Corona-Krise

Anträge für Kurzarbeit explodieren – Ämter bearbeiten über 30'000 Gesuche und vervielfachen ihre Stellenprozente

Aus den Branchen Events, Gastronomie und Tourismus kommen am meisten Anträge für Kurzarbeit. Seit dieser Woche nimmt die Zahl auch bei Dienstleistungsunternehmen wie Coiffeuren zu. Im Bild ist ein leerer Kinosaal in Locarno zu sehen.

Aus den Branchen Events, Gastronomie und Tourismus kommen am meisten Anträge für Kurzarbeit. Seit dieser Woche nimmt die Zahl auch bei Dienstleistungsunternehmen wie Coiffeuren zu. Im Bild ist ein leerer Kinosaal in Locarno zu sehen.

Praktisch alle Branchen sind von den Folgen des Lockdown betroffen. Die kantonalen Ämter werden derzeit von Anträgen für Kurzarbeit überflutet. Dabei müssen sie auch Trittbrettfahrer aussortieren.

Von den Folgen des aktuellen Lockdown sind inzwischen mehr oder weniger sämtliche Branchen betroffen. Am stärksten leiden Restaurants, Reisebüros, Hotels, Coiffeursalons, Eventveranstalter und der Detailhandel. Die kantonalen Arbeitsämter werden deswegen regelrecht von Anträgen für Kurzarbeitsentschädigungen überschwemmt.

«Die Gesuche steigen von Minute zu Minute», sagt Claudia Bättig, Leiterin des Arbeitsamts Nidwalden. Kurzarbeit wird von der Arbeitslosenversicherung gedeckt und gilt als wichtigstes Mittel, damit Löhne weiterhin gezahlt werden können. Damit soll eine Kündigungswelle verhindert werden.

Die momentane Situation überfordert die zuständigen Ämter allerdings. Während normalerweise wohl einige Hundert Gesuche bearbeitet werden müssen, sind es jetzt über 30'000. Das zeigt eine Umfrage dieser Zeitung bei allen 26 Kantonen der Schweiz.

«Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Amtes für Wirtschaft und Arbeit sind derzeit ungemein stark gefordert, denn das Ziel ist es, jedes Gesuch so rasch wie möglich zu bearbeiten», sagt Markus Zahnd, Leiter Informationsdienst im Kanton Thurgau.

«Alle Arbeitsämter aller Kantone sind stark unter Druck. Wir sind zu einem Callcenter mutiert und müssen gleichzeitig die Gesuche verarbeiten», sagt Bernhard Neidhart, Amtsleiter im Kanton Zug, mit Verweis auf das momentan vorherrschende Home-Office.

8000 Gesuche in Zürich, keine Informationen vom Tessin

Am meisten Gesuche wurden im Kanton Zürich eingereicht. Dort ist die Zahl bis Donnerstagabend auf 8000 geklettert. Über 5000 Gesuche sind es in Bern, rund 3500 in St. Gallen und rund 2000 im Wallis. In den Kantonen Luzern, Zug, Fribourg, Basel-Stadt und Basel-Land wurden bisher um die 1000 gezählt. In den kleineren Kantonen wie den beiden Appenzell, Schaffhausen oder in der Zentralschweiz bewegt sich die Zahl zwischen 100 und 600.

Unklar ist, wie schlimm die Situation im Tessin ist. Dort wurden der heutige Freitag und der morgige Samstag wegen der Pandemie zum Feiertag erklärt, weshalb auch die Behörden geschlossen sind. Ebenfalls nicht in Erfahrung bringen liess sich die genaue Anzahl Gesuche in Graubünden, Neuenburg, Waadt und Thurgau.

Die dortigen Arbeitsämter, allen voran im tourismusabhängigen Graubünden, dürften von der Situation ebenfalls überfordert sein. Insgesamt ist die Anzahl Gesuche also noch höher als 30'000. In den grösseren Kantonen beruht sie ausserdem nur auf Schätzungen. Aufgrund der Flut konnten zahlreiche Gesuche noch nicht in den jeweiligen Systemen erfasst werden.

Vom 20-Prozent-Pensum auf zehn Vollzeitstellen

Aus den Antworten der Arbeitsämter geht hervor, dass sie am absoluten Limit arbeiten. Um die Tausende Gesuche bearbeiten zu können, haben sie die Ressourcen enorm hochgefahren und Mitarbeiter aus anderen Bereichen zusammengekratzt.

