Piloten-Ausbildung
Die reichsten Bewerber sind im Vorteil – ein Sicherheitsrisiko

Eine Piloten-Ausbildung in der Schweiz kostet 130'000 Franken. Der Bund zahlt bisher nichts. Nun könnte er den Piloten finanziell unter die Arme greifen. Heute werde oft nicht die besten, sind die begütersten ausgebildet – ein Sicherheitsrisiko.

Angela Michel
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Flugschulung im Simulator: Ein angehender Pilot übt den Start.

Flugschulung im Simulator: Ein angehender Pilot übt den Start.

Reuters

Piloten – das sind kühne Männer in schmucker Uniform, souverän, gut bezahlt und stets unterwegs zu neuen Ufern. So die Vorstellung vieler kleiner Buben.

Doch spätestens das Germanwings-Unglück in Frankreich macht deutlich, wie stark sich der Berufsstand gewandelt hat: Aus den Helden der Lüfte wurden gestresste Wächter des Boardcomputers.

Sie kämpfen mit einem zunehmend schlechten Image, mit einer hohen Arbeitsbelastung und mit schwierigen beruflichen Aussichten.

«Der Wettbewerb ist härter geworden und die Arbeitsbedingungen von Cockpit- und Kabinenpersonal haben sich massiv geändert», sagt Peter Mosele, Berufs- und Laufbahnberater am Institut für angewandte Psychologie (IAP).

Mehrheitlich Ausländer

Die Branche kämpft daher seit Jahren mit Nachwuchsproblemen aus dem heimischen Markt.

«Mehr als 50 Prozent der neu eintretenden Piloten bei der Swiss sind Piloten aus dem europäischen Raum», sagt Pilot Thomas Steffen, beim Verband der Swiss-Langstreckenpiloten (Aeropers) verantwortlich für Sicherheitsfragen und Ausbildung.

Zu Swissair-Zeiten stand die Pilotenkarriere nur Militärpiloten oder Personen mit einem abgeschlossenen Studium offen. Heute kann sich bewerben, wer über eine Matura oder eine berufliche Grundausbildung mit Lehrabschlusszeugnis verfügt.

Trotz dieser tieferen Hürden bleiben die Schulbänke leer. Pilot Steffen sagt: «Kurse müssen zum Teil gestrichen werden, da sich nicht genügend fähige Leute bewerben.»

Christoph Regli, Präsident der Fachkommission Bildung, Forschung und Innovation (Aerosuisse), sagt hingegen, dass es in der Rekrutierung darum geht, die geeignetsten Kandidaten zu finden, selbst wenn dadurch auf ausländische Bewerber zurückgegriffen werden muss: «Ein Rückschluss auf ein Rekrutierungsproblem im heimischen Markt ist in diesem Zusammenhang nicht legitim.»

Das Problem: In Nachbarländern wie Frankreich wird den Piloten die Ausbildung bezahlt. In der Schweiz hingegen nicht. Eine grosse finanzielle Bürde für angehende Piloten.

Daher will der Bund die Ausbildungen ab dem 1. Januar 2016 finanziell stärker unterstützen, sofern die Bewerber das Auswahlverfahren bestanden haben und die Ausbildung in einer vom schweizerischen Staat anerkannten Ausbildungsstätte absolviert wird.

Gemäss Urs Holderegger, Sprecher des Bundesamts für Zivilluftfahrt (Bazl), ist die entsprechende Verordnung zurzeit in Arbeit.

Der Bundesrat wird voraussichtlich Mitte Mai über die Vorlage entscheiden. Wie weit künftigen Piloten unter die Arme gegriffen wird, ist noch offen.

Darlehen nötig für Ausbildung

Der Traumjob kostet heute Geld und Nerven. Die Kosten für die Piloten-Ausbildung belaufen sich in der Schweiz auf 130'000 Franken.

Die Swiss trägt 47'500 Franken der gesamten Ausbildung und gewährt dem Kandidaten ein Darlehen von 60'000 Franken, welches er innerhalb von sechs Jahren zurückzahlen muss.

Das ist eine grosse Belastung, da der berufliche Aufstieg Jahre in Anspruch nimmt. Nach der anderthalbjährigen Grundausbildung zum Piloten erfolgt er anhand der sogenannten Senioritätsliste, ein nach Bedarf, Fähigkeit und Dienstjahren gestaffelter Aufstieg vom Co-Piloten Kurzstrecke zum Co-Piloten Langstrecke und nach dreimonatiger Ausbildung zum Kapitän Kurzstrecke und schliesslich zum Kapitän Langstrecke.

Die Arbeitsbelastung nimmt stark zu. Früher wurde den Piloten zwei bis drei Tage Ruhezeit nach einem Langstreckenflug eingeräumt – beispielsweise nach New York oder Mumbai.

Heute fliegen sie nach 24 Stunden wieder zurück. Das soziale Leben leidet. Steffen sagt: «Wir arbeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit, egal, ob Ostern, Weihnachten oder am Geburtstag der Partnerin.»

Crew muss Teamarbeit lernen

Der Umstand, dass Piloten ihre teure Ausbildung bis anhin zu grossen Teilen selbst finanzieren mussten, ist fragwürdig, sagen Experten.

Das bisherige System führe dazu, dass nur diejenigen die Ausbildung machen können, welche über die nötigen finanziellen Mittel verfügen. Das seien nicht unbedingt die am besten qualifizierten Kandidaten.

Christoph Regli von Aerosuisse sagt: «Die Barriere, dass nur jene zur Ausbildung zugelassen werden, welche die Ausbildung bezahlen können, ist aus Sicherheitsgründen nicht optimal. Dies ist ein falsches Selektionskriterium.»

Nach der Tragödie in Frankreich stellt sich auch die Frage, ob bei der Ausbildung hinsichtlich Sicherheit Anpassungen gemacht werden müssen: «Heute wird nebst der multiplen Belastung immer mehr auch auf die Kommunikationsfähigkeit im Zwei-Mann-Cockpit grossen Wert gelegt. Das heisst, der Captain ist nicht unfehlbar, sondern die Crew muss als Team agieren können und der Co-Pilot muss bei einem Fehler des Captains diesen darauf aufmerksam machen können», erklärt Bazl-Sprecher Holderegger.