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Die Kritik am Verkauf von Möbel Pfister ebbt nicht ab – jetzt spricht der Chef

Rudolf Obrecht, Präsident der Möbel-Pfister-Gruppe, beim Gespräch mit dieser Zeitung.

Rudolf Obrecht, Präsident der Möbel-Pfister-Gruppe, beim Gespräch mit dieser Zeitung.

Seit der überraschende Verkauf von Möbel Pfister an die österreichische XXXLutz-Gruppe bekannt wurde, ebt die Kritik nicht ab. Rudolf Obrecht, Verwaltungsratspräsident der F.G. Pfister Holding, stellt sich den Fragen von Mitarbeitenden und Beobachtern.

Einen Monat nach Ankündigung des Verkaufes der Möbel Pfister AG an die österreichische XXXLutz-Gruppe gehen die Emotionen unter den 1800 Mitarbeitenden und den vielen Ehemaligen immer noch hoch. In der weitverzweigten «Pfister-Familie», mit der sich offenbar auch viele aussenstehende Beobachter solidarisieren, herrscht Empörung und Konsternation über den Verkauf «ihrer» Firma, die sich über Jahrzehnte hinweg den Ruf eines sozialen Arbeitgebers erarbeitet hatte und dabei den Werten des Gründers Fritz Gottlieb Pfister nachlebte.

Wir haben die Hintergründe des Verkaufs in den vergangenen Wochen mit eigenen Recherchen ausgeleuchtet. Doch die vielen Reaktionen, die auf unserer Redaktion eingegangen sind zeigen, dass der Informationsbedarf noch lange nicht gedeckt ist. Wir haben uns deshalb mit Rudolf Obrecht, dem Chef der F.G. Pfister Holding getroffen und zugehört, was er auf die Fragen zu sagen hat.

Eine langjährige Mitarbeiterin berichtet uns von grosser Verunsicherung und von einer schlechten Stimmung im Betrieb. Wie ist das Klima?

Rudolf Obrecht: «Selbstverständlich löst die Ankündigung eines solchen Besitzerwechsels nicht nur die besten Gefühle aus. Es ist ein emotionaler Akt – auch für mich persönlich. Der Verkauf ist wie eine Scheidung. Sie macht weh im Bauch und markiert das Ende eines langen und schwierigen Prozesses. Für viele war der Verkauf im ersten Moment eine Überraschung. Ein guter Teil der Angestellten, vor allem die Kadermitarbeitenden, erkannten aber rasch auch die Chancen. Das Vertrauen in die Vorwärtsstrategie und die Zukunft überwiegt bei weitem.»

Die Geschichte von Möbel Pfister:

Ein Mitarbeiter schreibt uns anonym: «Pfister hätte nicht verkauft werden müssen. Die neue Marktsituation mit dem Wegfall von Interio, die neue Marketingstrategie und die positive Umsatzentwicklung ergeben keinen Grund für den sofortigen Verkauf.

Obrecht begibt sich zum Flipchart und zeichnet mit Filzstift die Entwicklung der Möbelbranche: Marktvolumen Schweiz 2012: 4,4 Milliarden Franken. Marktvolumen 2018: 2,6 Milliarden Franken. Vermehrter Einkaufstourimus erzwingt Preisreduktionen um rund 25 Prozent.

«Möbel Pfister ist in einem ganz schwierigen Markt tätig. Der Deckungsbeitrag ist stark geschrumpft. Aber die Unternehmen, die wir verkaufen, schreiben alle noch schwarze Zahlen.»

Wir erhalten die Mail, die Matthias Baumann am 6. September zu seinem Abschied als Konzernchef von Möbel Pfister an seine Kollegen schickte. Darin heisst es: «Schweren Herzens habe ich mich entschieden, Pfister zu verlassen. Die Vertrauensbasis zwischen dem Verwaltungsratspräsidenten Rudolf Obrecht und mir ist leider nicht mehr gegeben.» Wurde Baumann beim Verkauf hintergangen?

«Matthias Baumann war über die Verkaufsverhandlungen nicht orientiert. Wir konnten nicht alle unsere Geschäftsführer involvieren, schliesslich ging es auch darum, Unsicherheiten zu vermeiden.»

Baumann hätte sich gegen den Verkauf gesträubt, mutmasst jemand in einer anonymen Zuschrift. Was Baumann wohl gedacht habe, als er merkte, dass sein Finanzchef, Ivan Bosin, dem Verwaltungsrat beim Verkaufsprozess insgeheim behilflich war?

«Ivan Bosin war als Finanzchef der Pfister Gruppe und Mitglied der Gruppenleitung – und nicht als Finanzchef der Möbel Pfister AG – von Anfang an in den Prozess involviert. Er ist eben auch Finanzchef der Holding und dort mein Stellvertreter.»

