Niederönz
Zwei Lehrer wollen die Arbeit im Betrieb erleben

Zwei Oberstufenlehrer absolvieren in der Bystronic in Niederönz ein Berufspraktikum. «Ich will erleben, wie sich die Arbeit im Betrieb anfühlt und was die Lehrmeister erwarten», so Peter Rohrbach, einer der Lehrer.

Irmgard Bayard
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Peter Rohrbach sortiert in der Garderobe der Montagehalle Berufskleider. Und Stefan Gerber bearbeitet eine Resonator-Frontplatte.

Peter Rohrbach sortiert in der Garderobe der Montagehalle Berufskleider. Und Stefan Gerber bearbeitet eine Resonator-Frontplatte.

Irmgard Bayard

«Am Montagmorgen hatte ich schon Herzklopfen», gibt Peter Rohrbach unumwunden zu. «Ich bin ja nicht mehr der Jüngste und wusste nicht, ob ich diese Arbeit überhaupt prästiere.»

«Gestern konnte ich in der Lehrlingswerkstatt wie die anderen Auszubildenden ein Werkstück anreissen, körnen und prägen», erzählt Stefan Gerber. «Heute Morgen durfte ich die CNC-Maschine, die wir gestern eingerichtet haben, selber starten und beaufsichtigen.»

Der 52-jährige Peter Rohrbach und der 34-jährige Stefan Gerber sind Reallehrer an der Oberstufe Herzogenbuchsee, Rohrbach seit 1980 am Standort Niederönz, Gerber seit acht Jahren in Buchsi. Beide absolvieren diese Woche in ihrer unterrichtsfreien Zeit ein Berufspraktikum bei der Bystronic Laser AG in Niederönz.

Von Buch- zum Praktikwissen

Peter Rohrbach erhält eine Woche lang Einblick in die Tätigkeit einer Fachperson Betriebsunterhalt. «Am Montag haben wir Container geleert, Karton zusammengepresst, in den Toiletten Duftsprays ausgewechselt», nennt er einige Arbeiten, die es zu erledigen gibt. Gestern ordnete er die gereinigten Kleider der Mitarbeitenden. «Jedes Kleidungsstück ist mit einer Nummer versehen, anhand deren wir sie dem richtigen Garderobenschrank zuordnen können.»

Für Rohrbach sind das ungewohnte Arbeiten, bei denen er sich konzentrieren muss. Am Dienstag hilft ihm dabei Joël Roth, der eine Automatikerlehre absolviert. «Ich bin sehr gut aufgenommen worden», freut sich Peter Rohrbach, der vom tollen Klima im Betrieb angetan ist. «Alle grüssen sich.» Zudem sei der Betrieb sehr sauber. «Ich rechnete mit viel mehr Dreck.» Ein Vorurteil ist bereits beseitigt.

Er habe viel Buchwissen über praktische Berufe, sagt Rohrbach. «Jetzt will ich erleben, wie sich die Arbeit im Betrieb anfühlt und was die Lehrmeister erwarten.» Zum Beispiel fehlerfreies Schreiben. «Alle Schnupperlehrlinge müssen in der Bystronic ein Tagebuch führen. Es wird erwartet, dass die Notizen keine Fehler aufweisen.» Sein in dieser Woche erworbenes Wissen kann er später seinen Schülern weitergeben. «Wenn ich ihnen die Erwartungen eines Lehrmeisters aus eigener Erfahrung erläutern kann, so hat dies mehr Gewicht, als wenn ich es als Lehrer sage», ist er überzeugt.

Erwartungen kennen lernen

Stefan Gerber schnuppert drei Tage lang im Beruf des Polymechanikers. Ihm hilft das im Praktikum erworbene Wissen beim Berufswahlunterricht mit Achtklässlern. «So kann ich mir viel besser vorstellen, welche Fähigkeiten ein Schulabgänger für diese Lehre braucht und bereits vorspuren», sagt er. Denn die Erwartungen der Schüler entsprechen nicht immer der Realität. «Wenn ich mehr über die verschiedenen Berufe weiss, kann ich ihnen Alternativen aufzeigen.»

Peter Rohrbach und Stefan Gerber haben beide als Mitglieder des Projektteams das Projekt «Berufspraktikum für Lehrkräfte» mit aufgebaut. Federführend ist Roland Wyler, Leiter Berufsbildung bei der Bystronic Laser AG. Die Idee ist nicht ganz neu. «Bereits 2008 wurde bei einem anderen Unternehmen in der Region ein solches Praktikum spontan und ohne Einbettung in einen Gesamtkontext durchgeführt», erinnert sich Wyler. «Die Idee hat mich fasziniert.»

Praktikumsplätze gesucht

Bereits seit mehreren Jahren ist die Bystronic in den Schulen präsent mit «Der Weg zur Lehrstelle». Dieses Angebot richtet sich aber lediglich an die Schüler. «Jetzt gilt es, das Zielpublikum zu wechseln.» Dank dem guten Draht zur Schule habe man das neue Projekt in Angriff nehmen können. «Wir sind diesen Sommer gestartet.» Das sei mit ein Grund, weshalb erst drei weitere Firmen einen Praktikumsplatz für Lehrer anbieten.

Neben Bystronic Laser AG sind dies die W. Althaus AG (Aarwangen), die Fischer AG (Oberönz) und neu die Duap AG, Buchsi. «Alles Firmen, mit denen wir eng zusammenarbeiten», sagt Wyler. «Unser Wunsch wäre, dass im Frühling/Sommer 2012 etwa 30 Betriebe aus verschiedenen Branchen mitmachen.» Die Projektgruppe sucht im Moment mögliche Unternehmen. «Wichtig ist, dass auch Firmen ausserhalb der technischen Berufe, also zum Beispiel Dienstleister dabei sind.» Mit einer grösseren Auswahl könnten auch weitere Schulen angesprochen werden. «Aus einer Schule in Aarwangen haben wir bereits eine Anfrage», sagt Wyler.

70 Jugendliche schnuppern pro Jahr

Aus seiner Sicht hat das Projekt «Berufspraktikum für Lehrkräfte» einen weiteren positiven Aspekt. «Wenn die Schüler über die Ansprüche der Firmen informiert sind, gewinnt der gesamte Bewerbungsprozess an Qualität.»

Bei der Bystronic schnuppern pro Jahr rund 70 Jugendliche, 57 eigene und 10 externe Lernende bildet die Firma schliesslich aus. Die zehn Externen sind bei Partnerfirmen angestellt, können aber einen Teil der Berufsausbildung bei Bystronic absolvieren. Roland Wyler leitet die Lehrlingsausbildung, die aus insgesamt fünf Personen besteht. Unterstützt werden die Ausbildner nach Bedarf von den Abteilungsleitern.