Weihnachten im Süden
Weihnachten in Dubrovnik, wo der Nordwind die Menschen verrückt macht

Die Autorin lebte seit 2004 immer wieder in der Stadt Dubrovnik, die seit 1979 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Vor 20 Jahren, am 6. Dezember 1991, wurde Dubrovnik trotz internationaler Proteste massiv beschossen.

Melanie S. Rose*
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Stradun, die weihnächtlich geschmückte Flaniermeile von Dubrovnik, im Süden Kroatiens.

Stradun, die weihnächtlich geschmückte Flaniermeile von Dubrovnik, im Süden Kroatiens.

Melanie S. Rose

Der überschaubare Ort am Mittelmeer ist weihnachtlich geschmückt mit Lichterketten entlang der mächtigen Stadtmauern und akkuraten Häuserfassaden. An den Toren hängen Lorbeerbögen mit Mandarinen. «Dieser kalte Nordwind macht die Menschen verrückt», sagt eine Buchhändlerin in der Altstadt von Dubrovnik, die seit 1979 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Zu Zeiten der Republik durften bei Bura (so der Name des Windes) keine wichtigen Entscheidungen getroffen werden. Der Laden füllt sich, Touristen kaufen lustige Engelfiguren und erkundigen sich, wo man noch Kriegsspuren sieht, Akademiker aus Montenegro holen ihre bestellten Fachbücher ab, überwiegend Amerikaner fragen, für welchen Film diese verkehrsfreie Kulisse gebaut worden sei, Franzosen, Russen und Iren, die momentanen Hauptinvestoren, kaufen kroatische Wörterbücher und die Buchhändlerin sucht für die nächste Saison eine neue Verkäuferin.

Die Würde des Schmerzes

Vor 20 Jahren, am 6. Dezember 1991, wurde Dubrovnik trotz internationaler Proteste massiv beschossen. Als «Apokalypse-Tag» ging er in die Geschichtsbücher ein. Drei Monate lebten die Menschen ohne Wasser und Strom. Aus Mangel an Vorräten verkochte man Grappa und Gesichtstonic zu Tee. «Gast ist Gast und Kunde ist Kunde», sagt die Buchhändlerin. «Im kroatischen Fernsehen haben sie eine Geschichte gesendet», erzählt sie: Ein Bosnier, der in Srebrenica alles verloren hatte, arbeitete in Banja Luka als Parkplatzwärter. Als er eine Tasche mit 70 000 Euro fand, ging er damit zum Radiosender, um einen Aufruf zu lancieren. Nur ein Serbe konnte die genaue Summe und Einzelheiten nennen. Als sich der Bosnier und der Serbe trafen, wollte der Serbe dem Bosnier 10 Prozent Finderlohn erstatten. Der Bosnier lehnte ab. Der Serbe erzählte, dass er mit dem Geld die Hirnoperation seines Sohnes in der Schweiz bezahlen wolle. Der Bosnier sagte, nimm das ganze Geld, hätte ich selbst Geld, ich würde dir meines noch dazugeben. «Wenn wir ausgehen, zahlen die, die Geld haben, für die anderen mit», sagt die Buchhändlerin.

Im neuen «gradskavana» trifft man weiterhin das attraktiv gekleidete Personal der Stadtverwaltung aus dem Rathaus, die liebenswürdig schrullige Blumenfrau versucht ihre kleinen Sträusschen und Handarbeiten zu verkaufen, junge Pärchen küssen sich neben alten Kriegsveteranen. «Die Fassadenfarben kann man wechseln, die Menschen bleiben doch die gleichen», sagt Miha, der Kellner, der hier schon vor der Renovierung bediente. Vom sozialistischen Staubtouch des altehrwürdigen Café Philo «Gradska Kavana» keine Spur mehr, stattdessen internationaler Standard und «global village»-Feeling.

Das Wetter ist im Dezember unberechenbar. Ein neuer Tag. Tramuntana. Eine Kombination aus Sturm und heftigem Regen. Der Wind reisst einige grosse rote Kugeln von den aufgestellten Weihnachtsbäumen und treibt die begehrten Objekte wie Fussbälle über die alten Pflastersteine der grossen Strasse. «Ich habe «Die Geschichte des Soldaten» abgesagt», sagt Denis, Musiker des Symphonie Orchesters von Dubrovnik. «Vor dem Krieg liebte ich expressionistische Musik», sagt Denis und raucht, «aber heute kann ich sie nicht mehr ertragen, nur noch Barock, Ordnung und Disziplin». Schick gestylt zeigen sich die jungen Leute auf Stradun. Wie die meisten von uns wohnen, darf man nicht fragen, sagt Tomislav, bis zur Heirat sowieso zu Hause.

Die Wahrheit ist komplex

Pro Jahr laufen zirka 300 Kreuzfahrtschiffe Dubrovnik an. Die Touristen werden durch die Stadt geschleust und kaufen meistens nur Postkarten. In der Buchhandlung diskutieren Touristen aus Monte Carlo, die im Hilton Imperial logieren, und serbische Einwohner aus Dubrovnik, warum der Krieg begann. Sie tauschen E-Mail-Adressen aus und verabreden sich zum Essen im exquisiten Fischrestaurant bei bosnischen Köchen am Hafen. Die Wahrheit ist komplex, man kann sich ihr nur unendlich annähern. «Man muss sich entscheiden, vielleicht ist eine Art Luxustourismus tatsächlich besser für unser Kulturerbe», sagt die Buchhändlerin. «Ich freu mich auf die EU», lacht Pero, der Ingenieur, und kauft ein Buch des französischen Philosophen Pascal Bruckner, den er schon damals las, um den Krieg hier zu verstehen. Endlich Sonne. Stundenlang kann man jetzt auf der zwei Kilometer langen Stadtmauer ungestört spazieren und lesen. Pero zieht die Sonnenbrille ins Gesicht. «Adio, sretan božić», frohe Weihnachten und ein gutes Neues, «sretna nova godina!» - Weihnachten und Silvester wird hier mit Gästen aus aller Welt gefeiert. Von Open-Air-Bühnen dringt Lebenslust durch die Stadtmauern. Dubrovnik steht seit jeher für Freiheit.

* Melanie S. Rose, deutsch-österreichische Dramaturgin, Performerin und Autorin, ist aktuelle Lydia-Eymann-Stipendiatin in Langenthal.

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