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«Die Post hat eine moralische Pflicht»

Das traditionelle Briefgeschäft schrumpft. Post-Präsident Claude Béglé will deshalb neue Märkte erschliessen – und betont die soziale Verantwortung der Post.

Christian Dorer, Hans-Peter Wäfler

Eine Sitzung vor dem Interview-Termin dauert etwas länger als geplant. Doch dann steht Claude Béglé im Türrahmen seines Büros in Bern, begrüsst die Besucher mit einem lauten «Hallo!» und einem breiten Lachen. Im Gespräch erzählt er mit Verve von seiner Aufgabe als Post-Präsident, der er seit dem 1. April ist. Immer wieder zückt er seinen Füller, um mit Skizzen darzustellen, wie er die Post in die Zukunft führen will.

Herr Béglé, die Post bekam von der Aufsichtsbehörde schlechte Noten für ihren Service. Sind Sie einverstanden?
Claude Béglé: Es stimmt, dass die Zustellqualität bei der Briefpost letztes Jahr aufgrund der Inbetriebnahme der neuen Briefzentren zunächst abnahm. Es ist aber ebenso wichtig zu sagen, dass die Qualität heute wieder sehr akzeptabel ist.

Wir bekamen viele Leserbriefe, in denen sich Ihre Kunden beklagen, dass Briefe verspätet ankommen - oder gar nicht. Wie kann das passieren?
Béglé: Das lässt sich im Einzelfall jeweils schwer ermitteln. Denn es sind vielfältige Ursachen möglich, die nicht zwingend alle bei der Post liegen müssen: Von unleserlich geschriebenen oder falschen Adressen über Verkehrsprobleme bis hin zu Fehlern von Maschinen oder Mitarbeitenden der Post. Als Verwaltungsratspräsident konzentriere ich mich aber auf die Strategie der Post.

Dann reden wir über Strategie: In der Waadt kommt der Pöstler versuchsweise erst am Nachmittag in die Quartiere. Wollen Sie das überall einführen?
Béglé: Es sind noch keine Entscheide gefallen, zurzeit führen wir lediglich Tests durch. Es geht darum, unsere Dienstleistungen und die Kosten in ein Gleichgewicht zu bringen. Persönlich glaube ich, dass es für die Privatkundschaft zentral ist, die Zeitung früh zu erhalten. Aber sonst? Ich denke, die Schweizerinnen und Schweizer könnten sich daran gewöhnen, dass sie zu Hause ihre Briefe erst am Nachmittag erhalten.

Warum?
Béglé: Der Grossteil der Sendungen sind Werbungen und Rechnungen. Sicher: Manchmal gibt es persönliche Briefe. Aber Nachrichten, die dringend sind, werden heute per Telefon oder E-Mail übermittelt.

Auf dem Prüfstand steht auch das Poststellennetz.
Béglé: Ja, wobei ich mehr und mehr überzeugt bin, dass die Post sehr vorsichtig vorgehen muss - vorsichtiger als in der Vergangenheit. Geht es um Poststellen in Randregionen, hat die Post eine soziale und politische Verantwortung wahrzunehmen.

Was heisst das für die 420 Poststellen, die überprüft werden?

Béglé: Eine ersatzlose Streichung ist kein Thema. Es wird in jedem Fall Alternativen geben, sei es eine Postagentur in einem Dorfladen oder einen Haus-Service. Wichtig ist, dass bei der Überprüfung von Poststellen einheitliche Kriterien gelten. Und dass die grosse Post den kleinen Gemeinden das Gefühl vermittelt, ihre Anliegen auch wirklich anzuhören.

Das war bisher nicht der Fall. Wie wollen Sie das verbessern?
Béglé: Es braucht einen intensiveren Dialog. Ich habe bereits Vertreter der Kantone Freiburg, Tessin und Waadt getroffen. Zudem habe ich die Poststellen-Kommission, die Streitfälle beurteilt, ermutigt, unsere Entscheide stärker zu hinterfragen: Ich erwarte, dass diese unabhängige Kommission wirklich mit aller Objektivität vorgeht.