Eine Leserin schreibt: «Ich und viele andere Leute aus der Pfister Familie können immer noch nicht begreifen, wie das möglich war, weshalb die Stiftungsaufsicht nicht reagiert hat. Fritz Gottlieb Pfister würde sich im Grab umdrehen.»

«Die Änderung des Stiftungszweckes war juristisch sehr kompliziert. Zur Klärung der moralisch-ethischen Frage, ob der Verkauf auch im Sinne von Fritz Gottlieb Pfister wäre, haben wir den renommierten Solothurner Erbrechtsspezialisten Paul Eitel beigezogen. Dieser sagt klar, dass wir mit dem Verkauf im Sinne des Stifters handeln. Das Gutachten besagt eindeutig, dass wir das künftige Wohl der Mitarbeitenden höher gewichten dürfen als die Selbständigkeit des Möbelgeschäfts.»

«Wir glauben, das Management muss im Land bleiben»: XXXLutz-Sprecher Thomas Saliger erklärt die Firma, die Möbel Pfister gekauft hat

24.10.2019: «Wir glauben, das Management muss im Land bleiben»: XXXLutz-Sprecher Thomas Saliger erklärt die Firma, die Möbel Pfister gekauft hat

Das traditionsreiche Möbelhaus Pfister gab am 24. Oktober 2019 seinen Verkauf bekannt. Ausgerechnet der aggressiv expandierende Branchengigant XXXLutz wird das Ruder übernehmen. Doch wer ist der hierzulande eher unbekannte Möbelhändler aus Österreich?

Was war denn der Wille des Stifters, fragt ein Rechtsanwalt und Stiftungsspezialist.

«Das Wohl der aktiven und ehemaligen Mitarbeitenden sowie die Selbständigkeit der Unternehmen standen im Zentrum des Stiftungsgedankens. Dem Stifter waren die Wohlfahrt und das Soziale wichtig.»

Ein Leser erinnert daran, dass Rudolf Obrecht vor zwei Jahren in dieser Zeitung Möbel Pfister als «unverkäuflich» bezeichnet hatte. «Warum haben Sie derart gelogen?»

«Das war keine Lüge, sondern die Wahrheit. Vor zwei Jahren war der strategische Verkauf noch kein Thema. Das damalige Stiftungsstatut hätte einen Verkauf noch nicht zugelassen.»

Der genannte Rechtsanwalt will wissen, wie die Änderung der Stiftungsurkunde begründet wird.

Obrecht legt dar, dass die Stiftungsurkunde dahingehend verändert werden musste, dass die Verwaltungsräte der verkauften Gesellschaften im Möbel- und Einrichtungsgeschäft nicht weiter die Stiftungsräten der F.G. Pfister bestimmen. Andernfalls hätten die neuen Eigentümer die Kontrolle über die F.G. Pfister Stiftung erhalten.

Ein Leser fragt: «Zu welchem Preis wurde verkauft? Wer hat den Preis ermittelt?»

«Die F.G. Pfister Stiftung ist privat und alleinige Besitzerin der F.G. Pfister Holding AG. Sie muss im Gegensatz zu einer börsenkotierten Firma keine Zahlen publizieren, sondern allein gegenüber der kantonalen Stiftungsaufsicht Rechenschaft ablegen. Wir wollten einen marktgerechten Preis. Dieser war aber nicht primär ausschlaggebend für unsere Entscheidung. Entscheidend war die Frage, wie wir die Unternehmen für die Zukunft stärken können.»

Mehrfach gestellt wurden Fragen zur Zukunft der F.G. Pfister Holding. Ein Leser schreibt: «Der Erlös von vermutlich 800 Millionen Franken wird nun jungen Start-up-Firmen zur Verfügung gestellt, die durch die Herren Stefan Linder und Rudolf Obrecht eingesetzt werden können. Sie wollen hochriskante Arbeitsplätze mit Start-ups schaffen und riskieren dafür die Arbeitsplätze der Pfister-Leute – ein Widerspruch in sich.»

«Das Geld gehört weder dem Stiftungs- und noch dem Verwaltungsrat persönlich. Das Vermögen ist Stiftungsgut. Es muss sehr sicher investiert werden. Investitionen in junge Start-up-Firmen sind im Sinne des Stiftungszweckes, um Arbeitsplätze zu schaffen. Aber das wird ein verschwindend kleiner Anteil sein. Es sind aber noch keine Entscheide über die weitere Verwendung des Verkaufserlöses gefallen. Wir lassen uns viel Zeit. Bevor wir in ein Unternehmen investieren, wollen wir dieses sehr gut prüfen und die Investitionen müssen den Eigentümerinteressen entsprechen. Über die künftigen Aktivitäten der Holding werden wir voraussichtlich im ersten Quartal 2020 informieren.»

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Autor

Daniel Zulauf

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