Der Flughafen Grenchen will sich zum Hub entwickeln – nicht für den Flugverkehr, sondern zunächst einmal als Treffpunkt und Kongressveranstalter. Ein Pflock wurde diesbezüglich an einem neuen Networking-Anlass eingeschlagen, als sich über 120 Personen, vornehmlich Personalverantwortliche aus dem Kanton Bern, auf dem Flughafen trafen.

Laut Co-Veranstalter Pascal Dick von der Firma Temproll plant man, als Betreiberin eines Pools für Personaldienstleistungen vermehrt Anlässe in der Region Grenchen durchzuführen. So soll gemäss Vorbild der Thuner Industrienacht demnächst auch eine ähnliche Veranstaltung auf dem Flughafengelände zur Rekrutierung von Fachkräften und Lehrlingen für die Industrie stattfinden.

Flughafen für Kongresse

Der Flughafen kann dabei laut Flughafenchef Ernest Oggier die Infrastruktur zur Verfügung stellen (z. B. einen Hangar als Ausstellungshalle). Er hofft zudem, dass die Industrievertreter auch vermehrt die Vorzüge der Geschäftsfliegerei entdecken – «zumindest jene, die Niederlassungen im Ausland haben», wie Oggier meint.

Das grosse Interesse der Wirtschaftsvertreter war dabei nicht zuletzt der Führung durch den Flughafen geschuldet, doch zunächst galt es, zwei Vorträge zu hören. Einerseits vom Rapperswiler Motivationstrainer Andreas Dudas und anderseits von Ökonom Beat Kappeler. Beide befassten sich mit dem Thema «Industrie 4.0», das zurzeit in aller Munde ist.

Während Dudas sich mit Leadership-Aspekten in einem disruptiven Umfeld befasste («Ein Überfall aus dem Nichts kann auch Energien mobilisieren»), machte Kappeler eher skeptische Anmerkungen zur neuesten Ausgabe der industriellen Revolution.

Keine Angst vor Industrie 4.0

Auch diese werde sich «innerhalb der Trampelpfade der ökonomischen Gesetze» bewegen. Prognosen, dass die Automatisierung und Vernetzung hierzulande massenweise Arbeitsplätze vernichten würden, glaubt Kappeler nicht.

Der ehemalige Gewerkschafter und heutige Verfechter von Marktwirtschaft und Wettbewerb ist der Meinung, dass gerade in Volkswirtschaften mit gut ausgebildeten Arbeitskräften die digitale Transformation mehr Chance als Risiko sei. Denn das Bewältigen von «Produktionsumwegen», wie Kappeler die Adaption von Produktionsprozessen und Infrastruktur bezeichnet, werde immer wieder sehr viele gut ausgebildete Leute benötigen.

«Mühe werden diejenigen haben, welche sich nicht bewegen und für die Unternehmer Feindbilder sind, die nur Arbeitsplätze abbauen wollen – also die südlichen und die angelsächsischen Volkswirtschaften». Diese Sichtweise hänge mit einem fundamental anderen Wirtschaftsbild in gewissen Ländern zusammen, wo man davon ausgehe, «dass jede Anstellung einem anderen den Job wegnimmt».

Win-win-Situation – aber nur für die Fittesten

In flexiblen Arbeitsmärkten wie Schweiz oder Dänemark gehöre jedoch die Überzeugung, dass Unternehmer und Angestellte gegenseitig vom Wachstum profitieren, zur gesellschaftlichen Grundausstattung. «Diese, gepaart mit dem dualen Berufsbildungssystem hierzulande, macht mich für Industrie 4.0 zuversichtlich.»

Allerdings gelte es gewisse Probleme der Internetwirtschaft und der Sharing Economy zu lösen, beispielsweise die Sozialleistungen für das Heer von (Schein?-)Selbstständigen, z. B. Uber-Taxifahrer.