Die Poststellen-Kommission soll kritischer werden?
Béglé: Sie ist keine Alibi-Kommission und darf auch keine sein. Das würde letztlich der Glaubwürdigkeit der Post schaden. Jede Gemeinde muss wissen, dass sie für ihre Poststelle kämpfen kann - und dass sie das auch tun soll, wenn sie es will!

Und wie reagiert dann die Post?
Béglé: Wenn sich Behörden und Bewohner eines Dorfes mit Überzeugung für die Zukunft ihrer Region einsetzen, dann müssen auch wir mitziehen. Dann hat die Post die moralische Pflicht, zu helfen.

Das Geschäft mit der Briefpost wird aber weiter zurückgehen. Wie stark?
Béglé: Michel Kunz, der operative Chef der Post, und ich glauben, dass das Volumen im Briefgeschäft bis 2015 um weitere 30 Prozent abnehmen wird. Es gibt internationale Studien, die gar von einem Einbruch um bis zu 50 Prozent ausgehen.

Was sind die Konsequenzen?
Béglé: Wir sind damit konfrontiert, dass die Post 1,4 Milliarden Franken in die neuen Briefzentren investiert hat. Nun haben wir eine grosse Infrastruktur für einen Markt, in dem das Geschäftsvolumen ab und die Konkurrenz zunimmt. Gott sei Dank geht es bei den Einnahmen aus den Finanzdienstleistungen von Postfinance derzeit aufwärts! Wie lange das aber so bleiben wird, ist ungewiss.

Sind die neuen Briefzentren zu gross?
Béglé: Das habe ich nicht gesagt. Ich sage nur, dass es problematisch ist, hohe Fixkosten zu haben in einem Geschäftsfeld, das rückläufig ist. Deshalb müssen wir über Sparmassnahmen nachdenken. Mein oberstes Ziel ist es aber, Entlassungen zu vermeiden. Deshalb müssen wir vor allem darüber nachdenken, wo wir wachsen und neue Geschäftsfelder finden können.

Die Post ist unter anderem mit ihren Papeterieartikeln zum Gemischtwarenladen geworden. Macht es Sinn, dass ein Staatsbetrieb private Firmen konkurriert?
Béglé: Aus einer entrückten Vogelperspektive mag dieser Einwand angebracht sein. Aber ich bin Präsident der Post. Ich überlege nur, was gut ist für die Post. Und ich will Entlassungen vermeiden! Deshalb brauchen wir neue Geschäftsfelder.

Wo also soll die Post wachsen?
Béglé: Ein grosses Thema sind elektronische Innovationen. Wir bieten bereits Lösungen an, mit denen der Kunde unterwegs am Computer seine Post- und Bankgeschäfte erledigen kann - und auch elektronisch eingeschriebene Briefe versenden kann. Die Frage ist: Wollen wir das in der Schweiz forcieren und unser traditionelles Kerngeschäft kannibalisieren?

Wenn nicht in der Schweiz, dann im Ausland?
Béglé: In Gesprächen mit Politikern spüre ich eine gewisse Zurückhaltung, was eine Expansion im Ausland betrifft. Also werde auch ich hier vorsichtig sein. Persönlich bin ich aber davon überzeugt, dass wir sehr gute Karten haben, um im Ausland weiter zu wachsen.

Warum?
Béglé: Unsere Marke ist sehr gut. Bereits arbeiten 9000 unserer Mitarbeiter im Ausland, das sind 14 Prozent. In Vietnam beispielsweise sind rund 400 Angestellte einer Konzerngesellschaft der Schweizerischen Post im Bereich der elektronischen Archivierung tätig. Das könnte man auch anderswo ausbauen. Oder wir könnten von heute auf morgen beginnen, die interne Post für internationale Firmen zu erledigen - so, wie wir es bereits für die Zurich Financial Services machen. Das alles ginge, ohne grosse Infrastrukturen aufzubauen.

Und die Risiken im Ausland?
Béglé: Es gibt immer Risiken, aber die sind begrenzt, weil wir im Ausland keine teuren Infrastrukturen aufbauen wollen. Das grösste Risiko aber ist, nicht zu wachsen. Heute schon haben jene Postunternehmen mehr Erfolg, die grenzüberschreitend arbeiten. Marktforschungen gehen davon aus, dass langfristig nur Postbetriebe eigenständig bleiben, die breit diversifiziert sind - auch im Ausland.

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