Mühlemann
Das Ende des «Lebenswerkes»

Mit der Schliessung der Mühlemann AG geht auch ein Stück Industriegeschichte in Biberist zu Ende. Die Eigentümer Kurt und Edwin Mühlemann blicken zurück – in die Zeit vor und nach dem Verkauf an Feintool.

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Schweiz am Sonntag

von Franz Schaible

«Ich bin schockiert und traurig. Das hätte ich nie erwartet.» Der 75-jährige Kurt Mühlemann ist sichtlich bewegt. «Ich wusste, dass es nicht gut läuft. Aber einen solchen Radikalschnitt habe ich mir nicht vorstellen können.» Der 73-jährige Edwin Mühlemann ist enttäuscht. Die Brüder Kurt und Edwin Mühlemann mussten diese Woche eine schlimme Nachricht hinnehmen. Die Schliessung ihres «Lebenswerkes», der Mühlemann AG in Biberist, schmerzt.

Sie hatten den traditionsreichen Betrieb von ihrem Vater, Otto Mühlemann, Anfang der 70er-Jahre übernommen und in zweiter Generation weitergeführt (siehe Kasten). Kurt, der Uhrwerkzeugmacher, trat 1955 in den elterlichen Betrieb ein und Edwin, der Feinelektroapparatezeichner, folgte ihm sechs Jahre später. «Bis zum Verkauf 1999 an die Lysser Feintool-Gruppe haben wir je fast 50 Jahre mit viel Herzblut für den Betrieb gearbeitet.»

Die beiden Unternehmer aber sind sich einig: Nicht sie persönlich sind die wirklich Leidtragenden, sondern die rund 200 betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die spätestens Ende März 2010 ihren Job verlieren werden. «Nicht wenige langjährige Mitarbeiter haben sich bereits unter unserer Führung für das Unternehmen mit viel Engagement eingesetzt», sagt Edwin Mühlemann. Die Belegschaft sei fast wie eine Familie gewesen. Sein Bruder Kurt erinnert sich: «Der gegenseitige Kontakt war wichtig. Es hatte immer auch Privates Platz.»

Die Verwurzelung mit dem Betrieb hängt wohl auch mit ihren Persönlichkeiten zusammen. Sie wirken bescheiden, bodenständig. «Wir haben zu Beginn alle Arbeiten gemacht. Vom Firmenputz über die Verteilung der Heimarbeitsaufträge, Postgänge bis hin zur Abrechnung der Löhne», blickt Edwin Mühlemann lachend zurück.

Ihnen ist es gelungen, aus dem Kleinbetrieb mit zehn Angestellten ein Unternehmen mit bis zu 350 Beschäftigten aufzubauen. Den Durchbruch erzielten die Mühlemanns mit der Entwicklung und Produktion von Verbundteilen aus Kunststoff/Metall. «Die Verbindung der beiden Materialien ist hochkomplex. Wir waren Pioniere», sagt Kurt Mühlemann stolz. In den 90er-Jahren wuchs die Firma rasant. Edwin Mühlemann nennt Zahlen: Umsatz 1990: 22 Millionen Franken, Umsatz 1998: 62 Millionen. Haupttreiber waren die Geschäfte mit dem Weltkonzern Bosch.

War die Mühlemann AG damit nicht ein doppeltes Klumpenrisiko - Ausrichtung auf die Autobranche und einen Hauptkunden - eingegangen? «Die Strategie war grundsätzlich nicht falsch», beteuert Kurt Mühlemann. «Das Risiko lag allerdings in der Tat bei uns, nämlich, wenn wir aufgehört hätten, Bosch mit unseren Leistungen zufriedenzustellen.» Man ging von einer weltweit steigenden Mobilität der Bevölkerung aus und damit auch vom wachsenden Autoabsatz.

Bei jeder Erneuerung der Modellpalette braucht es viele neue Teile. Um daran zu partizipieren, habe die Mühlemann AG jeweils sehr hohe Vorinvestitionen in die Entwick-lung der neuen Teile gesteckt, um dann beim Produktionsstart mit dabei zu sein. Das habe bis zum Verkauf der Firma an Feintool geklappt.

Und Bruder Edwin doppelt nach: «Bosch ist nicht nur ein Autozulieferer, sondern in unzähligen Branchen aktiv. Wir haben Teile in 15 verschiedene Werke geliefert. Wir waren also innerhalb der Bosch-Gruppe diversifiziert.» Zudem habe man andere Top-Kunden gehabt, die aber - zugegeben - umsatzmässig mit Bosch nicht mithalten konnten.

Warum haben Sie den wachsenden und florierenden Betrieb verkauft? «Wir waren beide im Pensionsalter und eine familieninterne Nachfolgeregelung war nicht möglich», antwortet Kurt Mühlemann. Hauptgrund sei aber das starke Wachstum gewesen. «Die anstehenden wachstumsbedingten Investitionen wären finanziell und managementmässig schwierig zu verkraften gewesen.» Die Ansprüche von Bosch seien zudem gestiegen. So sei der Aufbau einer Produktionsstätte in den USA verlangt worden.

Die Käuferin, die international präsente Feintool-Gruppe, hatte grosse Ziele; 10 bis 15 Prozent Wachstum pro Jahr. Kurz nach der Übernahme wurden zig Millionen Franken in Biberist investiert und eine Komponentenproduktion in den USA aufgezogen. Doch das Wichtigste, die Entwicklung neuer Produkte, sei offenbar zu wenig energisch verfolgt worden, sagt Kurt Mühlemann. Dies, und nicht primär die jetzige Absatzkrise in der Autoindustrie, habe nun offenbar zur Schliessung geführt. «Autos werden schliesslich immer noch hergestellt.»

«Wir können es immer noch nicht glauben, dass die Mühlemann AG geschlossen wird.» Edwin und Kurt Mühlemann sind ratlos und ein Patentrezept ist nicht in Sicht. Die Erinnerung aber ist allgegenwärtig. Ihr Lebenswerk liegt nur einen Steinwurf von ihrem Doppeleinfamilienhaus entfernt.

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