Interview

«Auch Eltern geben sinnfrei Geld aus»

Daniel Süss. Der Medienpsychologe ist Professor an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften.

Daniel Süss. Der Medienpsychologe ist Professor an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften.

Für das Online-Spiel Fortnite geben Kinder und Jugendliche viel Geld aus. Ist das gefährlich? Ein Experte relativiert.

Wie viel Gamen ist für Kinder und Jugendliche zu viel?

Daniel Süss: Laut unseren Studien gamen 10- bis 12-Jährige im Mittel rund 20 Minuten am Tag, 12- bis 19-Jährige unter der Woche eine Stunde, am Wochenende zwei Stunden. Entscheidend ist aber die Balance im Alltag: Trifft ein Kind neben dem Gamen noch Freunde? Treibt es Sport? Macht es seine Hausaufgaben? Erst wenn Videospiele diese Aktivitäten verdrängen, wird der Konsum zum Problem.

Das Onlinespiel «Fortnite» verdient viel Geld mit dem Verkauf von virtuellen Kostümen und Siegestänzen. Wie sollen Eltern reagieren, wenn ein Kind Geld für etwas will, das auf den ersten Blick sinnfrei erscheint?

Zunächst: Eltern und andere Erwachsene geben auch Geld für sinnfreie Dinge aus. In «Fortnite» ein neues Aussehen für die Spielfigur zu kaufen, ist das Gleiche, wie wenn sich das Kind neue Marken-Sneaker wünscht. Beide Objekte haben eine symbolische Bedeutung. Die meisten Kinder erhalten Sackgeld. Das sollen sie für virtuelle Objekte einsetzen können, wenn sie möchten. Dann müssen die Kinder sich aber etwa gegen die Marken-Sneaker entscheiden.

Entwickler entwerfen ihre Gratisspiele heute so, dass sie den Spieler möglichst lange fesseln und zum Geldausgeben animieren.

Es ist eine Aufgabe der Medienkompetenzförderung, dass Jugendliche genug Widerstandsfähigkeit entwickeln, damit sie dem nicht einfach nachgeben, sondern selbst abschätzen: Will ich das jetzt überhaupt spielen? Mit dem Lehrplan 21 wird das zum einen in der Schule passieren, doch auch die Familie spielt eine wichtige Rolle. Der Medienkonsum muss zu Hause ausgehandelt werden. Eltern sollten sich von ihren Kindern erklären lassen, was am Spiel so faszinierend ist. Sie müssen aber nicht jedes Game selber durchspielen. Es gibt Empfehlungen, etwa auf «www.bupp.at».

Warum haben Videospiele im Vergleich zu Filmen oder Fernsehserien ein derart schlechtes Image?

Wir haben für unsere Studien Eltern gefragt, welche Formen der Mediennutzung von Jugendlichen sie als problematisch empfinden. Games schneiden da ganz klar immer am schlechtesten ab. Das hat viel damit zu tun, dass viele Eltern selbst keinen Bezug zu Games haben. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird sich das aber verändern. Hinzu kommt, dass Games oft mit Kriegsspielen gleichgesetzt werden. Diese einfache Gleichung ist aber falsch. Bei Filmen ist man sich hingegen der grossen Bandbreite bewusst. Diese ist bei Games genauso gross.

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