Grundstufe
Positive Bilanz zur Grundstufe: «Die Kinder lernen auch beim Spielen»

Am 25. November stimmt Zürich über die Verschmelzung von Kindergarten und Schule ab. Dorothea Zingg und Regina Krüttli unterrichten eine solche Grundstufenklasse, die als Testlauf dienen sollen. Die Beiden äussern sich positiv zum Modell.

Michael Rüegg
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Dorothea Zingg und Regina Krüttli unterrichten eine von zwei Grundstufenklassen im Schulhaus Limmat C.

Dorothea Zingg und Regina Krüttli unterrichten eine von zwei Grundstufenklassen im Schulhaus Limmat C.

Michael Rüegg

Eigentlich sind es zwei Klassenzimmer. Im einen steht ein strenger Kreis von kleinen Holzstühlen, an der Wand Zahlen und Buchstaben. Von A wie Affe bis Z wie Zelt. An den zusammengerückten Tischen sitzen Kinder, mischen mit dem Pinsel Wasserfarben, malen und diskutieren, was dabei herauskommt. Es ist die künstlerische Verarbeitung einer neulichen Exkursion ins Zürcher Kunsthaus.

Das Zimmer nebenan quillt über mit Spielzeug. Hier herrscht ausgelassenes Treiben. Ein kleiner Frechdachs fragt den Besucher, wie er heisse, und nennt ihn während der nächsten Stunde Micky Maus. Wie denn sein Name sei, fragt der Besucher? «Ich heisse Gaggi.» Schallendes Kindergelächter. Ein paar der Kids beschäftigen sich mit einem Brettspiel, in der Ecke sitzen zwei stille Mädchen, die Holztürme bauen und sich in geschliffenem Hochdeutsch unterhalten. Ein Mädchen hat derweil in der anderen Ecke den Spieltisch gedeckt und ist gerade am Telefon. Nein, das sei kein echtes Telefon, lässt sie den Besucher wissen, sie tue nur so, als ob sie telefonieren würde.

Die Tür zwischen den beiden Zimmern ist offen, nur ein bunter Fadenvorhang trennt die Räume voneinander. Die Spielenden und die Malenden; sie sind eine Klasse der Grundstufe im Schulhaus Limmat C im Zürcher Kreis 5.

Fusion zwischen Kindergarten und erster Klasse

Nichts könnte die Idee hinter der Grundstufe besser erklären als die geöffnete Tür zwischen der Spiel- und der Schulwelt. Grundstufe, das ist die Fusion zwischen Kindergarten und erster Klasse. Drei Jahre sind die Kinder in der Regel hier, wie Lehrerin Dorothea Zingg erklärt. Im fünften Altersjahr kommen sie, drei Jahre später verlassen sie ihre Klasse, sie erneuert sich so jedes Jahr um etwa ein Drittel.

Zingg ist eine von drei Lehrerinnen dieser Grundstufenklasse, sie ist ausgebildete Primarlehrerin und Heilpädagogin. Zingg kümmert sich um die Spielenden, während ihre Kollegin Regina Krüttli gerade die Malenden betreut. Krüttli ist ursprünglich Kindergärtnerin, hat die Weiterbildung zur Grundstufenlehrerin absolviert. Seit drei Jahren unterrichtet sie hier.

Krüttlis und Zinggs Klasse ist eine von derzeit 87 im ganzen Kanton. Die Grundstufe ist ein Versuch, bis 2014 dauert er an. Ob das Modell weitergeführt wird, hängt im Wesentlichen von der kommenden Volksabstimmung vom 25. November ab. Die «Prima-Initiative» möchte die Grundstufe flächendeckend einführen. Der Kantonsrat lehnt jedoch die Umsetzungsvorlage dazu ab. Er hat einen Gegenvorschlag erarbeitet, der es den Gemeinden überlässt, mit welchem der beiden Modelle sie künftig fahren wollen. Eine Minderheit des Kantonsrat lehnt die Grundstufe ab.

«Für manche Kinder kam erste Klasse zu früh»

«Frä Zingg» und «Frä Krüttli», wie die Kinder sie immer wieder rufen, ziehen eine positive Bilanz des Versuchs. Sie können nicht verstehen, dass der Verband Kindergarten Kanton Zürich beide Vorlagen bekämpft. Krüttli, die lange als Kindergärtnerin gearbeitet hat: «Den Übergang zur ersten Klasse habe ich immer als belastend empfunden. Für manche Kinder kam er zu früh. Den Entscheid zu treffen, dass ein Kind noch nicht schulreif ist, war schwierig.» In der Grundstufe können Kinder in solchen Fällen ein viertes Jahr absolvieren und Defizite aufholen. Für etwa zwei Kinder pro Jahr wählen Krüttli und Zingg zusammen mit den Eltern diesen Weg. Umgekehrt gibt es Kinder, die bereits nach einem Jahr in der Grundstufe so weit sind, dass sie das dritte Jahr absolvieren können.

Ein Pufferangebot zwischen Kindergarten und 1. Klasse gab es zwar auch im bisherigen Modell, die sogenannten «Einschulungsklassen» für Kinder, die noch nicht reif für den Übertritt in die Primarschule sind. Dorothea Zingg hat früher selber eine solche Klasse unterrichtet. «Die Kinder kamen aus dem Kindergarten für zwei Jahre in eine neue Klasse in einer neuen Schule, und wechselten danach direkt in die 2. Klasse», so die Lehrerin. Dies ist laut Zingg aber ein Auslaufmodell, das in den meisten Gemeinden inzwischen abgeschafft worden ist. In der Grundstufe würden solche Kinder einfach ein Jahr länger verbleiben, in einer Umgebung, mit der sie vertraut sind.

Unterschied nach zwei Jahren

Mit dem Wechsel in die Grundstufe 3 – quasi die 1. Primarschulklasse – kommt übrigens mehr Unterricht auf die Kinder zu. Diese Gruppe muss auch an zwei Nachmittagen antraben, Lesen und Rechnen üben. «Wenn ein Kind von sich aus früher Interesse am Schulstoff zeigt und zum Beispiel lesen will, unterstützen wir das», so Zingg. Und Krüttli ergänzt: «Die Trennung zwischen Spielen und Lernen machen vor allem wir Erwachsenen. Die Kinder lernen auch beim Spielen».

«Man muss sich gut absprechen», sagt Zingg. «Wenn man alleine eine Klasse unterrichtet, kann man eher improvisieren. Das geht bei der Grundstufe nicht mehr.» Dass es bei der Grundstufe mindestens zwei Klassenlehrpersonen gibt, finden beide positiv: «Manchmal findet man den Zugang zu einem Kind persönlich mehr oder weniger. Dann ist es gut, wenn ein zweites Augenpaar einen anderen Blick hat. Das ist fairer für die Kinder», so Krüttli. Der Morgen ist zu Ende. Die Kinder sitzen im Kreis und singen. Die zwei Gruppen sind wieder verschmolzen. Am nächsten Tag werden die Karten neu gemischt. Es gibt nicht die Älteren und die Jüngeren, nicht die Schnelleren und die Langsameren, sondern zwei Gruppen, die manchmal mehr Kindergarten und manchmal mehr Schule erleben.