Diese Woche tauchte Pierin Vincenz plötzlich in der Öffentlichkeit auf. Der monatelang weggesperrte Ex-Raiffeisen-Chef hatte bei der Zürcher Staatsanwaltschaft einen Termin. Die Journalisten von «20 Minuten» hatten offenbar Wind davon bekommen und passten ihn beim Eingang ab. Doch der Gejagte verschwand schnell im Bauch des Gebäudes und überliess das Reden seinem Verteidiger Lorenz Erni. Dieser allerdings lächelte nur nett in die Kamera und sagte nichts Verwertbares.

In der Öffentlichkeit den Mund zu halten, gehört zum Stil des renommierten Juristen. Hinter den Kulissen ist Erni kommunikativer, so beschreiben ihn zumindest enge Weggefährte. Eine seiner Spezialitäten ist es, Fehler der Staatsanwaltschaft auszunutzen.

Im Fall seines bekannten Mandanten könnte das heissen: Sobald belastende Informationen in den Medien auftauchen, wird der Staatsanwaltschaft unterstellt, dass diese die Informationen in die Öffentlichkeit getragen habe. Ernis Ziel: Die Glaubwürdigkeit der Ermittler um deren Abteilungsleiter Marc Jean-Richard- dit-Bressel zu untergraben.

Die Zürcher Staatsanwaltschaft ist sich dessen bewusst und versucht daher zu verhindern, dass Beweismaterial öffentlich wird. Sie droht Beteiligten schwere Konsequenzen an, wenn sie Dokumente weiterreichen. Das geht aus einem Schreiben hervor, dass Jean-Richard-dit-Bressel allen im Verfahren involvierten Parteien zugestellt hat.

Die Mediencoverage scheint dem Staatsanwalt zu missfallen. Im Brief spricht er von einer «exzessiven» Berichterstattung. Die Order der Staatsanwaltschaft gilt für die nächsten zwölf Monate und kann weiter verlängert werden.

Eine Person, die sich gerne zum Fall äussern würde, ist Peter Forstmoser. Der Rechtsprofessor hat für Raiffeisen vor bald zehn Jahren ein Gutachten verfasst, das seinen Ruf beschädigt hat. Der Starjurist hatte ein heikles privates Geschäft von Pierin Vincenz zu beurteilen, das heute im Zentrum der Strafermittlungen steht.

Vincenz hat sich damals mit seinem Geschäftspartner Beat Stocker vorgängig und verdeckt an der Firma Commtrain beteiligt, die später von Aduno gekauft wurde. Vincenz und Stocker waren damals Verwaltungsratspräsident bzw. CEO von Aduno. Die beiden haben ihre Beteiligung an Commtrain gegenüber Aduno nicht offengelegt.

Als Gerüchte über das verdeckte Geschäft die Runde machten, gab Vincenz über den damaligen Raiffeisen-Präsidenten Franz Marty ebendieses Gutachten bei Forstmoser in Auftrag, das keinen Gesetzesverstoss feststellte.

Peter Forstmoser schreibt in einem E-Mail: «Leider kann ich – wegen des Berufsgeheimnisses – keine Auskunft über den Inhalt meines Gutachtens machen. Ich hoffe, es wird bald endlich einmal öffentlich zugäng- lich, damit die Mutmassungen und Unterstellungen aufhören.»

Forstmoser und das Gutachten

Pikant ist, dass Peter Forstmoser das Gutachten im Auftrag der Raiffeisen ausführte, obschon Commtrain von Aduno gekauft wurde. Die Frage, ob ihm das nicht seltsam vorkam, dass Raiffeisen das Gutachten bezahlte und nicht Aduno, lässt Forstmoser unbeantwortet.

Freiwilliger Rücktritt von Raiffeisen-CEO Patrik Gisel

Freiwilliger Rücktritt von Raiffeisen-CEO Patrik Gisel (Beitrag vom Juli 2018)

Damit nimmt sich Gisel nach der Affäre Vincenz aus der Schusslinie und will den Ruf der Bank retten. Experten finden den Schritt längst überfällig.

In einem kürzlich erschienenen «Weltwoche»-Interview machte der Rechtsprofessor die bemerkenswerte Aussage, wonach Commtrain von Raiffeisen gekauft wurde. Eine verwirrende Aussage für den geschliffenen Juristen. Auf Nachfrage sagt Forstmoser: «Die Firma wurde in der Tat von Aduno gekauft (...). An Aduno war Raiffeisen beteiligt, insofern also ein indirekter Erwerb.» Allerdings: Raiffeisen hielt nie mehr als 25 Prozent an dem Karten-Abwickler und hatte nie das alleinige Sagen.

Das Gutachten ist ein zentrales Element, das Pierin Vincenz später zum Problem wurde, weil es be- legt, dass er auf zwei Seiten aktiv war. Darauf stützt sich auch die Staatsanwaltschaft. Beobachter glauben, dass frühestens nächstes Jahr mit einer Anklage zu rechnen ist. Auch möglich ist, dass es zu keiner Anklage kommt. Für Vincenz und alle anderen in das Verfahren Verwickelten gilt die Unschuldsvermutung.