Im Streit um das Baselbieter Chemieunternehmen Clariant kommt es zu einer unerwarteten Wende. Knapp zwei Monate vor der Generalversammlung von Clariant wirft White Tale das Handtuch. Über die Beteiligungsgesellschaft halten drei oppositionelle US-Investoren insgesamt 25 Prozent aller Clariant-Aktien. Es handelt sich um den Hedgefonds Corvex sowie zwei New Yorker Industrielle, die ihre Interessen in einem Vehikel namens 40 North bündeln. Bis gestern sah alles danach aus, als würde der Streit zwischen dem Trio und Clariant an der Generalversammlung Mitte März eskalieren. White Tale hatte im vergangenen Oktober die von Clariant geplante Fusion mit dem US-Konkurrenten Huntsman vereitelt und so einen massiven Konflikt mit der Clariant-Spitze um Hariolf Kottmann heraufbeschworen. Nun verkaufen die Amerikaner ihr Aktienpaket an den saudischen Chemiekonzern Sabic.

Das Unternehmen kauft einen Anteil von knapp 25 Prozent an Clariant zu einem ungenannten Preis. Unmittelbar vor dem Verkauf hatten die Clariant-Aktien den höchsten Stand seit 15 Jahren erreicht. Die Titel handelten Anfang Woche bei rund 29.50 Franken. Gemessen an diesem Preis hat die Transaktion einen Wert von 2,4 Milliarden Franken. Allerdings ist davon auszugehen, dass Sabic einen Zuschlag für das Aktienpaket bezahlt hat. Je nach Höhe dieses Zuschlages dürfte White Tale einen Gewinn von 700 Millionen bis einer Milliarde Franken erzielt haben.

Zurzeit keine Vollübernahme

Die letzten fünf Prozent erwarben die White-Tale-Investoren erst in den vergangenen drei Monaten. Dies deutet darauf hin, dass sich die Amerikaner bis zuletzt für den Kampf gegen Clariant gerüstet haben. White Tale wollte eine Überprüfung der Firmenstrategie durch externe Berater durchsetzen und forderte einen Vertreter im Verwaltungsrat. Clariant gestand ihrem grössten Aktionär aber nur einen einzigen Kandidaten zu. Über die Absichten des neuen Grossaktionärs Sabic ist wenig bis nichts bekannt. Immerhin heisst es in der Mitteilung der Saudis, man plane «zurzeit» keine Schritte in Richtung einer Vollübernahme. Damit enttäuscht Sabic offenbar die Hoffnungen vieler Investoren. Die Clariant-Aktien verloren gestern zeitweise mehr als zehn Prozent.

Die saudi-arabische Firma heisst mit vollem Namen Saudi Basic Industries Corporation. Das Unternehmen ist einer der weltgrössten Petrochemiehersteller. Mit über 35 000 Mitarbeitern setzte der Konzern 2016 umgerechnet rund 35 Milliarden Franken um. Wird der Umsatz als Messgrösse herangezogen, ist Sabic somit sechsmal grösser als Clariant. Sabic wird erst seit 2014 an der Börse gehandelt. Noch immer befinden sich 70 Prozent aller Aktien in den Händen des saudischen Staats.

Verbindungen zu Clariant

Gegründet wurde das Unternehmen 1976 von der saudischen Königsfamilie als Ölraffinerie in der Nähe eines Fischerdorfs am Roten Meer. Inzwischen ist Sabic unter anderem ein bedeutender Hersteller von Ethylen und Polyethylen. So stellt der Konzern etwa Produkte für die Verpackungsindustrie her. Polyethylen wird unter anderem für die Herstellung von Frischhaltefolien, Tragtaschen, Beschichtungen von Milchkartons oder Abfallsäcken verwendet. Ethylen wiederum ist ein wichtiges Ausgangsprodukt für Polyethylen. Daneben stellt die Firma auch Ammoniak und Harnstoff her, die für die Produktion von Düngemitteln verwendet werden. Zum Unternehmen gehört aber auch ein Spezialchemiebereich.

Hier liegt denn auch die Anknüpfung mit Clariant. Sabic dürfte einer der grössten Kunden von Clariant sein, indem die Saudis etwa Katalysatoren bei der Baselbieter Firma einkaufen. Katalysatoren kommen unter anderem bei der Produktion von Fettalkoholen, Schwefelsäure oder Formaldehyd zum Einsatz. Zudem besitzen Clariant und Sabic ein Gemeinschaftsunternehmen namens Scientific Design Company mit Sitz in New Jersey. Die Zusammenarbeit geht auf die von Clariant übernommene Süd-Chemie zurück. Sabic hat sich überdies auch für den Kauf der Süd-Chemie interessiert, unterlag aber 2011 in einem Bieterverfahren gegen Clariant.

Völlig überraschend ist es nicht, dass Sabic eine Beteiligung an Clariant kauft. Vergangenen Mai sagte Sabic-Chef Yousef Abdullah Al-Benyan, die Firma prüfe Übernahmen in der Höhe von 3 bis 6 Milliarden Dollar. Als Kaufobjekte kämen Unternehmen in der Petro- oder Spezialchemie sowie im Düngebereich infrage.

Vergangenen Herbst hat Sabic seinen Verwaltungsrat neu zusammengesetzt und dabei erstmals auch zwei Vertreter aus dem Westen an Bord geholt. Dazu zählt der Brite Calum MacLean, der viele Jahre für den Chemiekonzern Ineos arbeitete. Der Deutsche Roberto Gualdoni seinerseits arbeitete lange Zeit für die deutsche BASF. Zudem ist er Vorsitzender des Beirats der deutschen Chemiefirma Cabb GmbH, die mit einem Werk in Pratteln BL wiederholt mit Chemieunfällen negativ auffiel.

Lesen Sie ausserdem den Kommentar von Andreas Möckli: US-Investoren als Zocker entlarvt