Nachruf auf Carsten Schloter
«Das schnürt Ihnen die Kehle zu»

Swisscom-Chef Carsten Schloter ist tot. Die Polizei geht davon aus, dass der 49-Jährige sich das Leben genommen hat. Er wird als so erfolgreicher wie empathischer und ehrlicher Chef in Erinnerung bleiben.

Patrik Müller*
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Swisscom-CEO Carsten Schloter im Swisscom-Hauptsitz Worblaufen bei Bern.

Swisscom-CEO Carsten Schloter im Swisscom-Hauptsitz Worblaufen bei Bern.

Raffael Waldner/13photo

Ich erschrak, als ich das Interview hervorholte, das wir vor zwei Monaten mit Carsten Schloter geführt hatten. Der Titel war mir nicht mehr präsent, und nach der Meldung von Schloters Tod klang er nun ganz anders: «Das schnürt Ihnen die Kehle zu», war das Gespräch überschrieben.

Mehrmals habe ich in seiner achtjährigen Amtszeit den Swisscom-Chef interviewt, aber beim letzten Mal war er offener, persönlicher, auch nachdenklicher als sonst. Und zudem seltsam entspannt. Ausführlich sprach er über die Schattenseiten der modernen Kommunikation. «Das Gefährlichste ist, wenn man in einen Modus der permanenten Aktivität verfällt. Das führt dazu, dass man zu keiner Ruhe mehr findet», sagte Schloter etwa.

Er formulierte Sätze, die bei Interviews mit einem CEO spätestens beim Gegenlesen wieder gestrichen werden müssen. Sätze, die Schloter aber zur Autorisierung freigab. Er sagte, es sei ihm nicht gelungen, Lehren aus dem Auseinanderbrechen seiner Ehe zu ziehen. «Wie viele Zeitfenster an sieben Tagen und 24 Stunden gibt es noch, während denen man frei ist von jeder beruflichen und privaten Verpflichtung?», fragte der 49-Jährige. «Es kommt irgendwann ein Punkt, wo Sie das Gefühl bekommen, nur noch von einer Verpflichtung zur nächsten zu rennen.»

Und dann eben dieser Satz: «Das schnürt Ihnen die Kehle zu. Unter einem solchen Eindruck – dass es weniger Verpflichtungen sein könnten – stehe ich immer noch.»

Ich deutete die persönlichen Aussagen vor zwei Monaten als Stärke: Ein CEO, der so ehrlich über seine menschliche Seite, seine Schwächen und Probleme spricht – so einer wäre doch ein Vorbild. Allzu oft gaukeln uns Verantwortungsträger aus Wirtschaft, Politik und Sport vor, sie kämen mit ein paar Stunden Schlaf problemlos über die Runden, gäben im Job vollen Einsatz und hätten auch familiär alles im Griff.

Doch den Supermanager, der zugleich auch der Superehemann und der Supervater und immer mit sich im Reinen ist – ihn gibt es nicht. Carsten Schloter stand dazu, kein Alleskönner zu sein. Er konnte, was verdienstvoll und bewundernswert ist, zwar darüber reden. Aber das half ihm nicht.

Dabei bräuchte es mehr Manager wie Schloter: Die ehrlich sind und zu ihren Problemen stehen – und damit ihren Mitarbeitern Mut machen, die auch alle ihre Probleme haben. Wie viele Menschen bringen Beruf und Familie nicht unter einen Hut? Fürchten um ihren Arbeitsplatz? Tragen eine Krankheit in sich, von denen nur sie selbst oder die Familie weiss? Und antworten trotzdem reflexartig mit «gut!», wenn man fragt: «Wie gehts dir?»

In tragischer Weise erinnert Carsten Schloters Tod an den früheren Chef der Bank Julius Bär, Alex Widmer. Auch er war, 52-jährig, eigentlich in der besten Phase seiner Karriere, als er vor vier Jahren freiwillig aus dem Leben schied. Auch er war Vater dreier Kinder. Viel mehr geschäftlichen Erfolg hätten Widmer wie Schloter kaum haben können. Beide schienen als Persönlichkeiten stark, gestählt von den Rückschlägen, die sie in ihrer Laufbahn unvermeidlich erlitten hatten. Und kamen doch mit ihrem Leben nicht zurecht.

Beide waren ausgesprochen ehrgeizig – eine Eigenschaft, die fast jeder Chef hat, zu der aber auch nicht alle stehen. Bei Carsten Schloter zeigte sich der Ehrgeiz am offensichtlichsten im Sport, wo er sich richtiggehend quälen konnte. Bei unserem Interview erzählte er, wie er seine Laufzeiten mit dem iPhone statistisch erfasst und sich mit anderen Läufern vergleicht.

Schloter bleibt nicht nur als empathischer Chef in Erinnerung (einer übrigens, den alle Mitarbeiter duzen durften). Sondern vor allem als Chef, der die Swisscom in der zweiten Phase der Telekomliberalisierung nach vorn brachte. Während in anderen Ländern die ehemaligen Monopolisten im Wettbewerb untergingen, blühte die Swisscom in den letzten Jahren auf.

Die Swisscom dominiert heute auf dem Mobilfunkmarkt fast zu stark, was ein Stück weit auch an den politischen Rahmenbedingungen liegt – aber stärker damit zusammenhängt, dass das Unternehmen die richtige Strategie fährt und gute Arbeit macht. In diesem Sinn war Schloter eigentlich zu erfolgreich.

Carsten Schloter würde dazu wohl sagen: Das ist nicht mein Verdienst, sondern das Verdienst von 16 000 Mitarbeitern, und auch ein bisschen Glück. Ehrlich, wie er war.

*Patrik Müller ist Chefredaktor der «Schweiz am Sonntag». Das im Nachruf erwähnte Interview mit Carsten Schloter ist am vergangenen 19. Mai erschienen.

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