Frankenstärke

Das Elend der Wirtschaftswissenschaft – denn diese ist keine Naturwissenschaft

Deutschland ist, in absoluten Zahlen gemessen, Exportweltmeister, relativ gemessen verzeichnete der grosse Kanton im Norden im Jahre 2015 einen Leistungsbilanzüberschuss von 8 Prozent seines Bruttoinlandprodukts (BIP).

Deutschland ist, in absoluten Zahlen gemessen, Exportweltmeister, relativ gemessen verzeichnete der grosse Kanton im Norden im Jahre 2015 einen Leistungsbilanzüberschuss von 8 Prozent seines Bruttoinlandprodukts (BIP).

Ein Leistungsbilanzüberschuss ist besser als ein Defizit. Doch ist der hohe schweizer Überschuss gut oder schlecht?

Zu den Binsenweisheiten der Wirtschaftswissenschaft gehört: Ein Leistungsbilanzüberschuss ist besser als ein Defizit. Wenn also Handel und Kapitalverkehr mit dem Ausland nicht ausgeglichen sind, sondern zugunsten der Schweiz ausfallen. Eine weitere Binsenweisheit ist: Steigt der Wert der eigenen Währung, dann ist das schlecht für Exporte, weil die Produkte und die dahinter stehenden Dienstleistungen teurer werden, ohne dass dem im Ausland eine Wertvermehrung gegenübersteht. Sinkt er, hilft das.

Der Irrtum der EWR-Befürworter

So viel zur grauen Theorie. Deutschland ist, in absoluten Zahlen gemessen, Exportweltmeister, relativ gemessen verzeichnete der grosse Kanton im Norden im Jahre 2015 einen Leistungsbilanzüberschuss von 8 Prozent seines Bruttoinlandprodukts (BIP). Die Schweiz allerdings sagenhafte 11 Prozent, mehr als eine Verdoppelung seit 2006. Und obwohl der Franken, nicht zuletzt durch die Aufhebung der Untergrenze zum Euro, deutlich an Wert gewonnen hat. Es ist also das pure Gegenteil davon geschehen, was viele namhafte Koryphäen der Ökonomie vorhergesagt haben. Die seit dem EWR-Nein von 1992 den wirtschaftlichen Untergang der Schweiz prognostizieren und bis heute den Anschluss an den Euro fordern.

Wie lässt sich aber die Realität richtig erklären? Zunächst hat eine Bilanz überraschenderweise zwei Waagschalen. Einer Verteuerung von Exporten durch eine steigende Währung steht eine Verbilligung von Importen gegenüber. Daher sind die Schweizer Exporte 2015 zwar wertmässig um 2,6 Prozent gesunken, die Importe verbilligten sich aber um 6,9 Punkte. Bei Dienstleistungen verringerte sich der Überschuss zwar um ein Drittel im Vergleich zu 2006, sie machen aber immer noch 20 Prozent des Überschusses aus.

Euro ist eine Mischwährung

Weil es sich auch hier um Waagschalen handelt, ist es auch wichtig, wie denn ein solcher Überschuss verwendet wird. Steigt der Wert des Franken, verringert sich dadurch in der Binnenwährung gemessen der Wert der getätigten Investitionen. Pervers wird das, wenn wie im Falle Deutschlands dieser Kapitalexport in andere Volkswirtschaften, aber innerhalb der gleichen Währung stattfindet. Da fällt dieses Regulativ weg. Denn ein Griechen-Euro dürfte ohne gemeinsame Fiskal- und Geldpolitik niemals immer gleich viel wert sein wie ein Deutsch-Euro, unabhängig von der Fähigkeit zur Wertschöpfung. Und ohne die Möglichkeit, dass Griechenland auch pleite gehen kann.

Also ist ein immer stärkerer Franken besser als eine schwächelnde Währung? Ein Vergleich mit dem Pfund zeig: Es macht einen Unterschied, ob in der Relation zwischen Währungen die eine an Wert gewinnt —  oder eben die andere an Wert verliert. Das Resultat ist das gleiche, aber die Ursache ist eine andere. Komplizierter wird es noch dadurch, dass der Euro eine Mischwährung ist. Das bewirkt, dass der Euro für Deutschland viel zu billig ist. Doch vor allem für die Südländer — und eigentlich für alle anderen Euro-Volkswirtschaften — ist er viel zu teuer. Und angesichts dieses beeindruckenden Leistungsbilanzüberschusses der Schweiz müsste der Franken noch viel höher bewertet werden.

Nicht jeder Überschuss ist schlecht

Ein schönes Beispiel dafür, dass die Wirtschaftswissenschaft gar keine Naturwissenschaft ist. In der Physik etwa wird ziemlich erfolgreich versucht, durch Experimente und Untersuchungen Prinzipien und Gesetzen auf die Spur zu kommen, die durch empirische Daten belegt angewendet werden können und die gewünschten Resultate, Wirkungen liefern. Nun ist es natürlich nicht so, dass unter Wirtschaftswissenschaftlern im Gegensatz zu Physikern grassierende Dummheit herrschen würde.

Doch wirtschaftliche Zusammenhänge sind eben meistens nicht linear, sondern multifaktoriell. Wenn man in der doch recht komplexen Volkswirtschaft unten rechts an einem Rad im Uhrzeigersinn dreht, ist es nicht zwangsläufig so, dass oben links sich ein Rad wie erwartet oder gewünscht in die gleiche Richtung bewegt.

Aber es gibt leider zwei Unterschiede zwischen Physik und der sogenannten Wirtschaftswissenschaft. Physiker, die zu lange an der Theorie festhielten, dass sich Verbrennung durch die postulierte Existenz von Phlogiston erklären lasse, einer Substanz, die einfach entweiche, mussten irgend wann einmal ihren Irrtum einsehen oder schweigen. Das gilt in der Ökonomie nicht; keiner der vielen Koryphäen, die offensichtlichen Unsinn zu den Auswirkungen der Weiterexistenz des Frankens und vor allem seines Wertzuwachses erzählt haben, schweigt, sie diskutieren weiter fröhlich mit.

Frankenaufwertung bleibt Thema

Der zweite Unterschied besteht darin, dass in der Physik meistens relativ schnell die Wirkung auf die Ursache folgt. In der Ökonomie dauert es, manchmal lange. Deshalb ist die Analyse natürlich richtig, dass der Euro von Anfang an eine Fehlgeburt war. Deshalb muss und wird der Franken relativ zum Euro weiter an Wert zunehmen. Oder der Euro müsste an Wert gewinnen, was aber nur geschehen könnte, wenn alle Südländer ihn verlassen. Was nicht geschehen wird. Nur: Wie in einem solchen Fall der Franken reagiert, das ist schwierig vorauszusehen.

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