt Novartis

Daten sind die neue Währung des Konzerns. Sie sollen der Pharmafirma helfen, Prozesse in der Administration sowie der Forschung und Entwicklung effizienter zu gestalten und den Output zu erhöhen. Wer mit dem digitalen Wandel nicht Schritt hält, der hat in der Geschäftsleitung keinen Platz. Das gilt wohl auch für André Wyss, Leiter der Sparte Novartis Operations und Präsident von Novartis Schweiz. Wie der Konzern in eher knappen Zeilen am Montag mitteilt, verlässt er die Firma.

Kenner des Unternehmens lesen sie so: André Wyss ist in der Konzernleitung der letzte «Old-School-Boy» aus der Ära Vasella. Er sei keiner von denen, die die digitale Vision des Chefs in die Realität umsetzten. Hierzu brauche der Konzern nun mehr digitale Expertise. Wyss hatte sich vom Chemikant bei Sandoz zum Geschäftsleitungsmitglied hochgearbeitet. Die 2014 gegründete Einheit NBS zentralisierte unter seiner Führung Konzerndienste wie Einkauf, Personal, IT und Produktion – um schlanker und effizienter zu werden.

Technologie ist Trumpf

Für Wyss geht nach dreissig Jahren das Kapitel Novartis zu Ende, für den Konzern beginnt ein neues: Die NBS-Division wird in zwei Teile getrennt. Die neue NBS konzentriert sich auf die Produktion – darauf, wo der Konzern mit mehr Technologie Produktionskapazitäten optimieren kann. Ein neuer Chef wird gesucht. Novartis Technical Operations (NTS) macht Konzernchef Narasimhan als eigener Bereich ebenfalls zur Chefsache. Novartis-Mann Steffen Lang wird den Bereich verantworten.

Die Digitalisierung soll in beiden Bereichen vorangetrieben werden. Gerade Forschung und Entwicklung müssen in einer Branche mit Nachholbedarf digitaler – und damit automatisierter werden. Einerseits will Narasimhan die administrative Arbeit und Überwachung von klinischen Studien automatisieren. Andererseits will er die Digitalisierung für neue Therapiemöglichkeiten nutzen. Letzte Woche gab Novartis bekannt, künftig mit der kalifornischen Telemedizin-Firma Science 37 zusammenzuarbeiten.

Bei bis zu zehn klinischen Studien sollen Patienten bald dank der Software von Science 37 dezentral teilnehmen können. Das heisst, sie müssen nicht mehr ins teilweise weit entlegene Spital reisen. Damit können mehr Patienten eingeschlossen werden.

Weitere Umwälzungen folgen

Zudem will Narasimhan auch neue digitale Therapien auf den Weg bringen. Dazu arbeitet der Konzern etwa mit Pear Therapeutics zusammen. Die Firma aus Boston hat eine Software entwickelt, mit der Patienten mit Schizophrenie neben herkömmlichen Medikamenten überwacht, beraten und damit als Resultat besser behandelt werden können.

Solche Softwarelösungen müssen wie ein Medikament von den Arzneimittelbehörden zugelassen werden. Pear verfügt bereits über eine solche US-Zulassung für Schizophrenie-Patienten.

Die jüngsten Veränderungen zeigen, wie Narasimhan den digitalen Wandel bestreiten will. Es bleibt die grosse Frage, wie kohärent der Chef diese Strategie auch im mittleren Management umsetzen kann. Anders als in der Konzernleitung sitzen dort zahlreiche «Old-School-Boys», die wohl die falschen Kandidaten sind, um Narasimhans Vision umzusetzen.

Dafür braucht der Konzern mehr technikaffine Experten. Firmenkenner rechnen damit, dass es hinter den Kulissen auch dort zu grösseren Umwälzungen kommt. Zudem könne man nicht nur mehr Technologie implementieren, sondern müsse auch an der Kultur arbeiten. Das bleibt für Vas Narasimhan wohl eine seiner schwierigsten Aufgaben.