Im Kanton Jura arbeitet normalerweise nur eine Person in diesem Bereich, jetzt ist man zu viert. Noch extremer ist es im Kanton Luzern: Dort werden Kurzarbeitsentschädigungen normalerweise mit einem 20-Prozent-Pensum bearbeitet. «Bis gestern haben wir auf rund zehn Vollzeitpensen hochgefahren. Heute kommen nochmals vier dazu», sagt Geschäftsfeldleiter Martin Bucherer.

Unter anderem um ihre Anrufzentralen zu entlasten, versuchen die Arbeitsämter, den Unternehmen etwas Zuversicht zu geben. «Die Gesuchsteller dürfen davon ausgehen: Voranmeldungen zur Kurzarbeit infolge des Coronavirus werden bewilligt, sofern auch alle anderen Voraussetzungen erfüllt sind», sagt etwa Bucherer. Auch im Kanton Zürich, wo 8000 Gesuche eingegangen sind, bestätigt Sprecherin Lucie Hribal, dass praktisch alle Voranmeldungen bewilligt werden dürften.

Trittbrettfahrer lähmen das System

Wie viele bereits bewilligt wurden, ist unklar. Viele Ämter haben sich aus Zeitgründen nicht dazu geäussert. In Kantonen, in denen sehr viele Gesuche eingegangen sind wie Zürich, Bern und Wallis, sind es kaum mehr als 10 Prozent.

Bei kleineren Kantonen mit weniger Anträgen wurden teils bereits 40 Prozent bewilligt. Einige Kantone geben diese Information ausserdem bewusst nicht preis. Hubert Helbling, Amtsvorsteher im Kanton Schwyz, schreibt etwa: «Wir möchten nicht mitteilen, wie viele Anträge bewilligt wurden, weil nach unserer Erfahrung gleich die Frage der anderen kommt, weshalb sie noch keine Bewilligung haben und unser Hotline noch mehr verstopfen.»

Wie gehen die Ämter also eigentlich vor und welche Fälle nehmen sie sich zuerst vor? Laut Hubert Helbling werden die Anträge grob nach Priorität sortiert. Die offensichtlichen Fälle, allen voran jene Betriebe, die behördlich schliessen mussten, erhalten schnellstmöglich eine Antwort. Mehrere Arbeitsämter verweisen zudem darauf, das es auch ums Aussortieren weniger dringlicher Anfragen oder «Trittbrettfahrer» geht.

Demnach ist zu befürchten, dass die Situation von Unternehmen ausgenutzt wird. Diese Anfragen lähmen das System zusätzlich. Gemeint sind jene Betriebe, die auch unter den aktuellen Bedingungen arbeiten könnten, zum Beispiel Garagisten. Die Schwierigkeit liegt jedoch darin, dass auch diese Kurzarbeit vorsorglich anmelden dürfen.

In der aktuellen Situation wird ein Nachfragerückgang früher oder später auch sie treffen - für die Arbeitsämter sind solche Gesuche momentan jedoch eine zusätzliche Last.

Auch Selbständige sollen von Kurzarbeit profitieren

Um die Tausenden Gesuche decken zu können, hat der Bund bereits Hilfe versprochen. Vom Massnahmenpaket in der Höhe von 10 Milliarden Franken sollen 8 Milliarden in die Kurzarbeit fliessen. Bitter ist aber, dass dieses Geld längst nicht allen Erwerbstätigen zugute kommt.

Die Hunderttausenden Selbständigen, Einzelunternehmen und Kleingewerbler profitieren nämlich nicht davon, sondern nur ihre Angestellten, deren Lohn dadurch garantiert wird. Die genannten Unternehmer selbst fallen momentan durch fast alle Maschen und verlieren gleichzeitig Aufträge en masse. Hinzu kommt, dass sie häufig kaum Reserven haben.

Um eine Konkurswelle zu verhindern, hat der Bund zunächst eine Milliarde für Härtefalllösungen gesprochen. Diese sollen besonders betroffenen Unternehmen als Soforthilfe und Liquiditätsüberbrückung dienen.

Auch Sicht von Ökonomen und Politikern reicht dies aber bei weitem nicht. Diesen Freitagnachmittag informiert Wirtschaftsminister Guy Parmelin nun über weitere Hilfsgelder. Dann zeigt sich auch, ob die Kurzarbeit auch auf Selbständige und Kleingewerbler ausgeweitet wird. Diese Forderung wurde schon Anfang Woche von Politikern gestellt, darunter SP-Nationalrätin Jacqueline Badran.

Zusammen mit anderen Nationalräten hat sie in einem Brief an Parmelin die Kurzarbeit für alle gefordert, die auch Beiträge in die Arbeitslosenkasse zahlen. Weitere Forderungen betreffen eine Mietsenkung und ein Zahlungsaufschub von Steuern.

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