Psyche

Burn-outs und Depressionen nehmen zu: Kurse zum Thema Krisenbewältigung sind nun gefragt wie nie zuvor

Des einen Freud, des anderen Leid: Die Arbeit im Homeoffice ist eine von vielen Veränderungen, die die Pandemie mit sich bringt.

Des einen Freud, des anderen Leid: Die Arbeit im Homeoffice ist eine von vielen Veränderungen, die die Pandemie mit sich bringt.

Immer mehr Firmen wollen psychischen Erkrankungen bei ihren Mitarbeitern vorbeugen – geht das? Ja, mit diesen Angeboten.

Die Zahl der Arbeitsausfälle aufgrund von psychischen Erkrankungen nimmt dramatisch zu. Laut einer Erhebung der Versicherungsgesellschaft PK Rück lag sie zu Beginn dieses Jahres auf einem Allzeitrekordhoch; seit 2012 haben in der Schweiz die Arbeitsabsenzen aus psychischen Gründen demnach um 70 Prozent zugenommen. In sechs von zehn Fällen handelt es sich um ein Burn-out oder eine Depression.

Das war vor Corona. Nun befürchten Fachleute, dass sich die Situation mit zunehmender Dauer der Krise zusätzlich verschlimmern könnte – mit fatalen Folgen für das weitere Berufsleben der Betroffenen. Denn psychische Krankheiten gelten als besonders schwerwiegend. Mit rund 18 Monaten dauert die Arbeitsunfähigkeit im Durchschnitt doppelt so lange wie bei anderen Erkrankungen, wobei die Chance auf eine berufliche Wiedereingliederung bereits nach sechs Monaten rapide sinkt. So schafft gemäss PK Rück nach einem halbjährigen Ausfall noch jeder Zweite die Rückkehr in den Job; nach einem Jahr sind es noch 20 Prozent.

Zunehmende Bemühungen der Unternehmen

Was also tun angesichts dieser düsteren Aussichten? Nun, nachdem die Wirtschaft das Problem lange Zeit unterschätzt hat, haben Schweizer Unternehmen in jüngster Zeit begonnen, mehr in die gesundheitliche Prävention ihrer Mitarbeitenden zu investieren. Resilienz heisst das Schlagwort der Stunde. Gemeint ist damit die psychische Widerstandsfähigkeit von Menschen, also die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen, sei es nun ein Schicksalsschlag im privaten Umfeld oder eine Stressbelastung im Job.

Die Idee hinter den zunehmenden Präventionsbemühungen der Firmen ist, dass sich die Resilienz von Menschen genauso trainieren lässt wie die körperliche Leistungsfähigkeit im Fitnessstudio. Seit einigen Jahren versuchen deshalb immer mehr Betriebe, dem wachsenden Problem der psychischen Erkrankungen im Arbeitsumfeld mit internen Massnahmen zu begegnen. In Gruppenkursen werden den Mitarbeitenden dort Ansätze vorgestellt, wie sie mental fit bleiben und sich für mögliche Krisen wappnen – oder es wird in Coaching-Angeboten an individuellen Anliegen gearbeitet.

Führungskräfte wie Angestellte sind verunsichert

Grundsätzlich sei das eine sehr begrüssenswerte Entwicklung, sagt Mario Grossenbacher, der selbst als Resilienz-Coach tätig ist. Das Problem dabei sei allerdings, dass die internen Anlaufstellen von Unternehmen oder Organisationen meist erst dann zum Zug kämen, wenn es bereits zu spät ist. «Häufig bleibt den Betroffenen dann nur noch der Gang zum Arzt oder Psychologen. Aus Sicht der Prävention wäre es daher zielführender, die Menschen schon früher mental auf potenzielle Krisensituationen vorzubereiten», sagt der 51-Jährige, der vor seinem Berufswechsel lange bei Novartis tätig war. Deshalb hat Grossenbacher vor fünf Jahren das Resilienz-Zentrum Schweiz in Basel mitbegründet.

