Interview

Der neue SBB-Chef im Krisen-Interview: Werden die Passagierzahlen noch jahrelang tief bleiben?

Der neue SBB-Chef Vincent Ducrot (57).

Der neue SBB-Chef Vincent Ducrot (57).

Heute ist der erste Arbeitstag von Vincent Ducrot (57) als neuer SBB-Chef. Der Nachfolger von Andreas Meyer sagt, warum in den Agglomerationen wieder mehr Leute in den Zügen unterwegs sind - und wie seine Kinder die Coronakrise erleben.

Vincent Ducrot übernimmt die SBB in einer Zeit, in der die Bahn wegen des Coronavirus so wenige Leute transportiert wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Trotzdem sagte Ducrot am Mittwoch in einer Videokonferenz: «Die Situation macht auch Spass.» Diese Antworten gab Ducrot auf die drängendsten Fragen der Journalisten.

Wie verläuft ihr erster Arbeitstag?

Vincent Ducrot: Ich hatte das Gefühl, ich starte an einem Sonntag, weil so wenige Leute da sind. Wir haben 80 bis 90 Prozent weniger Passagiere. Immerhin: Wir fahren pünktlich. Die SBB unternehmen alles, damit der Betrieb gut läuft. Es ist wichtig, dass wir bereit sind, wenn alles wieder normal läuft. Die Krise ist eine Herausforderung, aber es macht auch Spass. Ich schätze solche Situationen. Sie zwingen uns, zusammenzuarbeiten.

Welche finanziellen Folgen hat die Krise für die SBB?

Sie sind sehr gross. Wir sind im Gespräch mit den Behörden und der zuständigen Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Es gibt verschiedene Varianten, wie die Folgen bewältigt werden könnten. Wie gross die Einbussen genau sind, kann noch nicht gesagt werden. Die SBB haben Kurzarbeit angemeldet, aber noch keinen Bescheid gekriegt.

An der Medienkonferenz, die am Mittwochvormittag online erfolgt ist, erklärte Ducrot, wie die SBB den Betrieb nach dem Lockdown wieder hochfahren will:

Der neue SBB-Chef Vincent Ducrot hat das Steuer übernommen

Wie viele Kunden verzichten derzeit auf ihr Abo?

Zum jetzigen Zeitpunkt haben 150'000 Kunden ihr Generalabo hinterlegt. Welche Lösung es für die anderen Abos gibt, wissen wir noch nicht. Wir wollen unsere Kunden nicht für die Krise bestrafen.

Sie sagten, dass in den Agglomerationen wieder etwas mehr Leute im ÖV unterwegs sind. Warum - und wie reagieren Sie darauf?

Es sind weniger Leute krank oder etwa wegen Ferien abwesend. Das spüren auch die SBB: Wir haben mehr Personal zur Verfügung als vor 10 Tagen. Wir reinigen und desinfizieren viel, das schafft Vertrauen. Zudem gab es viele Leute, die sich krank fühlten oder waren und jetzt wieder sicherer sind. Deshalb gibt es eine leichte Tendenz nach oben in den Agglomerationen. Wir haben aber immer noch 80 Prozent weniger Passagiere und 25 Prozent weniger Züge, Kapazitäten gibt es also genug.

Glauben Sie, dass sich die Passagierzahlen nach der Krise schnell erholen werden oder dauert das Jahre?

Ich bin nicht gut im Lesen der Kristallkugel. Es gibt zwei Thesen: Die Leute gewöhnen sich ans Home Office und reisen weniger. Oder, und das glaube ich: Sie haben nach der Krise genug vom Zuhause arbeiten und wollen wieder reisen, draussen sein und andere treffen. Ich sehe das bei meinen Kindern. In der ersten Woche war es ein Plausch, zu Hause zu sein. In der zweiten Woche wurde es schon kritischer, und nun wollen sie wieder nach draussen.

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