Mit den feierlichen Klängen der Bach-Kantate «Tilge, Höchster, meine Sünden» wird der Zuschauer aus dem Film «Master of the Universe» entlassen. Hinter sich hat man zu diesem Zeitpunkt neunzig Minuten Geständnisse eines Bankers, der an der grössten Wirtschaftskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg mitgewirkt hat. Er heisst Rainer Voss. Doch der Name des Protagonisten tut eigentlich wenig zur Sache. Denn Namen kommen im Film aus rechtlichen Gründen nicht vor.

Die Bach-Kantate verleiht dem Dokumentarfilm des deutschen Regisseurs Marc Bauder, der letzte Woche in der Deutschschweiz angelaufen ist, den Touch einer biblischen Erzählung. Die Mythen des Alten Testaments waren ursprünglich ja nicht einfach nette Geschichtchen zur seelischen Erbauung der Menschen. Sie behandeln Schlüsselereignisse im Leben der Menschen, die für ganze Generationen relevant sind. Auch im Bauder-Werk kommt mit der grossen Finanzkrise ein Schlüsselerlebnis zur Sprache, das zum Mythos einer ganzen Generation geworden ist.

Der Filmheld kämpft dabei offensichtlich mit seinem Innern, weil er Teil eines Systems war, das die Gesellschaft beinahe an die Wand gefahren hat. «Gott, sei mir gnädig (…) und tilge meine Sünden nach Deiner grossen Barmherzigkeit», heisst es im Psalm 51 des Alten Testaments.

(Quelle: YouTube/freneticfilms)

Trailer zu «Master of the Universe»

Göttergleiche Banker als Verführer

Der Film wirkt denn auch wie ein Reinigungsprozess, dem sich der Protagonist unterwirft, um sich seiner Qualen zu entledigen. In den achtziger Jahren habe er sich als junger Mann von Berufskollegen aus den Vereinigten Staaten verführen lassen. «Sie kamen uns wie Götter vor», sagt Voss im Film.

Er und seine Kollegen lernten schnell, wie innovative Finanzprodukte funktionierten. «Wir haben englische Bücher gelesen und wurden trotz unseres jungen Alters innerhalb der Bank schnell zu Experten», sagt der Mittfünfziger, der seit 2008 privatisiert hat. Zu Beginn seiner Karriere sei er denn auch schnell befördert worden. Und mit den Beförderungen kam auch die Gehaltserhöhung. Das funktionierte, solange er die Umsätze jedes Jahr erhöhte. «Egal, wie das geschieht», lautete die Devise seiner Vorgesetzten.

In der Boomphase vor dem grossen Krach im Jahr 2008 haben Voss und seine Mannschaft mit Zins-Wetten auf japanische Yen und Schweizer Franken die jährlichen Umsatzverbesserungen problemlos erzielt. Voss entwickelte die Produkte. Das mathematische Gleichnis schreibt er vor laufender Kamera an die Fensterschreibe in einem leerstehenden Bürogebäude der deutschen Finanzmetropole Frankfurt:

in = 4% + 3 × [1,2 – (i10 –i2)]

Voss schreibt in der falschen Richtung, von rechts nach links, als handle es sich um verkehrtes Wissen. Es sei die Formel für ein Zinsprodukt. «Die Produkte wurden auch an Gemeinden verkauft, obwohl sie für sie überhaupt keinen Sinn machten», so Voss. Volkswagen und Siemens kannten dagegen die Mathematik und hatten kein Interesse an solchen Vehikeln.

Nach dem Virus die Verschwörung

Im Film folgen Szenen betretenen Schweigens. Es geht um die Familie. An einem gewissen Punkt habe Familie und Beruf nicht mehr zusammengepasst. Da habe Voss entschieden, sich eine passende Familie zuzulegen. Es sei eine Art Krankheit gewesen. Er sei damals halt vom Finanzvirus infiziert gewesen.

