Erotik-Unternehmen

100 Jahre Beate Uhse: Das Unternehmen steht vor der Pleite, umso erfolgreicher sind frische Mitbewerber

Dominierte die Erotikbranche: Beate Uhse im Jahr 1992.

Dominierte die Erotikbranche: Beate Uhse im Jahr 1992.

Heute wäre Beate Uhse 100 Jahre alt geworden. Das von ihr gegründete Erotik-Unternehmen musste im Sommer erneut Insolvenz anmelden. Ein Blick auf die Erotikbranche.

«Tote Hose bei Beate Uhse» titelten Wirtschaftszeitungen in den letzten Jahren wiederholt. Vom Vermächtnis der einstigen Sexpionierin und erfolgreichen Unternehmerin Beate Uhse ist heute kaum mehr etwas übrig. Der von ihr gegründete Erotik-Konzern steht vor der Pleite, im Juni meldeten die letzten paar verbliebenen Filialen in Deutschland erneut Insolvenz an. Aus der Schweiz hat sich das Unternehmen schon länger zurückgezogen.

«Wenn sie sehen würde, was aus ihrem Geschäft geworden ist, sie würde sich im Grab umdrehen», sagt Patrik Stöckli (61), Gründer und Inhaber des Erotik-Markt und früherer Kaufinteressent. «Was diese Frau alles geleistet hat – gegen den Widerstand von Justiz und Kirche kämpfte sie gegen Sex-Tabus. Da kann ich nur sagen Chapeau.» Gestorben ist Beate Uhse im Alter von 81 Jahren in der Schweiz. Heute wäre ihr 100. Geburtstag gewesen (siehe Box am Ende).

Der Niedergang des früheren Marktführers begann um die Jahrtausendwende. Er schaffte es nicht, sich gegen Gratis-Pornos im Internet und frischere Mitbewerber zu behaupten, und verlor immer mehr Kunden und Marktanteile. «Früher hat man einfach viel zu einfach Geld verdient», meint Patrik Stöckli, der vor zwei Jahren schweizweit selber sechs Filialen schliessen musste. «Auch in unserer Branche wussten Unternehmer plötzlich nicht mehr, wie sie ihr Geschäft erneuern sollten – und resignierten.»

Neue Marktteilnehmer konnten Schmuddel-Image loswerden

Vor allem durch den Siegeszug des Internets hat sich der Markt in den letzten 20 Jahren grundlegend verändert. Das Geschäft mit Erotik-DVDs brach völlig ein, Sexspielzeuge und Reizwäsche konnten auf einmal günstiger online bestellt werden. Ein Sexshop nach dem anderen musste geschlossen werden, darunter einige der Ladenkette Libosan. «Der Hype um das Internet scheint etwas nachgelassen zu haben», sagt Stöckli. «Die Leute wollen die Produkte vor dem Kauf wieder anschauen und anfassen können. Dank dem haben wir uns gefangen, der Umsatz steigt wieder leicht an.» Hauptumsatztreiber seien Sexspielzeuge und Reizwäsche. Das Onlinegeschäft mache knapp 25 Prozent aus.

Dass das Erotikgeschäft trotz Gratis-Pornos im Netz florieren kann, zeigen der Onlinehändler Amorana und sein deutsches Pendant Amorelie. Erst vor ein paar Jahren in den Markt eingetreten, setzen sie heute bereits zweistellige Millionenbeträge um. Laut der «Bilanz» befinden sich die zwei Jungunternehmen auf rasantem Wachstumskurs. Ihnen gelang es, Sexspielzeug nochmals gesellschaftstauglicher zu machen und als Lifestyleprodukte zu vermarkten. Mit geschmackvoll gestalteten Webseiten konnten sie das frühere Schmuddel-Image der Branche definitiv loswerden. Auch der durch die Erotikromanreihe entstandene «50-Shades-of-Grey»-Effekt brachte der Branche 2015 zusätzlichen Schub. Vibratoren gibt es selbst in den Regalen von Migros und Coop zu kaufen. «Der Erotikhandel ist heute massentauglich und dank Produktinnovationen und neuem Produktdesign stark wachsend», sagt Amorana-Mitgründer Alain Frei. «Einen Verdrängungskampf sehen wir in der Branche noch nicht.» Seit Kurzem beliefert Amorana die Onlineshops Brack und Microspot (Coop).

Anonymität ist nicht allen Kunden wichtig

Obwohl das Geschäft mit der Lust salonfähig geworden ist, sieht Frei im Onlinehandel auch den Vorzug der Anonymität, die Kunden bei Käufen auf diese Weise erhalten. Eine gegensätzliche Erfahrung macht die Erotikkette Magic X, die aus den Schweizer Beate-Uhse-Läden hervorgegangen ist. «Unsere Topläden sind diejenigen mit der grössten Sichtbarkeit, die keine Diskretion bieten», sagt Marketingleiter Jan Brönnimann. Insgesamt sei das Geschäft heute wieder stabil, erst im Mai konnte eine weitere Filiale in Steinhausen ZG eröffnet werden.

Mit Blick auf die starken neuen Onlinehändler gibt sich Brönnimann gelassen. «Neue Player bedeuten zwar neue Konkurrenz. Gleichzeitig können sich aber neue Publikumskreise erschliessen.» Dass stationärer Handel ein wichtiger Absatzkanal bleibt, zeigt das Beispiel von Amorana. Seit diesem Oktober führt die Firma einen Pop-up-Store im Glattzentrum.

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Autor

Gabriela Jordan

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