Gamestop-Wette
Börsenspekulationen sind lebensgefährlich - das hat die Kursblase bei VW gezeigt

Eine grosse Wette auf VW-Aktien endete für einen der Akteure tödlich. Er hat sein ganzes Unternehmen verzockt.

Daniel Zulauf
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Der Traum des ehemaligen Porsche-Chefs Wendelin Wiedeking den VW-Konzern zu übernehmen, wurde für viele VW-Investoren zum Albtraum.

Der Traum des ehemaligen Porsche-Chefs Wendelin Wiedeking den VW-Konzern zu übernehmen, wurde für viele VW-Investoren zum Albtraum.



Rolf Jenni / MOB

Hinter den jüngsten Kurskapriolen der Gamestop-Aktien steht ein Phänomen, das im Prinzip in jedem handelbaren Vermögenswert auftreten kann. Grundsätzlich geht es darum, dass aus bestimmten Gründen kein rascher Ausgleich von Angebot und Nachfrage erfolgen kann. Im Fall von Gamestop spricht man von einem «Short-squeeze». Dieser Begriff beschreibt eine Spielart solcher Marktverzerrungen, und zwar in dem die Nachfrage das kurzfristig verfügbare Angebot an Aktien weit übersteigt.

Das vielleicht prominenteste Beispiel eines Short-squeeze am Aktienmarkt kulminierte im Herbst 2008 als extreme Kursblase der Volkswagen-Aktien. Die Aktien des Automobilbauers hatten sich am 28. Oktober innert Stunden um gegen 100 Prozent auf über 1000 Euro verteuert und den Börsenwert des Unternehmens kurzzeitig auf gegen 300 Milliarden Euro hochgetrieben.

Statt zu fallen ging der Aktienkurs immer höher

Ohne das Vorspiel sind die dramatischen Ereignisse jener Tage allerdings nicht zu verstehen. Tatsächlich hatte der Kursanstieg der VW-Aktien bereits einige Zeit vor der Finanzkrise begonnen. Der Mitbewerber Porsche, der inzwischen zum VW-Konzern gehört, hatte ab 2005 deutliche Signale ausgesendet, den viel breiter aufgestellten Konkurrenten übernehmen zu wollen.

Diese Signale führten zu einer deutlichen Höherbewertung der VW-Aktien. Nach dem Lehman-Kollaps, in der dunkelsten Zeit der Finanzkrise, erachteten einige grössere Investoren die Börsenbewertung von VW aber als überzogen. Sie spekulierten auch im Blick auf die nahende Rezession auf einen sinkenden Aktienkurs.

Für diese Spekulation à la Baisse eignet sich der sogenannte Leerverkauf. Dabei leiht sich ein Investor das Aktie des Zielobjektes aus, um diese sogleich zum aktuellen Kurs im Markt zu verkaufen. Er geht davon aus, die Titel zu einem späteren Zeitpunkt zu einem tiefen Preis zurückkaufen und sie dem Verleiher samt Leihzins zurückgeben zu können.

Doch am Sonntag, den 26. Oktober liess Porsche eine Bombe platzen. Die Firma meldete in einem Communiqué, sie besitze inzwischen 43 Prozent aller VW-Aktien sowie Optionen auf weitere 31,5 Prozent. «Porsche hat sich zu dieser Bekanntgabe entschlossen, nachdem offenkundig geworden ist, dass deutlich mehr Shortpositionen im Markt sind als erwartet. Die Offenlegung soll deshalb den sogenannten Shortsellern - also Finanzinstituten, die auf einen fallenden VW Kurs gewettet haben oder noch wetten - Gelegenheit geben, ihre Positionen in Ruhe und ohne grösseres Risiko aufzulösen», erklärte die Firma ihre Kommunikation.

Ein Milliardär verzockte sein Lebenswerk und warf sich vor den Zug

Von Ruhe konnten in den Stunden und Tagen allerdings keine Rede mehr sein. Weil neben Porsche auch das Bundesland Niedersachen viele VW-Aktien (20 Prozent) besass, war das verfügbare Angebot von VW-Aktien viel zu klein, um die unmittelbare Nachfrage decken zu können. Verschlimmert wurde die Situation der Leerverkäufer durch den Umstand, dass die Banken, die Porsche nur Kaufrechte (Optionen) statt echte VW-Aktien verkauft hatten nun ebenfalls gezwungen waren, die den Optionen zugrundeliegenden VW-Titel zu beschaffen. Normalerweise bleiben Optionen nur solange teilweise mit Aktien unterlegt, bis klar wird ob es zu einer vertraglich vereinbarten Lieferung kommen muss. Die Ereignisse nach dem 26. Oktober führten aber zu einem sofortigen Eindeckungsbedarf.

Den Leerverkäufern entstanden in jenen Tagen immense Verluste. Den schwäbischen Unternehmer und Milliardär Aldolph Merckle kostete die Spekulation sogar das Leben. Im Januar 2009 warf er sich vor den Zug. Er hatte sein Lebenswerk, den Generikahersteller Ratiopharm, verzockt.

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