Heute klingen seine Visionen über die Zukunft der Finanzwelt wie die düsteren Prognosen eines Apokalyptikers, der die Dunkelheit seines Innern mit möglichst obskuren Bildern der Zukunft kontrastieren muss, um moralisch im Gleichgewicht zu bleiben. Die Finanzbranche sei heute viel zu komplex, als dass sie ein heilvolles Ende nehmen könne. Die Märkte würden sich nach Griechenland und Portugal immer grössere Opfer suchen, um ihre perversen Gewinnspielchen auf Basis von Erpressung und Drohung zu spielen. «Als nächstes Land kommt Holland dran und dann Frankreich. Und dann ist Game over», sagt Voss.

Was das heisst, bleibt unklar. Gehen weitere Banken bankrott? Oder ist das ganze Geldsystem am Ende? Fällt der Euro auseinander? Die Fragen bleiben offen und der Film kippt in ein irrationales Gemisch aus dunkler Vorahnung, Verschwörungstheorie und Apokalypse.

Man fühlt sich an die Theatermenschen im Stil eines Peter Sloterdijks erinnert. Der deutsche Philosoph verdichtete die Finanzkrise 2009 zu einer «Weltverschwörung der Spiesser»: «Was heute Krise heisst, ist die Weltverschwörung der Spiesser», so Sloterdijk. Die Art und Weise, wie regierende Hausmeister im Dunkeln Megamilliarden hin- und herschöben, sei eine Beleidigung für jede Intelligenz. «Demgegenüber waren der Schwarze Freitag und die Weltwirtschaftskrise nach 1929 ein Shakespeare-Drama», so der Philosoph.

Es braucht eine Katastrophe

Hinter solchen Aussagen offenbart sich nicht Wahrheit, sondern Theaterdramaturgie: Klassische Tragödien gipfeln im Tod des Helden. Übertragen auf den heutigen Krisen-Kontext: Das grosse Finale des aktuellen Wirtschaftsdramas braucht den Kollaps eines grossen Staates oder am besten gleich eines ganzen Geldsystems.

Dass es zu einer solchen Grosskatastrophe kommen wird, ist heute aber weniger wahrscheinlich als vor einem Jahr, als der Film gedreht wurde (Drehzeit war von November 2012 bis März 2013): Die Risikoaufschläge für die Anleihen von Schuldenstaaten haben sich zurückentwickelt. Die Exzessliquidität im Bankensektor hat sich reduziert. Und Griechenland, Irland, Spanien sowie Portugal haben nach der schmerzhaften Restrukturierung die Leistungsbilanzdefizite abgebaut. Alles Signale, dass das Schlimmste hinter uns liegen könnte.

Ganz neu sind diese Entwicklungen nicht. Schon im Juli 2012 hatte Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, mit seinem Versprechen, er würde alles Mögliche unternehmen, um den Euro zu retten, die Märkte besänftigt. Allein Voss fehlte offenbar der Glauben, dass dieses Versprechen helfen könnte. Voss mutiert damit zum Prototyp eines Krisencharakters: Unsicherheit tritt an die Stelle des Vertrauens.

Der Film erreicht damit den Ursprung der Krise. «Der zentrale Faktor der Krise ist die Unsicherheit», sagte der Schweizer Wirtschaftshistoriker und Krisenforscher Hansjörg Siegenthaler im Gespräch mit der «Nordwestschweiz». Für Krisenkontexte sei es charakteristisch, dass Sicherheit auch durch Informationsbeschaffung nicht erreicht werden könne. «Ökonomische Modelle geraten ins Wanken. Die Labilität der parametrischen Strukturen bringt zum Ausdruck, dass man auf Basis des Wissens der letzten Jahre keine Schlüsse auf die Zukunft mehr ziehen kann», so Siegenthaler weiter. In die Voss’sche Terminologie übersetzt, heisst das kurz und bündig: Game over.

In dieser pessimistischen Filmpointe vollzieht sich aber zugleich die Wende zum Guten. Es wird dem Zuschauer bewusst, dass die Überwindung der Krise nur erreicht werden kann, wenn die Menschen neues Vertrauen in die Wirtschaft schöpfen. Letztlich ist Vertrauen ja auch die einzige Währung, die im modernen Papiergeld-System zählt. Leuten wie Voss, die den Glauben endgültig verloren haben, bleibt dagegen nur die Hoffnung auf eine reinigende Katharsis: Durch die Katastrophe wird die Gesellschaft von den bösen Mächten geläutert. Game over.