Carrosseriespengler

Branchenverbandspräsident zum Umbruch am Automarkt: «Es gibt immer Autos zu reparieren»

Felix Wyss: «Carrossiers und Fahrzeugbauer wird es immer brauchen.» (Archivbild)

Felix Wyss: «Carrossiers und Fahrzeugbauer wird es immer brauchen.» (Archivbild)

Die Fahrzeugbranche steht vor einer Zeitenwende. Das bekommen auch die Carrosseriespengler zu spüren. Branchenverbandspräsident Felix Wyss äussert sich zum Umbruch.

Elektroautos, selbstfahrende Gefährte – die Automobilbranche steht vor einem grossen Umbruch. Was bringt er für die Carrosseriespengler und -lackierer mit sich, deren Verband heute sein 100-Jahr-Jubiläum feiert?

Felix Wyss: Die Elektroautos haben in erster Linie für die Garagisten einschneidende Folgen. Wir Carrosseriespengler, Lackierer und Fahrzeugschlosser sind davon weniger betroffen. Es gibt immer Autos und Nutzfahrzeuge zu reparieren, auch E-Mobile. Selbstfahrende Autos hingegen werden auch für unsere Branche grosse Veränderungen mit sich bringen. Doch diese sind noch weit entfernt.

Prototypen gibt es aber schon, und Testphasen sind im Gang.

Sie werden noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Wenn ein Mensch am Steuer eine Person anfährt, ist das schon furchtbar. Nun stellen Sie sich einmal vor, ein technologisch gesteuertes Auto fährt in eine Passantengruppe. Ein solcher Unfall würde die ganze Technologie infrage stellen. Es wird noch viel Forschung und Entwicklung brauchen, um ein solches Risiko auszuschliessen. Zudem muss auch die Gesetzgebung damit Schritt halten.

Die Autos sind schon heute mit reichlich digitaler Technik ausgestattet. Müssen Carrosseriefachleute mehr IT-Fachleute oder mehr Handwerker sein?

Sie müssen fundierte Kenntnisse in beiden Bereichen haben. Die Betriebe kommen nicht darum herum, ihre Leute immer wieder weiterbilden und schulen zu lassen. Dafür besteht bereits ein grosses und aktuelles Angebot. Der Gesamtarbeitsvertrag sieht mindestens zwei Schulungstage pro Jahr vor. Doch nach meiner Erfahrung genügt das bei weitem nicht. Der Verband lässt übrigens seine Mitglieder auch nach den Weiterbildungsmöglichkeiten zertifizieren, die sie den Mitarbeitenden bieten.

Die Carrosseriebetriebe investieren in ihre Mitarbeitenden. Wie viel geben sie für den Maschinenpark aus?

Es handelt sich um riesige Summen. Früher, als in den Werkstätten bloss repariert wurde, reichten 20 000 bis 30 000 Franken aus, sie einzurichten und mit Schweissanlagen auszurüsten. Heute sind 200 000 Franken allein für neuste Schweissanlagen, Punkt- und Ausbeulgeräte notwendig, um fachgerecht die Diagnosen zu stellen und den Messprozess durchzuführen. Ohne diese Maschinen lassen sich die modernen Autos gar nicht mehr reparieren. Auch fürs Lackieren braucht es wegen der Mehrschichtlackierungen und Speziallackierungen neueste Gerätschaften und dafür angepasste Betriebseinrichtungen.

Felix Wyss, 51, ist Zentralpräsident des Schweizerischen Carrosserieverbandes VSCI. Er führt die Aarauer Carrosserie Werke AG. Der Verband feiert heute im Verkehrshaus Luzern sein 100-Jahr-Jubiläum.

Felix Wyss, 51, ist Zentralpräsident des Schweizerischen Carrosserieverbandes VSCI. Er führt die Aarauer Carrosserie Werke AG. Der Verband feiert heute im Verkehrshaus Luzern sein 100-Jahr-Jubiläum.

Berufe rund ums Auto waren früher einmal der Traum vieler Kinder. Wie sieht es heute mit dem Berufsnachwuchs aus?

Nicht sonderlich gut, wie in allen handwerklichen Berufen. In den 1950er- bis 1980er-Jahren standen Autoberufe bei den Jungen sehr hoch im Kurs, sie waren der Bubentraum. Heute nehmen Internet, soziale Medien und Digitaltechnologien diese Rolle ein. Das Auto steht für die Jugendlichen nicht mehr im Vordergrund. Die Branche schafft es in den Umfragen nicht mehr unter die ersten fünf meistgenannten Berufswünsche.

In ihrem Verband sind 650 Carrosseriebetriebe organisiert, fast neun von zehn sind KMU mit einem bis zehn Mitarbeitenden. Gleichzeitig ist in der Autohändler-Branche ein starker Konzentrationsprozess im Gang. Greift er auf Ihre Branche über?

Carrossiers und Fahrzeugbauer wird es immer brauchen. Es ist aber absehbar, dass sich die Tendenz von den Kleinst- und Kleinunternehmen hin zu den mittelgrossen und grossen Betrieben entwickelt. Nebst den hohen Investitionen in Ausbildung und Maschinen spielen auch die Umweltauflagen eine Rolle. Die Zeiten, während derer in Hinterhöfen Fahrzeuge lackiert wurden, sind vorbei.

Ihr Verband feiert heute sein 100-Jahr-Jubiläum. Was ist Ihre wichtigste Botschaft an Ihre Kunden?

Bei Schadenfällen oder für Fahrzeugaufbauten direkt zu einem Carrosseriebetrieb des Verbandes gehen – denn nur er versteht es, modernste Fahrzeuge nach dem neusten Stand der Technik und Herstellervorschriften zu reparieren.

Ein Blick zurück: Welches war der letzte grosse Umbruch in der Autobranche und wie haben ihn die Carrosseriespengler und -lackierer bewältigt?

Die letzte grosse Veränderung vollzog sich von den Betrieben mit patronalem Berufsverständnis hin zu den Dienstleistungsunternehmen. Früher mussten Kunden fast darum betteln, wenn sie für einen Transportwagen einen speziellen Aufbau haben wollten. Heute besuchen die Carrosseriespengler und -lackierer ihre Kundschaft, holen und bringen die Fahrzeuge, stellen Ersatzfahrzeuge zur Verfügung und bieten Kaffee-Ecken für Wartende an. Wer sich dieses Serviceniveau nicht zu eigen macht, wird früher oder später den Anschluss verlieren.

Was lässt sich aus dieser Erfahrung für heute mitnehmen?

Die Lehre, die sich daraus ziehen lässt, lautet: Wir müssen die Veränderungen offensiv angehen, sie zulassen und auch mitgestalten. Denn Stillstand bedeutet Rückstand.

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