Lehrstellenmarkt
Viele offene Lehrstellen im Limmattal: So werben die Betriebe um Lernende

Branchen, die bei Schulabgängern weniger beliebt sind, müssen Originalität beweisen. Die Unternehmen in der Region haben ganz unterschiedliche Methoden, Lernende für ihren Betrieb zu begeistern.

Flurina Dünki
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Die Qual der Wahl: Jugendliche treffen an der Lehrstellen-Börse des Laufbahnzentrums der Stadt Zürich auf Lehrstellenanbieter. Sandra Ardizzone

Die Qual der Wahl: Jugendliche treffen an der Lehrstellen-Börse des Laufbahnzentrums der Stadt Zürich auf Lehrstellenanbieter. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

7000 Lehrstellen sind schweizweit noch unbesetzt. Dies ist dem Lehrstellenportal berufsberatung.ch zu entnehmen. 1065 davon entfallen auf den Kanton Zürich.

Besonders im Detailhandel, im Baugewerbe und in der Schönheitsbranche haben Lehrstellenanbieter gemäss Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich grosse Mühe, ihre Stellen zu besetzen.

Auch Limmattaler Unternehmen können dies bestätigen. Die Dietiker Pestalozzi-Gruppe, ein Dienstleister für Baugewerbe und Industrie, fand zwar für die Logistik schnell Kandidaten. Die Besetzung für die Ausbildung Strassentransportfachmann gestaltet sich aber laut Mediensprecher Luca Federico äusserst schwierig.

Das Bauunternehmen Walo Bertschinger hat ebenfalls noch mehrere Lehrstellen an seinen Limmattaler Standorten offen. Bauberufe gehören zu den unbeliebtesten Lehrstellenprofilen, wie Markus Popp, Verantwortlicher der Lernendenbildung des Unternehmens, sagt.

«Zu viele Jugendliche bewerben sich auf dieselben Lehrstellen», sagt Sergio Casucci von der Stadtzürcher Berufs- und Laufbahnberatung. Einerseits würden gewisse Berufszweige aus urbanen Gegenden und somit aus der Wahrnehmung der Jugendlichen verschwinden.

Zudem sei der Dienstleistungssektor in den von Jugendlichen konsumierten – klassischen wie sozialen – Medien im Übermass präsent, weshalb ihnen bei der Berufswahl vor allem dieser in den Sinn komme.

Unternehmen in der Pflicht

Was also unternehmen Limmattaler Firmen, deren Lehrstellen bei Jugendlichen nicht die Popularitätsliste anführen, um genügend Lernende zu rekrutieren? Auf Anfrage geben viele Unternehmen die Teilnahme an Berufsmessen an.

Eine Massnahme, deren Wirkung der Berufsberater Casucci anzweifelt. Jugendliche würden an solchen Messen mit Informationen überflutet und könnten sich hernach nicht konkret an das Profil der einzelnen Unternehmen erinnern.

Die Wirtschaft müsste gemäss Casucci mehr unternehmen, um ihre Berufe sichtbar zu machen. «Die Präsenz muss dauerhafter und im kleinen Rahmen markiert werden, etwa im Quartier des Firmenstandortes.»

Ein anderes Problem ist laut Casucci die Verschulung vieler Handwerkerlehren. «Bei manchen Bewerbern, die für eine Handwerkerlehre nicht akzeptiert werden oder diese später abbrechen, liegt es nicht am fehlenden Talent oder Interesse, sondern daran, dass die Berufsfachschule für sie zu anspruchsvoll ist», so Casucci.

Tatsächlich verzeichnete das Berufsbildungszentrum Dietikon (BZD), wo angehende Logistiker und Maschinenbauer die Berufsschule absolvieren, dieses Jahr eine hohe Durchfallquote. BZD-Rektor René Wyttenbach sieht neben der Wirtschaft auch die Lehrpersonen der Oberstufe bei der Lehrstellenwahl ihrer Schüler in der Pflicht.

Diese müssten als erste Ansprechperson des Lehrstellensuchenden über die aktuelle Berufslandschaft genau informiert sein, worauf nicht genügend geachtet werde.

Mit Berufsbild bekannt machen

Am Bergdietiker Hauptsitz der Technologiefirma Soudronic AG scheint man den Anspruch an moderne Ausbildner erkannt zu haben. Seine Lehrgänge in Informatik, Polymechanik, Logistik, Automatik Elektronik und Kaufmann stellt das Unternehmen in Oberstufenschulen vor und organisiert Besuchstage für Schulklassen in ihren Geschäftsräumen.

«Handwerkliche Berufsausbildungen sind heute weniger gefragt, weshalb eine Firma etwas für die Lehrlingsrekrutierung unternehmen muss», sagt Personalchefin Brenda Haas, die ihre Lernenden aus zahlreichen Bewerbungen auswählen kann.

Auch die Firma Pestalozzi macht potenzielle Lernende mit gezielten Aktionen auf sich aufmerksam. Neben der Präsenz an Berufsmessen organisiert sie in Zusammenarbeit mit dem Berufsbildungszentrum Dietikon Berufsinfotage im Betrieb, um Jugendliche mit den Ausbildungsprofilen bekannt zu machen.

Ein nachhaltiges Konzept, um Vorurteile gegenüber den Bauberufen abzubauen, verfolgt Walo Bertschinger. Mit vom Baumeisterverband initiierten Aufklärungsaktionen, etwa an Berufsmessen, möchten sie allen Eltern ein realistisches Bild des vermeintlich gefährlichen Berufsfelds aufzeigen.

Auf andere Anreize setzt Aldi Suisse, wo die Lehrstellen für Detailhandel in Dietikon und Schlieren noch zu besetzen sind: Das Unternehmen zahlt Lernenden bereits ab dem ersten Lehrjahr einen Monatslohn von 1107 Franken.

Die Coiffeurbranche hat nach den negativen Erfahrungen in der Lernendenrekrutierung der letzten Jahre ebenfalls Massnahmen ergriffen. So heisst es von mehreren Betrieben der Region, dass dank sehr früher Ausschreibung der Lehrstellen genügend Lernende gefunden wurden.

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