Jeff Bezos
5 Milliarden-Investition: Warum Städte um die Gunst des Amazon-Chefs buhlen

Im September gab der Milliarden-Konzern Amazon bekannt, dass er auf der Suche nach einem neuen Standort für ein zweites Hauptquartier in Nordamerika ist. Nun ist ein Standortwettbewerb ausgebrochen.

Renzo Ruf, Washington
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Noch ist der einzige Hauptsitz von Amazon in Seattle, doch das Onlinewarenhaus plant einen zweiten. Elaine Thompson/AP/Keystone

Noch ist der einzige Hauptsitz von Amazon in Seattle, doch das Onlinewarenhaus plant einen zweiten. Elaine Thompson/AP/Keystone

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Drei Beispiele, wie amerikanische und kanadische Städte, gross und klein, derzeit um die Aufmerksamkeit von Amazon-Gründer Jeff Bezos buhlen: Tucson in Arizona schickte einen sechs Meter hohen Kaktus nach Seattle, an den Hauptsitz des Internet-Warenhauses. Albuquerque in New Mexico erinnerte Jeff Bezos daran, dass er 1954 im schmucken Städtchen geboren worden ist. «Jeff, komm nach Hause», sagte der Stadtpräsident.

Und der Bürgermeister von Frisco in Texas, unweit der Millionenmetropole Dallas gelegen, stellte in einem schicken Werbespot die rhetorische Frage: Hey Alexa – wo soll Amazon sein neues Hauptquartier bauen, das im Sprachgebrauch des Internet-Warenhauses HQ2 genannt wird. Worauf Alexa, der virtuelle Ratgeber aus dem Hause Amazon, natürlich sagte: «In Frisco, Texas.»

Erst im September gab der Milliarden-Konzern bekannt, dass er auf der Suche nach einem Standort für ein neues, zweites Hauptquartier in Nordamerika ist. Das Interesse ist riesig: Beobachter rechnen deshalb damit, dass bis zum heutigen Stichtag in der konzerneigenen Abteilung für Wirtschaftsförderung Hunderte Angebote eintreffen werden.

Charmeoffensive in Washington

Was einst, im Jahr 1995, als Online-Buchgeschäft begann, ist heute ein riesiger Gemischtwarenladen: Amazon ist mittlerweile auch als Service-Anbieter für digitale Dienstleistungen, als Hersteller von Fernsehserien und Hardware-Produkten sowie als Lebensmittelhändler ein Platzhirsch. Diese Dominanz weckt zunehmend Kritik aus der Politik. «Wir brauchen grössere Transparenz», sagt zum Beispiel die Senatorin Amy Klobuchar, eine Demokratin aus Minnesota. Amazon reagiert auf diese Missbilligung mit einer Charmeoffensive in Washington. Wie die «New York Times» kürzlich berichtete, stockte das Internet-Warenhaus die Zahl der Lobbyisten in der Hauptstadt von 60 auf 83 auf – damit gehört Amazon nun zu den grössten Lobbyisten in Washington. Kostenpunkt dieser Bemühungen: mehr als sechs Millionen Dollar im ersten Halbjahr.

Und für einmal sind sich Beobachter weitgehend einig: Vom Wettbewerb um HQ2 profitiert nicht nur Amazon (in der Form von Steuernachlässen und anderen Zuschüssen), sondern auch der künftige Standort des zweiten Hauptquartiers. Denn der Konzern verspricht, am neuen Ort mehr als 5 Milliarden Dollar zu investieren und bis zu 50 000 neue, gut bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen. Insgesamt beschäftigt Amazon allein in den USA 180 000 Mitarbeiter.

Das neue Hauptquartier wird Zulieferbetriebe anziehen. Das gilt vor allem für Branchen mit Zukunftspotenzial. «Das schlägt andere Deals, die ich gesehen habe», sagte der Wirtschaftsprofessor Enrico Moretti, der an der University of California, Berkeley, forscht. Wer auch immer den Zuschlag erhalte, werde auf einen Schlag zu einem äusserst attraktiven Standort aufsteigen und weitere Firmen anziehen, sagte Moretti der Nachrichtenagentur AP.

Entscheid im nächsten Jahr

Im Gegenzug stellt Amazon einige Forderungen an die Bewerber. Das neue Hauptquartier werde in einer Metropole mit moderner Infrastruktur gebaut, in der mindestens eine Million Menschen wohnten. Zudem benötigt Amazon viel Platz – die Rede ist von bis zu 50 000 Quadratmetern und falls nötig mehreren Dutzend Gebäuden. Dazu kommen weiche Standortfaktoren. Amazon müsse zur «lokalen Bevölkerungskultur» passen; der neue Standort müsse deshalb eine hohe Lebensqualität aufweisen, heisst es in den Unterlagen. Diese Anforderung könnte gerade Provinzstädten grosse Probleme bereiten, ist der Konzern doch bisher in einer der tolerantesten und fortschrittlichsten Städte der USA zu Hause.

Offen ist, wer in diesem Buhlen um Jeff Bezos’ Gunst die besten Karten besitzt. Beobachter gehen davon aus, dass Amazon an einem Standort in der Landesmitte oder an der Ostküste interessiert sei, da sich das bestehende Hauptquartier an der Pazifikküste befindet. Immer wieder wird darauf hingewiesen, wie stark ein Konzernchef mit seinen persönlichen Vorlieben eine solche Suche beeinflusse – dies wären gute Nachrichten für Washington und New York, besitzt Bezos doch Liegenschaften in der Hauptstadt, in Manhattan und in Beverly Hills (Kalifornien). Ausserdem ist Bezos, über seine Privatfirma, Besitzer der «Washington Post». Gelüftet wird das Geheimnis um HQ2 im nächsten Jahr. Bis dann geht das Werben um Amazon weiter.

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