Studie

80 Prozent (!) der Betagten erhalten in Pflegeheimen Medikamente, die für sie gefährlich sind

Ärzte verordnen betagten Menschen diese Medikamente, weil sie an verschiedenen Krankheiten leiden. (Symbolbild)

Ärzte verordnen betagten Menschen diese Medikamente, weil sie an verschiedenen Krankheiten leiden. (Symbolbild)

Der Befund ist brisant: Vier von fünf Betagten erhalten in Pflegeheimen Medikamente, die sie gefährden. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung des Krankenversicherers Helsana.

Gemäss dieser repräsentativen Analyse nehmen in den 1500 Pflegeheimen der Schweiz 86 Prozent der rund 150‘000 Bewohner und Bewohnerinnen pro Trimester mindestens fünf Medikamente ein. Im Schnitt erhalten sie pro vier Monate 9 Arzneimittel.

Ärzte verordnen betagten Menschen diese Medikamente, weil sie an verschiedenen Krankheiten leiden. Erschreckend dabei ist: 79 Prozent der Bewohnenden von Pflegeheimen nehmen gemäss der Studie mindestens ein für sie potenziell gefährliches Medikament pro Trimester ein. Bei 56 Prozent sind es mindestens drei solche Bezüge pro Trimester.

Helsana-Chef Daniel Schmutz sagt dazu, die Medikamentenfehlversorgung generiere unnötige Kosten zu Lasten der Prämienzahler. Noch viel wichtiger sei: „Die Lebensqualität von Pflegeheimbewohnern sinkt, wenn sie Medikamente einnehmen, die für sie gesundheitsgefährdend sind". Oder würden teilweise schädliche Nebenwirkung auftreten, wenn das Medikament mit den anderen eingenommenen Präparaten interagiere: „Mit manchmal sogar tödlichen Auswirkungen.“

Da Curaviva, dem Verband Heime und soziale Institutionen Schweiz, die Studie noch nicht vorliege, möchte er sich dazu nicht äussern, sagt Geschäftsleitungsmitglied Markus Leser. Er weist darauf hin, dass Heime nur für die Sicherheit der Medikamentenverabreichung zuständig seien, aber nicht für allfällig inadäquate Medikamente: „Die Verschreibung von Medikamenten liegt ausschliesslich bei den Ärzten.“

Allerdings wissen Mediziner oft nicht, dass die verschiedenen Medikamente, die sie verschreiben, unerwünschte Nebenwirkungen verursachen können. Daher sollten sich Ärzte an Weiterbildungszirkeln mit Apothekern beteiligen, sagt Schmutz. Dafür brauche es Verträge, um die Apotheker entschädigen zu können. Das ist bei Medizinern, die in integrierten Versorgungsmodellen wie Hausarztmodellen teilnehmen, bereits heute der Fall. Zudem gebe es in Kantonen Wallis, Freiburg und Waadt Projekte, um die Medikamentenabgabe an Pflegeheimbewohner zu verbessern. Daran beteiligen sich Ärzte und Apotheker. 

Leser weist darauf hin, dass sich Curaviva an einem Pilotprojekt von Patientensicherheit Schweiz beteilige. Es soll dazu beitragen, dass Betagten weniger für sie potentiell gefährliche Medikamente verschrieben werden.

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