Schoggi-Streit
Dieser Mann stört die 150-Jahr-Feier von Nestlé

Seit 1819 soll die Marke «Cailler» existieren – doch Hobbyhistoriker Marc-Olivier Peter hat genauer hingeschaut und kritisiert den Nahrungsmittelriesen nun, sich mit falschen Angaben zu rühmen.

Lina Giusto
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Bundespräsident Johann Schneider-Ammann und Nestlé-CEO Paul Bulcke feiern den 150-jährige Bestehen von Nestlé.

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann und Nestlé-CEO Paul Bulcke feiern den 150-jährige Bestehen von Nestlé.

KEYSTONE

Im Beisein von Bundespräsident Johann Schneider-Ammann feierte der grösste Nahrungsmittelhersteller der Welt gestern sein 150-jähriges Bestehen. Ein historisches Ereignis, fast wie ein Tag zuvor die Eröffnung des Gotthard-Tunnels. Doch der passionierte Schoggiliebhaber Marc-Olivier Peter wagt es nun, die offizielle Geschichtsschreibung von Nestlé zu hinterfragen. Er kritisiert, wie die Nestlé-Tochter Cailler ihre eigene Gründungsgeschichte darstellt.

Das «Nest» wurde am 2. Juni 2016 offiziell für die Öffentlichkeit freigegeben.
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Auf mehr als 3'000m2 können die Besucher in die Welt von Nestlé eintauchen.
Nestlé eröffnete das Museum anlässlich ihres 150-jährigen Jubiläums.
Nestlé schenkt sich zum 150-jährigen Jubiläum ein eigenes Museum – das «Nest»

Das «Nest» wurde am 2. Juni 2016 offiziell für die Öffentlichkeit freigegeben.

Keystone

Peter hat schon einmal dafür gesorgt, dass Nestlé mit einer Aussage zu Cailler zurückkrebsen musste. Er wagte es sogar, den Konzern anzuklagen. Seither behauptet Cailler in ihrer Werbung nicht mehr, die Erfinderin der Milchschokolade zu sein (die «Nordwestschweiz» hat im April darüber berichtet).

Historische Dokumente des kantonalen Archives Waadt sollen belegen, dass die erste Schokoladenfabrik in der Region jene von Philippe Loup und Benjamin Rossier war. Die Geschichte der Herstellung von Schweizer Schokolade begann also bereits im August 1767. Der Erfinder der Milchschokolade aber war Daniel Peter – deutlich später – im Jahr 1875.

Nun wagt es Peter – nicht verwandt mit dem Erfinder der Milchschokolade – noch einmal, Nestlé anzugreifen. Zu Beginn der Woche hat Cailler bereits eine Änderung auf ihrer Homepage vorgenommen: Das Unternehmen behauptet nicht mehr, dass es seit 200 Jahren, sondern lediglich seit mehr als «einem Jahrhundert in Greyerz im Herzen der Schweizer Alpen zu Hause» ist.

Die Suche nach der Zahl

Das reicht Peter noch nicht. Auf dem virtuellen Rundgang auf der Website rühme sich Cailler immer noch, seit 1819 Schokolade herzustellen. «Diese Aussage von Cailler ist falsch», sagt Peter. Er belegt dies unter anderem mit Dokumenten aus dem historischen Archiv von Nestlé. Ein Dokument berichtet über den Aufenthalt des Cailler-Gründers François-Louis Cailler von 1815 bis 1819 in Italien. In dieser Zeit soll er seine Lehrjahre bei der Firma Caffarel Prochet in Turin verbracht haben. Pier Paul Caffarel sei jedoch zu dieser Zeit 14 Jahre alt gewesen, rechnet Peter vor. Auf der Homepage von Cailler stehe an anderer Stelle sogar: «1821–1825 während einer Italienreise entdeckt François-Louis Cailler eine neuartige Mischung aus gewalzten Kakaobohnen und Zucker: die Schokolade!» Die Firma widerspricht sich also in dieser entscheidenden Gründungsfrage selber.

Im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» bestätigt Nestlé-Historiker Albert Pfiffner, dass die erste Korrespondenz mit Cailler – die Nestlé bekannt ist – auf das Jahr 1821 zurückgeht. Aus diesen Dokumenten geht hervor, dass Cailler und sein damaliger Geschäftspartner Abram Louis César Cusin ein Lebensmittelgeschäft mit dem Namen «Cailler & Cusin» in Vevey betrieben haben und keine Schoggi-Hersteller waren.

Die Mühe mit der Vergangenheit

Wenn nun Nestlé-Tochter Cailler behauptet, dass die Marke «F.L. Cailler» seit 1819 existiert und dafür eine Preisliste aus diesem Jahr vorweist, kann etwas nicht stimmen. Zulieferer der Schokolade für das Lebensmittelgeschäft «Cailler & Cusin» war damals ein gewisser Jean Louis Johannot-Chappuis aus dem Ort Corsier. Cailler selber stellte erst 1831 Schokolade her. Hobbyhistoriker Marc-Olivier Peter dazu: «Die Preisliste, die Cailler auf der Homepage zeigt, beweist das Bestehen des Hauses Cailler in keiner Weise.» Es sei nur bewiesen, dass das Geschäft «Cailler & Cusin» von Anfang 1818 bis zum 14. April 1821 existierte. Im Jahr 1819 habe es jedoch keine Marke «F.L. Cailler» gegeben.

Nestlé-Historiker Pfiffner bestätigt: «Die Preisliste existiert so, wie dargestellt, in unserem Archiv. Wir haben nicht prüfen lassen, ob das Papier aus dem 19. Jahrhundert stammt.» Man habe Angaben auf der Homepage geändert, wenn etwas nicht korrekt gewesen sei. «Wir können nicht überall alles kontrollieren, was publiziert wird.» Bei der Geschichtsschreibung müssten Historiker immer ein Stück weit interpretieren. Man versuche heute, aus der zeitlichen Distanz herauszufinden, wie es gewesen könnte. Damit verweist der Nestlé-Historiker auf wissenschaftliche Publikationen, die ebenfalls divergierende Angaben zu Jahreszahlen machen würden.

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