Grossbanken
Credit-Suisse droht neuer Milliardenverlust

Die Bank hat zu lange gewartet, um die Sicherheiten eines Hedgefonds-Kreditkunden zu verkaufen. US-Banken waren schneller.

Daniel Zulauf
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Ein Gewittersturm bringt die Credit Suisse in Nöte.

Ein Gewittersturm bringt die Credit Suisse in Nöte.

Fabrice Coffrini / AFP

Die Credit Suisse kommt aus dem Schlamassel nicht heraus. Am Montagmorgen vor Eröffnung des Börsenhandels erschreckte die Bank ihre Aktionäre mit einer neuen Verlustwarnung. Ein grosser amerikanischer Hedgefonds könne nicht mehr genügend Sicherheiten für die von Credit Suisse und anderen Banken gewährten Kredite beibringen, hiess es in der kurzen Mitteilung der CS. Man sei mit der Veräusserung der den Krediten zugrunde liegenden Pfänder beschäftigt.

Für eine genaue Quantifizierung des zu erwartenden Verlustes sei es noch zu früh. Dieser könne aber «sehr bedeutend und relevant für das Geschäftsergebnis im ersten Quartal des laufenden Jahres sein», warnte die Bank.

Börse nimmt schlimmstmöglichen Verlust vorweg

Im Markt weiss man inzwischen schon einiges mehr. Die Nachrichtenagentur Reuters spricht unter Bezugnahme auf bankinterne Quellen von einem potenziellen CS-Verlust in Höhe von mindestens einer Milliarde bis maximal vier Milliarden Dollar. Um vier Milliarden Franken hat Credit Suisse am Montag an der Schweizer Börse auch an Wert verloren. Der Aktienkurs brach um gegen 15 Prozent auf unter 11 Franken pro Titel ein. Anfang Monat, vor Bekanntwerden des Greensill-Debakels, notierten die Aktien noch bei rund 13,5 Franken.

Die scharfe Reaktion der Credit-Suisse-Investoren ist nicht zuletzt Ausdruck von Befürchtungen, dass die Bank nach der jüngsten Häufung von Grossverlusten bald wieder frisches Eigenkapital benötigen könnte. Vergangene Woche hatte die Kreditbewertungsagentur Fitch mit Blick auf das Greensill-Debakel kurzfristig noch keinen zusätzlichen Kapitalbedarf festgestellt. Das könnte sich je nach Höhe des nun eintretenden Hedgefonds-Verlustes möglicherweise ändern. Allerdings hat die Credit Suisse noch am Montag eigene Aktien zurückgekauft. Aktienrückkäufe sind eine Form von Gewinnausschüttung. Der Credit-Suisse-Verwaltungsrat hat Ende Oktober den Rückkauf eigener Aktien im Wert von bis zu 1,5 Milliarden Dollar beschlossen.

Hinter dem Hedgefonds steckt ein Milliardär

Bekannt ist derweil, dass es sich bei dem in Schieflage geratenen Hedgefonds um ein Vehikel namens Archegos Captital handelt. Darin soll der Gründer Sung Kook «Bill» Hwang sein Privatvermögen verwalten. Drittinvestoren hat er offenbar keine, weshalb es auch kaum Informationen über die Strategie und die Leistung des Fonds gibt. In Marktkreisen wird das Eigenkapital des Archegos-Fonds mit rund 10 Milliarden Dollar beziffert.

Der Fonds drehte aber offensichtlich ein viel grösseres Rad. In diese Richtung weist die ebenfalls unbestätigte aber wahrscheinlich einigermassen zutreffende Marktinformation, nach der die beiden Investment Banken Goldman Sachs und Morgan Stanley am Freitag Aktien aus dem Portfolio von Archegos im Umfang von 20 Milliarden bis 30 Milliarden Dollar veräussert haben. Offenbar handelte es sich bei diesen Verkäufen um eine Art Zwangsliquidation, mit denen die Banken ihre bei dem Fonds ausstehenden Kredite zu decken trachteten.

Zu den Aktien, welche die beiden Banken am Freitag im grossen Stil auf den Markt geworfen hatten, gehören die Titel des amerikanischen Medienkonzerns Viacom CBS oder die Aktien des chinesischen Internet-Suchmaschinenbetreibers Baidu. Die Titel haben im Wochenverlauf bis zu 50 Prozent ihres Wertes eingebüsst.

Vermutlich haben die Banken im Zug des Wertverlustes ihrer Kreditpfänder Archegos zur Einzahlung zusätzlicher Sicherheiten aufgefordert, wozu diese am Freitag nicht mehr in der Lage war. Ein nicht genannt sein wollender Hedgefonds-Spezialist in Zürich geht davon aus, dass Archegos auf jeden Dollar investiertes Eigenkapital zusätzlich vier bis fünf Dollar Kredit aufgenommen hat. Das wäre im Marktvergleich ein weit überdurchschnittlicher Verschuldungsgrad. Offenbar war Archegos in den vergangenen Jahren genügend erfolgreich, um die Banken zur Bereitstellung solcher Kredite zu motivieren.

Hwang wurde wegen Insiderhandel gebüsst

Credit Suisse hat den richtigen Zeitpunkt zum Absprung aber offensichtlich verpasst und nicht mehr genügend Sicherheiten beziehungsweise Gegenwert, um die offenen Kredite glattstellen zu können. Weshalb die Schweizer zu spät kamen, ist vorerst ungeklärt.

In der gleichen Situation wie Credit Suisse befindet sich offenbar die japanische Grossbank Nomura. Diese teilte am Montagmorgen mit, ihr könnte ein Verlust von zwei Milliarden Dollar aus Transaktionen mit einem US-Kunden entstanden sein. In Marktkreisen gilt als ausgemacht, dass es sich bei diesem Kunden um Archegos Capital handelt.

Archegos-Gründer Hwang wird in Branchenkreisen als «Tigerbaby» bezeichnet, weil er sein Geschäft bei den Tiger-Fonds des Hedgefonds-Pioniers Julian Robertson erlernt hatte. 2012 wurde Hwang von der US-Börsenaufsicht wegen Insiderhandels und Marktmanipulation zu einer Strafe von 44 Millionen Dollar verdonnert.