Konjunktur

Die Banken fliegen auf Firmenkredite

Unternehmensausleihungen stehen derzeit überall hoch im Kurs.

Unternehmensausleihungen stehen derzeit überall hoch im Kurs.

Firmen ab 250 Mitarbeiter fragen vermehrt nach Krediten – bei kleinen KMU ist die Investitionslust gedämpft.

Die Schuldnerqualität der Schweizer Unternehmen blieb auch nach dem Frankenschock besser, als die Banken erwartet hatten. Jetzt stehen Unternehmensausleihungen überall hoch im Kurs. «Die Flut hebt alle Boote», sagt der Volksmund. Credit-Suisse-Manager Matthias Wyder, zuständig für Kreditmanagement und -syndizierung, formuliert es etwas diskreter: «Der gute Wirtschaftsgang seit dem Frankenschock hat auch schwächer positionierten Unternehmen geholfen, sich zu erholen.»

In der Tat: Die wirtschaftlichen Bedingungen sind so gut wie seit Jahren nicht mehr. Die Konjunktur in den für die Schweizer Exporteure wichtigsten Abnehmerländern in Europa gewinnt auch dort noch an Fahrt, wo sie schon seit geraumer Zeit am Brummen ist. Dementsprechend legt auch der Wert des Euro zu. Im Vergleich zum Dollar hat er sich in den vergangenen 12 Monaten um 15 Prozent verteuert und fast ebenso viel hat die Gemeinschaftswährung auch zum Franken an Boden gutgemacht (12 Prozent).

Mehr ungedeckte Kredite

Schweizer Firmen, die ihre Ware hierzulande herstellen, um sie im Euroraum unter die Leute zu bringen, sind dank der Wechselkursentwicklung gegenüber der EU-Konkurrenz wieder wettbewerbsfähiger geworden. Damit hatten die Banken noch vor zwei Jahren nicht gerechnet. Damals befürchtete zum Beispiel die UBS «ungünstige Auswirkungen auf einige Gegenparteien im inländischen Kreditportefeuille», wie es im seinerzeitigen Geschäftsbericht hiess. Doch davon will die grösste Schweizer Bank heute nichts mehr wissen. «Entgegen den Befürchtungen konnte sich die Mehrheit der Unternehmen gut an die Situation anpassen», beantwortet die Bank unsere Anfrage. Die «Ratings», also die Noten, mit deren Hilfe die Banken ihre Unternehmensschuldner in verschiedene Qualitätsklassen einteilen, sind bei der UBS auch nach dem letzten Frankenschock im Januar 2015 «insgesamt stabil geblieben». Die gleiche Feststellung bekommt man fast überall zu hören. Nebst den beiden Grossbanken befragten wir vier Kantonalbanken (unter ihnen auch die Aargauische Kantonalbank), die Raiffeisen Gruppe sowie die deutsche Commerzbank zum Zustand des inländischen Firmenkundengeschäfts. Einzig Raiffeisen hat in den letzten Jahren eine «leicht negative» Entwicklung der Kreditratings beobachtet.

Wie stark sich das Geschäftsklima in den vergangenen zwei Jahren aufgehellt hat, lässt sich auch aus den bankenstatistischen Monatsheften herauslesen, wie sie Schweizerische Nationalbank publiziert. So sind die ungedeckten Kredite an das verarbeitende Gewerbe und die Industrie von 2016 bis Januar 2018 um 25 Prozent hochgeschnellt, während das Volumen der Blankokredite für die Gesamtwirtschaft in der gleichen Zeit nur um rund 3 Prozent zugenommen hat. Blankokredite sind ein ziemlich zuverlässiger Indikator für den Risikoappetit der Banken. Und der Umstand, dass die vom Frankenschock besonders hart getroffene Industrie weit überdurchschnittlich in den Genuss solcher Ausleihungen kommt, spricht für sich selber.

Kaum zu übersehen ist allerdings auch, dass die Wechselkurszäsur zu einer gewissen Zweiteilung der Schweizer Wirtschaft geführt hat. Während grössere Unternehmen ab 250 Mitarbeitern seit 2016 wieder deutlich mehr zu investieren scheinen, wie die Kreditzunahme (+37 Prozent) vermuten lässt, ging es bei den mittelgrossen Firmen (50 bis 249 Mitarbeiter) auch in den zwei Jahren nach dem Schock weiter rückwärts (–6 Prozent). Diese Feststellung passt zur Diagnose von Credit- Suisse-Manager Wyder: «Schweizer Zulieferfirmen haben den Währungsschock nur dann wirklich gut verwunden, wenn es ihnen gelungen ist, Teil der Wertschöpfungskette ihrer Kunden zu werden und sich so quasi unersetzlich zu machen.» Es gibt eine nicht unbedeutende Zahl von industriellen und gewerblichen KMU, die diesen Schritt bislang nicht geschafft haben. Aber auch sie geniessen im Moment Rückenwind von der Konjunktur und der Währungsfront. So erhalten sie vielleicht eine zweite Chance. Marc Steinkat, der das Firmenkundengeschäft der Commerzbank in der Schweiz ab 2011 aufgebaut hat und bis heute leitet, sprach am Mittwoch auf einer Medienkonferenz von einer «unglaublichen Dynamik» im KMU-Bereich.

Neue Ertragsquellen

Diese will sich nun eine wachsende Zahl von Banken für neue Geschäfte zunutze machen. Raiffeisen ist in den vergangenen Jahren bewusst etwas höhere Risiken eingegangen, um das noch vergleichsweise kleine Firmenkundengeschäft voranzubringen. Dabei wurden unter anderem mehr ungedeckte Ausleihungen, sogenannte Blankokredite, vergeben. Das Firmenkundengeschäft ist inzwischen auch für die Kantonalbanken wieder ein begehrter Wachstumsmarkt. Die AKB plant einen weiteren Ausbau des Geschäfts in ihrem Marktgebiet. Sie hat dafür 2017 das Firmenkundengeschäft zu einem eigenen, in der Geschäftsleitung vertretenen Bereich aufgewertet. Die Verkaufsaktivitäten werden ausgebaut und es erfolgen Investitionen in personelle und infrastrukturelle Ressourcen. Die von lukrativen Vermögensverwaltungsgeschäften und einer robusten Hypothekennachfrage verwöhnten Schweizer Banken hatten das Unternehmenskreditgeschäft lange Zeit stiefmütterlich behandelt, jetzt scheinen sie es als neue Ertragsquelle zu entdecken.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1