Als Andy Rihs (74) vor 16 Jahren die Velomarke BMC in Grenchen SO übernommen hat, wurden dort 1200 Velos im Jahr gebaut. Heute sind es 70 000. Die Premiummarke hat sich auf Mountainbikes und Rennvelos spezialisiert. Seit 2009 gibt es das BMC Racing Team, mit dem Cadel Evans 2011 die Tour de France gewonnen hat. Zur Gruppe gehört auch die E-Bike- Marke Stromer.

Dem Sportsponsor Rihs gehören mit seinem Bruder auch die Young Boys Bern. Reich geworden sind sie mit dem Hörgerätehersteller Phonak. Die Nachfolgefirma Sonova ist mit einem Jahresumsatz von über zwei Milliarden Franken Weltmarktführerin. Für das Velo begeistert sich Andy Rihs seit über 40 Jahren. Beim Interview in Grenchen anlässlich des 200. Geburtstags des Velos war auch der Chef der Produktentwicklung, Stefan Christ, dabei. Zusammen mit CEO David Zurcher führte Christ den Journalisten nach dem Interview durch die Firma. Am Freitag beginnt in Solothurn das Velo-Festival Bike Days.

Früher war das Velo vor allem ein Fortbewegungsmittel. Und heute?

Andy Rihs: Das Velo ist zum Top-Sportgerät geworden. In Kalifornien gehen die Leute nicht mehr golfen, sondern fahren zusammen Fahrrad. Viele joggen zwar noch, aber bekommen langsam Knieprobleme. Die 40-, 50-, 60-Jährigen kaufen sich Sporträder. Das ist auch eine Lifestyle-Frage. Ich selber mache im Jahr 10 000 Kilometer. Da geht es um mehr als Radfahren: Ich komme in den Flow, kann gut nachdenken, mich erholen und die sozialen Kontakte pflegen. Es ist hoch befriedigend, die Berge hochzufahren und draussen zu sein.

Stefan Christ: Und mit dem E-Bike haben wir die Chance, auch die älteren Leute länger aktiv zu halten.

Rihs: Die fahren jetzt mit dem Rad direkt auf den Friedhof.

Wird es auch Rennvelos als E-Bike geben?

Rihs: Das kommt. Wenn jemand ein fanatischer, leidenschaftlicher Velorennfahrer ist und ihm mit 70, 75 Jahren die anderen in den Bergen abhauen, wird er später ein Motörchen dazu einschalten und ist dann dabei.

Christ: Mit dem E-Bike kann man zwischen Mann und Frau die Leistungsunterschiede ausgleichen. Es wird sich zuerst beim Mountainbike durchsetzen, weil das sehr physisch und im Gelände schnell sehr anstrengend ist. Im Mountainbike-Sport gibt es bereits Kategorien mit E-Bikes. Aber man darf sich nicht blenden lassen. Der Einfluss des Fahrers bleibt dominant, und man muss immer noch selber treten.

Jahrzehnte hat sich das Velo kaum weiterentwickelt. Woran liegt das?

Christ: Vor 50 Jahren gab es keine stabilen und haltbaren Kunststoffe. Schaltungen mit zwölf Gängen waren fertigungstechnisch nicht machbar. Heute werden Dichtungen nicht mehr spröde, und die Zuverlässigkeit wurde massiv verbessert. Auch die Werterhaltung hat zugenommen. Wenn ich heute ein Fahrrad kaufe, kann ich das ein Jahr bequem fahren, ohne es gross zu warten.

Rihs: Ein gutes Rennvelo sollte einigermassen leicht und gleichzeitig stabil sein. Dabei haben die Materialentwicklungen wahnsinnig vorwärts geholfen. Erst war der Rahmen aus Stahl, dann aus Aluminium und schliesslich kam Karbon. Ein Rennradrahmen wiegt heute noch zwischen 600 und 900 Gramm. Auch die Räder und Speichen sind aus Karbon. Ein Rennrad darf heute für den Wettkampf offiziell nicht leichter als 6,8 Kilo sein. Das wiegt nichts. Man könnte auch eins mit fünf Kilo machen.

