Elektronik
Das Leben von Logitech nach der Maus

Das Westschweizer Unternehmen Logitech ist der grösste Hersteller von Computermäusen und leidet unter dem Wandel vom PC zu Tablet-Computern.

Matthias Niklowitz
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Ungewisse Zukunft: Computermaus von Logitech.

Ungewisse Zukunft: Computermaus von Logitech.

Keystone

Logitech muss sich – einmal mehr – neu erfinden: Zwar verzeichnete der Computerzubehörspezialist im letzten Geschäftsjahr den dritthöchsten Umsatz aller Zeiten. Aber die Vorsteuer-Gewinnmarge und die operative Marge lagen mit 6,2 bzw. 3,1 Prozent so tief wie noch nie in den letzten 15 Jahren.

Grund ist der Technologiewandel. Logitech wurde durch die Einführung und rasante Verbreitung der Smartphones und Tablet-Computer um ein zuvor robust laufendes Geschäftsmodell gebracht. Denn die neuen mobilen Kleincomputer benötigen kaum noch die Computermäuse, Tastaturen, Lautsprecher und Kameras – alles Produkte, die Logitech herstellt. Und auch in den Haushalten schauen die Kunden anders fern als noch vor wenigen Jahren. Das wiederum macht den Markt für Fernsehfernbedienungen noch schwieriger.

«Wir wissen, dass dieser Wandel eine grosse Herausforderung für uns ist», räumt Fred Boutin, Logitech-Manager für die Digital-Home-Produkte in Europa, Afrika und dem Mittleren Osten, im Gespräch am Rande der International Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas ein. «Aber obwohl es die Tablets und Smartphones gibt, hat sich unsere Aufgabe nicht wesentlich geändert: Wir möchten mit neuem Zubehör auch bei den neuen Produkten präsent sein.»

Glückstreffer mit iPad-Tastatur

Ein Beispiel sind die grossen Touchpads, die berührungsempfindlichen Oberflächen, die viele Computerbenutzer von ihren Notebooks her kennen. Logitech bietet solche in Grossversionen als Zubehör an – und diese eignen sich auch sehr gut für die neuen Notebooks mit dem Microsoft-Windows-8-Betriebssystem.

Auch bei den iPads von Apple glaubt Boutin, mit der separaten Tastatur die richtige Lücke gefunden zu haben: «Zu Beginn wollte Apple von so einer Zusatztastatur nichts wissen. Jetzt ist unsere aber die einzige, die in allen Apple-Stores als Zubehör prominent verkauft wird.» Laut Boutin waren die Verkäufe dieser Tastatur vor Weihnachten «sehr gut».

Nicht alle Produkte kann Logitech so absetzen, wie es sich das Topmanagement vorstellt. So können Fernsehzuschauer das Produkt «Harmony Link» als Universalfernbedienung zu Hause benutzen. «Aber anders als in den USA ist es sehr schwierig, in Europa die erforderlichen Programmdaten von allen Kabelnetzbetreibern und aus dem Internet zu verknüpfen, um das volle Potenzial dieser Lösung auszunutzen», sagt Boutin. Die Komplexität der hiesigen Fernsehlandschaft sei einfach zu hoch. «Und anders als andere Hersteller möchten wir nur mit fixfertigen Produkten zu den Kunden gehen und nicht mit halb fertigen Lösungen, die lediglich Beta-Versionen sind.»

Komplexe Fernsehlandschaft

Dieser Seitenhieb gilt einem grossen US-Suchmaschinenbetreiber. Immerhin hat Logitech inzwischen ausreichend viele Feedbacks der Kunden aus den USA bekommen und so denkt man darüber nach, «Harmony Link» in Zusammenarbeit mit Kabelnetzbetreibern in einer verbesserten Version auch in Europa anzubieten. «So können Kunden ihre vier bis fünf Fernbedienungen beiseitelegen und durch eine einzige ersetzen», glaubt Boutin.

Es müssen aber nicht nur die Kabelnetzbetreiber und die weiteren Informationslieferanten mitspielen. Denn auch die Kunden verwenden die Produkte der Unterhaltungselektronikindustrie gelegentlich ganz anders, als sich das die Entwickler und Verkaufsleute vorgestellt hatten. Ein Beispiel sind die PS-3-Spielkonsolen. Diese sind in den USA die beliebtesten Zugangsboxen für Video-on-Demand von Netflix, einem Filmverleih über das Internet, geworden. «An diese Boxen kommen die Kabelnetzbetreiber einfach nicht heran, denn diese sind ausserhalb ihrer Reichweite und damit sind auch solche Produkte wie unser Harmony Link noch schwerer zu vermarkten», sagt Boutin.

Boutin räumt ein, dass Logitech noch nicht auf alle Herausforderungen eine vernünftige Antwort gefunden hat. «Es geht uns da genauso wie der ganzen Fernsehindustrie – auch da schrumpfen die Umsätze mit Jahresraten um 20 Prozent und selbst neue Technologien wie Blue-Ray finden nur marginal Verbreitung.» Die ganze Industrie bewege sich in einem paradoxen Umfeld: Einerseits war der Fernseher der erste Bildschirm überhaupt in Privathaushalten. Home Computer, PCs, Laptops, Notebooks, Netbooks, Smartphones und Tablet-Computer kamen erst später hinzu. «Aber der Fernseher wird andererseits als letztes Gerät smart werden», sagt Boutin, «denn das Gerät ist bisher kaum mit dem Rest des Haushalts vernetzt und das gibt uns die Chance, TVs mit Zusatzgeräten noch ’intelligenter’ zu machen.»

Hoffnung auf Windows-8

Ein Beispiel für zeitgemässes Fernsehzubehör von Logitech ist eine Web-Kamera, die sich direkt am Fernseher anschliessen lässt. WiFi und Ethernet sind in das handgrosse Gerät, das eigentlich einen kleinen Computer auf der Basis des Android-Betriebssystems darstellt, integriert. «Damit können Privatpersonen viel leichter Videotelefonieren», sagt Boutin. Die Verkaufserfolge des erst kurz vor Weihnachten in Europa eingeführten Zusatzgeräts seien ausgezeichnet gewesen.

Bei weiteren Wachstumsfeldern wie dem Zubehör für Firmen-PC-Umgebungen wartet Logitech genauso wie der Rest der PC-Industrie auf den grossen Upgrade-Zyklus, der durch das neue Microsoft-Betriebssystem Windows-8 getrieben sein soll. Denn viele grosse Firmen verwenden weiterhin das alte, aber inzwischen robust und sicher gewordene Windows-XP-Betriebssystem. «Im professionellen Umfeld sehen wir weiterhin eine Entwicklung in Richtung ’Unified Communication’», sagt Boutin, «das hält den Absatz von speziellen Kopfhörern und Tastaturen stabil.»

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