Die letzten Reste der alten Normalität könnten bald wegbrechen. Lorenz Heim, Experte beim VZ Hypothekenzentrum, schränkt zwar ein: Niemand könne heute die Folgen vorhersehen, wenn die Schweizerische Nationalbank den Negativzins verschärfe. «Aber wir sind heute schon sehr nahe an einer Finanzwelt, in der Kleinsparer einen Negativzins zahlen.»

Die Banken stehen unter Zugzwang. Ihr heutiges Regime wackelt. «Der Druck war noch nie so gross wie heute, die Zinsen auf Libor-Hypotheken zu senken», sagt Heim. Doch es hat Folgen, wenn die Banken weniger Zins auf Libor-Hypotheken erhalten. «Mit dem Druck auf die Zinsen für Libor-Hypotheken gerät das Tabu ins Wanken, keinen Negativzins auf Sparkonten zu erheben.»

Fallende Zinsen auf Libor-Hypotheken, Negativzinsen für Kleinsparer: Diese Verknüpfung ist quasi nach dem 15. Januar 2015 entstanden. Damals gab die Nationalbank den Mindestkurs zum Euro auf, erhob neu einen Negativzins – und die Banken hatten Probleme. Auch der Libor-Zinssatz, zu dem sie einander Geld leihen, fiel nämlich weit unter die Null-Prozent-Grenze. Die Banken fanden sich in einer Negativzins-Welt wieder – und mussten reagieren.

Das Geld, um Liborhypotheken zu vergeben, nehmen die Banken von klassischen Sparkonten. Den Hypothekarzins, den sie auf Liborhypotheken verlangen, berechnen sie anders: Sie schlagen auf den aktuellen Liborzins noch eine Marge drauf. Mitte Februar 2015 zum Beispiel lag der Liborzins bei minus 0,9 Prozent. Die Banken hätten ihren Kunden einen Hypothekarzins von 0,1 Prozent verrechnet. Den Kleinsparern zahlten sie jedoch einen Zins von plus 0,5 Prozent. Hätten die Banken weitergemacht wie früher, wären Libor-Hypotheken also zum Verlustgeschäft geworden. Die Banken hätten weniger Zins auf Libor-Hypotheken erhalten, als sie auf Sparkonten gewährten.

Die Banken hätten den Kleinsparern schon damals Negativzinsen verrechnen können. Aber den öffentlichen Aufschrei wollten sie nicht. Sie behielten für Kleinsparer einen Minimalzins bei. Lieber verlangten sie mehr Zins von den Kunden, die bei ihnen Liborhypotheken hatten. Also führten die Banken nach dem 15. Januar 2015 eine Null-Prozent-Grenze ein. Null Prozent, plus Marge von 1 Prozent, voilà der neue Zins auf Libor-Hypotheken.

Natürlich waren Kunden mit Libor-Hypotheken «not amused». Doch das neue Regime war geboren.

Geben die Banken die Nullgrenze bei den Liborhypotheken auf, zahlen die Kunden deutlich tiefere Hypothekarzinsen. Zugleich wären die Nullzinsen auf Sparkonten nicht aufrecht zu erhalten. Experte Heim würde erwarten, dass zuerst die Grosskunden dran kämen. «Dann ginge es zu den Kleinkunden – sofern die Politik nicht eingreift.» Dass die Finanzwelt noch weiter in negatives Territorium vorrückt – darauf bereitet sich der Markt heute vor.

Drum prüfe, wer sich bindet – vor allem wenn die Zinsen fallen

Das zeigt sich an neuen Extremwerten: Mitte Juni waren dreimonatige Libor-Hypotheken teurer als zweijährige Festhypotheken. Mitte Juli waren sie erstmals auch teurer als fünfjährige Festhypotheken. Das hat eine Erhebung von Moneypark ergeben. Der Hypothekarspezialist hat die Richtsätze von über hundert Banken und Versicherungen erhoben. Richtsätze sind die Zinsen, zu denen Banken offiziell Hypotheken anbieten. Je nach Kunde verlangen sie mehr oder weniger Zins.

Normalerweise ist es umgekehrt: Zinsen für Libor-Hypotheken liegen unter den Zinsen für mehrjährige Festhypotheken. Denn die Banken wagen mehr, wenn sie mehrere Jahre lang Geld zu einem festen Zins verleihen. So könnten die Zinsen in kurzer Zeit auf 2 Prozent steigen – und sie weiterhin nur 1 Prozent erhalten. Also wollen sie für Festhypotheken normalerweise mehr Zins. Bei Libor-Hypotheken hingegen können sie dem Kunden laufend den aktuellen Zins weiterreichen. Also verlangen sie weniger. Die neuen Extremwerte erklären sich so: Die Banken rechnen damit, dass die Nationalbank höhere Negativzinsen erhebt – weshalb die Zinsen auf Liborhypotheken fallen. In dieser Negativ-Welt können sie nicht mehr die gleich hohen Zinsen auf Liborhypotheken verlangen wie heute. Also leihen sie ihr Geld lieber noch schnell für mehrere Jahre aus, als Festhypothek.

Die Experten sind in seltener Übereinstimmung vereint: Die Hypothekarzinsen fallen noch tiefer. Umstritten ist die Frage, wie viel tiefer. Moneypark etwa glaubt nicht, dass die Banken die Nullgrenze aufgeben. Entsprechend fallen die Liborzinsen nicht mehr allzu viel. Moneypark rät daher eher zu Festhypotheken.

Heim vom VZ Hypothekenzentrum sagt, man müsse sich Spielraum offenlassen, denn es sei vieles möglich. Wettbewerb und Anlagenotstand könnten die Banken tatsächlich zwingen, das heutige Regime aufzugeben. Der Zugzwang werde besonders gross, erhöhe die Nationalbank den Negativzinsen auf 1 Prozent. «Dann vergeben die Bank lieber Liborhypotheken zu 0,25 Prozent – oder sogar zu einem geringen Negativzins.»