Wird das Velo in der Schweiz weiter an Bedeutung gewinnen?

Rihs: Das Velo hat gegenüber anderen Verkehrsmitteln viele Vorteile: Es ist hochflexibel, ökologisch, fördert die Gesundheit … Die Verkaufszahlen wachsen ausserdem mit der Bevölkerung und im Zyklus der Erneuerungen und Erfindungen. Technologieentwicklungen haben einen grossen Einfluss darauf, etwas Neues zu kaufen. Beim Rennrad wurde bis vor einigen Jahren noch alles handgeschaltet. Dann kamen langsam die elektrischen Schaltungen, die die Rennteams ausprobiert haben. Heute erreicht das immer mehr den normalen Benutzer. Man muss nur noch das Knöpfchen drücken, das macht nie einen Fehler.

Sie haben ein eigenes Labor, wo Sie auch Rahmen produzieren können. Warum?

Rihs: Wir können dort mit Robotern Prototypen herstellen, die unsere Cracks dann testen. Unser Hersteller in China erhält von uns genaue Produktionsvorschriften, die wir zu 100 Prozent kontrollieren. Wir gehören so zu den exklusivsten Herstellern – ich sage immer, wir bauen die Porsches des Velos. Wir haben unsere eigenen Teams: Im Mountainbike sind wir Weltmeister, beim Strassenrennen auch, wir sind Olympiasieger und haben die Tour de France gewonnen. Die dafür benutzten Räder kann jeder Endverbraucher mehr oder minder identisch kaufen.

Glauben Sie, dass sich der Zahnriemen weiter entwickelt?

Christ: Gekoppelt mit einer Nabenschaltung hat er Zuverlässigkeitsvorteile und ist gut für gewisse Anwendungen. Für den Rennsport scheint mir das schwierig.

Rihs: Ich sehe das bei Citybikes. Es braucht keine Kettenschmiere und ist pflegeleicht.

Wird sich das Velo noch revolutionär verändern?

Rihs: Auf jeden Fall kommt die Digitalisierung wie Sensoren oder die Steuerung der Aufhängung. Die Materialien werden sich weiterentwickeln, wobei es derzeit nichts Schlaueres als Karbon gibt. Am Schluss fährt man aber wieder auf zwei Rädern. Das Prinzip bleibt das gleiche.

Christ: Velos werden in fünf bis zehn Jahren anders aussehen. Aber bei Patentrecherchen merkt man, dass viele Ideen schon vor 100 Jahren da waren. Geändert haben sich Material und Produktionsmethoden. Von der Physik her funktioniert es wie früher.

Spielt es eine Rolle für die Popularität des Velos in der Schweiz, ob Schweizer Velofahrer vorne mitmischen?

Rihs: Die Nationalität der Fahrer hat einen grossen Einfluss auf das Markenimage. Das ist klar. Wenn ein Franzose mit BMC die Tour de France gewinnt, haben wir einen anderen Status wie wenn wir nur den zehnten Platz machen. Man gewinnt am Sonntag und verkauft am Montag. Bei Ski ist es genau dasselbe.

Wie wichtig ist die Schweiz für Sie?

Rihs: Sie ist nicht der grösste, aber ein bedeutungsvoller Markt. Die Schweizer haben ein gutes Gefühl für Qualität und sind auch eher bereit, ein bisschen mehr Geld auszugeben. Das hat auch mit Status zu tun, weil BMC die Tour de France gewonnen hat.

Christ: Unser Produkt verkauft sich ein grosses Stück über Emotionen. Da spielt der Rennsport eine wesentliche Rolle.

Bike Days. Solothurn. Freitag, 5. Mai, bis Sonntag, 7. Mai www.bikedays.ch