Geldpolitik

Blick zum Eurotower: Sinkt der Druck auf die Schweizerische Nationalbank?

Hier wird das Zinsniveau in Europa massgeblich bestimmt, auch für die Schweiz: Der Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt.

Hier wird das Zinsniveau in Europa massgeblich bestimmt, auch für die Schweiz: Der Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt.

Es gibt erste Anzeichen, dass der Druck auf die Nationalbank geringer wird.

Am Donnerstag trifft sich der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), um zu entscheiden, wie es in der Geldpolitik der Eurozone weitergeht. Und jener der Schweiz.
Denn die Schweizerische Nationalbank (SNB) kann die Zinsen nicht anheben, bevor es nicht die EZB tut. Sie muss darum besorgt sein, dass sie hierzulande stets noch etwas tiefer liegen (vgl. Kasten). Denn eine negative Renditedifferenz zum Ausland heisst, dass es weniger attraktiv wird, Geld in der Schweiz anzulegen. Im umgekehrten Fall würde der Franken mehr nachgefragt und entsprechend stärker, er würde sich zum Euro aufwerten.

Wieder Fed-Weihnachtsgeschenk?

Die SNB fällt ihren nächsten regulären geldpolitischen Entscheid erst im Dezember. Dennoch sind die Aktionen der Notenbanken der grossen Währungsräume gerade in der nächsten Zeit eminent wichtig: Die US-Notenbank (Federal Reserve, Fed) könnte am 14. Dezember die Zinsen nach einem Jahr zum zweiten Mal nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 anheben. Gemäss BlackRock, dem weltweit grössten Vermögensverwalter, schätzen die Märkte diese Wahrscheinlichkeit auf t 60 Prozent.

Und bezüglich Europäischer Zentralbank (EZB) kam es jüngst zu Spekulationen, sie könnte die Geldpolitik allmählich weniger locker gestalten. Konkret wurde orakelt, sie könnte ihr Wertschriftenkaufprogramm, unter dem sie monatlich 80 Milliarden Euro in die Märkte pumpt, stutzen. Aus dem Eurotower verlautete, der EZB-Rat habe das Thema nicht besprochen. Die Agentur Bloomberg hatte zuvor unter Berufung auf Notenbankvertreter aus der Eurozone berichtet, die Währungshüter könnten das Kaufvolumen monatlich um jeweils 10 Milliarden Euro verringern.

Die meisten Beobachter rechnen indes damit, dass die EZB ihre Käufe über das bisherige Ablaufdatum von März 2017 um bis zu neun Monate verlängert, mit gleichbleibendem monatlichen Kaufvolumen. Die EZB strebt knapp 2 Prozent Teuerung als Idealwert für die Wirtschaft an. Davon ist sie aber weit entfernt. Im September waren die Preise um 0,4 Prozent gestiegen. Mehr Inflation lässt sich aber nur erreichen, wenn mehr Geld gedruckt wird, denn nur dann kann es - getreu dem Gesetz von Angebot und Nachfrage - weniger Wert werden. Und Geldentwertung ist nichts Anderes als Inflation. Dazu Stephan Meschenmoser, Investmentstratege bei BlackRock: «In Europa bleibt die Kerninflation mit 0.8% tief und restriktive Änderungen an der aktuellen EZB-Geldpolitik am Donnerstag wären eine Überraschung.»

Ein Rückblick: Im Frühjahr 2013 liess der damalige Fed-Präsdent Ben Bernanke duchblicken, dass die US-Notenbank ihr Programm zum Kauf von US-Treasuries reduzieren könnte. Dieses «Tapering» wurde zur Sorge der Anleger. Die Rendite für den 10-jährigen US-Staatsanleihen schnellte um 1,2 Prozent auf 3 Prozent hoch. Die Zinsen in Europa und in der Schweiz wurden mitgerissen: Die Rendite 10-jähriger Anleihen der Eidgenossenschaft stieg 0,6 Prozent auf aus heutiger Sicht hohe 1,2 Prozent.

Ein heisser Herbst

Thomas Stucki, CIO der St. Galler Kantonalbank, zieht den Vergleich zwischen US-Notenbank damals und EZB heute: Als die Fed im Dezember 2013 dann effektiv mit dem Kürzen des Programms begonnen habe, hätten die Finanzmärkte damit umgehen können. Auch in der Eurozone würden sie sich an weniger EZB-Geld gewöhnen. Aber im ersten Moment werde die Reaktion kommen, auch in der Schweiz würden die Zinsen steigen. Doch die EZB werde die nächsten Monate abwarten, etwa den Ausgang der US-Wahlen oder des Referendums in Italien über die Senatsreform. Sollten zudem die US-Zinsen im Dezember tatsächlich angehoben werden, erhöhte das den Spielraum für die EZB, ihre Geldpolitik leicht restriktiver zu gestalten.

Und das wiederum hätte Rückwirkungen für die Schweiz, wie Meschenmoser weisse:.» Der Wechselkurs des Frankens zum Euro hat sich seit letztem Herbst stabilisiert, der Druck auf die SNB abgenommen. Nimmt die US-Notenbank die Politik einer Leitzinserhöhung wieder auf, wüchse auch der Spielraum für die SNB weiter.»

Autor

Tommaso Manzin

Tommaso Manzin

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