Signalwirkung für andere Branchen?

Baumeister wollen Löhne «nach unten korrigieren» und  zwar «flächendeckend» 

Lohnkürzung? Die Baumeister fordern es, um Arbeitsplätze  zu erhalten

Lohnkürzung? Die Baumeister fordern es, um Arbeitsplätze zu erhalten

Novum: Die Baumeister stellen in den Lohnverhandlungen die Forderung nach einer Lohnsenkung. Betroffen wären 80000 Mitarbeiter.

Die Baumeister wollen ihren Mitarbeitern die Löhne «nach unten korrigieren» und zwar «flächendeckend» für das gesamte Bauhauptgewerbe. Man habe die Gewerkschaften aufgefordert, in diese Richtung gemeinsam Möglichkeiten auszuarbeiten. Der Deal, wie ihn die Baumeister vorschlagen: Löhne senken, dafür Jobs erhalten.

Gefordert wird eine Senkung von 0,7 Prozent der nominalen Löhne. Den Mitarbeitern würde also ein geringerer Lohn in diesem Umfang in ihre Arbeitsverträge geschrieben werden.

Die Baumeister sagen die Negativteuerung gebe den Rahmen vor, in welchem Umfang das Lohnniveau angepasst werden könnte. In den Lohnverhandlungen fiel die Zahl von 0,7 Prozent. Auf Seiten der Gewerkschaften wird diese Zahl darum als Forderung aufgefasst.

Käme es so, trifft es über 80000 Mitarbeiter. Das Bauhauptgewerbe – das vor allem Wohnungen baut, Tunnel und Strassen – zählt in der Mehrheit der Kantone zu den wichtigsten fünf Arbeitgebern.

«Das gab es im Bauhauptgewerbe noch nie.»

Ihr oberstes Ziel sei es, die Arbeitsplätze zu bewahren, so begründet der Schweizerische Baumeisterverband die Forderung nach einer Lohnsenkung. Direktor Benedikt Koch betont, der Erhalt von Arbeitsplätzen sei in der aktuellen Wirtschaftslage sehr anspruchsvoll.

Die Umsätze würden 2020 branchenweit um 5 Prozent sinken, was direkt auf die Gewinne durchschlage. Zugleich hätten die Mitarbeiter durchaus Spielraum für Lohnsenkungen. In den beiden Vorjahren habe es stattliche Erhöhungen von jeweils 80 Franken pro Monat gegeben. Zugleich werde das allgemeine Preisniveau bis Ende 2021 deutlich sinken und die Mitarbeiter mehr kaufen können für das gleiche Geld.

Als Novum sehen die Baumeister ihre Forderung nicht. Dieser stehe vielmehr in der Tradition regelmässiger Verhandlungen. Koch sagt: «Frühere Verhandlungsergebnisse werden regelmässig kritisch hinterfragt und wo nötig korrigiert.»

Von dieser Tradition wollen die Gewerkschaften noch nie etwas gehört haben. Nico Lutz, Bauverantwortlicher der Unia, sagt, eine Senkung der nominalen Löhne habe es im Bauhauptgewerbe noch nie gegeben.

Der Vorschlag sei dreist und inakzeptabel. Die Branche habe die Krise vergleichsweise gut überstanden. Im Moment mache der Grossteil der Bauarbeiter gar Überstunden, um den Rückstand aus dem Lockdown aufzuholen. Die Auftragsbücher seien nach wie vor voll. Man verlange darum weiterhin eine Lohnerhöhung von 60 Franken.

Lutz: «Im Lockdown hat sich auch der Baumeisterverband bei den Arbeitern dafür bedankt, dass sie weitergearbeitet haben – jetzt sollen sie mit Lohnkürzungen bestraft werden.»

Eine flächendeckende Senkung der nominalen Löhne in einer wichtigen Branche wäre sehr ungewöhnlich, sagt Daniel Kaufmann, Ökonom an der Universität Neuchâtel. Ihm sei kein solcher Fall bekannt.

Die Arbeitgeber würden normalerweise von solchen Forderungen ablassen, wie zahlreiche Studien zeigten. Diese würden von den Mitarbeitern als unfair wahrgenommen, was dann wiederum für die Betriebe gravierende Nachteile mit sich bringe. Die besten Leute könnten weggehen, wer bleibt, der macht eher Vorschrift nach Dienst. Kaufmann: «Am Ende verlieren die Betriebe an Produktivität.»

«Dann spricht nichts gegen Senkungen der Löhne.»

Setzen die Baumeister ein Signal für andere Branchen? Das glaubt man beim Schweizerischen Arbeitgeberverband eher nicht. Die Situation bei den Baumeistern sei speziell, sagt Chefökonom Simon Wey. Senkungen der Nominallöhne seien eher die Ausnahme.

«Wenn Unternehmen ihre Kosten senken müssen, tun sie dies normalerweise, indem sie Arbeitsplätze abbauen.» Wey lehnt Nominallohnsenkungen aber nicht grundsätzlich ab. «Können die Sozialpartner sich darauf einigen, spricht nichts dagegen.»

Das klingt doch anders beim Gegenstück zum Arbeitgeberverband, dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund. Chefökonom Daniel Lampart spricht von «Gift». Die gesamte Wirtschaft könne durch branchenweite Lohnkürzungen in eine Abwärtsspirale geraten.

Die Löhne sinken, die Arbeitnehmer geben weniger aus für Güter und Services. Der Konsum sinkt, die Betriebe haben weniger Einnahmen und müssen sparen. Sie investieren weniger – und wollen die Löhne nochmals senken.

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