Inzwischen hat die Firma zehn Mitarbeitende und berät unter anderem Unternehmen aus der Pharma- und Finanzbranche, Nichtregierungsorganisationen sowie Bund und Kantone. In der Coronazeit habe das Interesse nochmals stark zugenommen, dank Onlinekursen sogar weit über das eigentliche Einzugsgebiet hinaus. «Wir haben momentan Anfragen aus der gesamten Deutschschweiz, rund 20 Prozent mehr als gewöhnlich. Angesichts der vielen Unwägbarkeiten, die die Pandemie mit sich bringt, wächst das Bewusstsein für das Thema Resilienz», glaubt Grossenbacher. Vielerorts finde ein Umdenken statt:

Deshalb haben er und sein Team in diesem Jahr zusätzlich zum gewöhnlichen Angebot eine Smartphone-App lanciert, «eine Art mentaler Fitnesscoach für die Hosentasche – für Leute, die keine Lust auf die Arbeit in Gruppen haben».

Auf nicht minderes Interesse stösst derzeit das vergleichsweise kleinere Angebot der ausgebildeten Resilienz-Trainerin Christina Weigl, die von Luzern aus zusammen mit einer Handvoll unabhängiger Partner Unternehmen berät, darunter Führungskräfte von Sika, CKW, Swisscom sowie der Obwaldner Kantonalbank. «Burn-out, Corona, Resilienz – das hängt alles zusammen», sagt Weigl. Die Pandemie habe bei vielen Ängste ausgelöst, diese variieren jedoch von Person zu Person. Bei der Resilienz gehe es auch darum, die eigenen Ängste kennen zu lernen und die innere Widerstandskraft zu stärken, um besser mit diesen umgehen zu können. Die Herausforderungen, mit denen sowohl Führungskräfte als auch Angestellte derzeit konfrontiert sind, etwa die Arbeit im Homeoffice, hätten auch bei ihr zu mehr Anfragen geführt, sagt Weigl. Ihr Leadership-Training «Berufung, Führung, Sinn» sei heuer etwa komplett voll gewesen. «Das hat es in den neun Jahren seit der Gründung noch nie gegeben.»

Arbeitsausfälle haben immense Kosten zur Folge

Das Ziel aus Sicht der Wirtschaft ist klar: die Häufung von psychischen Erkrankungen, vor allem bei der jüngeren Generation, zu stoppen und, wo möglich, zu vermeiden. Denn jeder Arbeitsausfall ist mit immensen Kosten verbunden: 2012 bezifferte das Staatssekretariat für Wirtschaft die Absenzen, Produktionseinbussen sowie Invalidenrenten als Folge von Stress auf 10 Milliarden Franken pro Jahr – neuere Zahlen gibt es offenbar nicht. Jede zweite Neuanmeldung für eine IV-Rente entfällt inzwischen auf psychische Leiden.

Bei der Lösung dieses Pro­blems könnte die Resilienz ein wichtiges Puzzleteil bilden, sagt Martin Brasser, der an der Hochschule Luzern zum Thema lehrt und vor vier Jahren das Swiss Resilience Center in Luzern mitbegründet hat. Er nehme derzeit viel Bewegung im noch jungen Feld wahr, auch was die Ausbildung angeht. «Künftig wird die organisationale Resilienz noch wichtiger werden, also wie gesund eine Firma ist. Noch gibt es dazu keine Studiengänge, doch das wird sich bald ändern.»

Derweil haben neue Akteure bereits damit begonnen, das Potenzial des noch vielerorts unbeackerten Feldes für sich zu nutzen. Ein Beispiel ist der jüngst gegründete Swiss Resilience Hub. Ursprünglich für Juni dieses Jahres geplant, wurde das Zürcher Start-up bereits Mitte März «als direkte Antwort auf die Coronakrise» ins Leben gerufen – um Resilienz-Trainings für Privatpersonen, Firmen und gestresste Pflegefachkräfte anzubieten.

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