110 Jahre Solothurner Zeitung
Medienrepublik?

Der Tag beginnt für mich mit einem Kaffee und der regionalen Tageszeitung.

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Thomas Ulrich

Das war schon vor meiner Zeit als Regierungsrat so und wird es auch bleiben. Vielleicht. Vor 10 Jahren, zum Jubiläum 100 Jahre Solothurner Zeitung, habe ich den Kanton als «Medienrepublik» bezeichnet. Drei selbstständige Tageszeitungen, die Solothurner Zeitung, mit ihrem Satelliten, dem Grenchner Tagblatt, das Oltner Tagblatt und das Solothurner Tagblatt stritten sich am Jurasüdfuss um Leserschaft und politische Deutungshoheit. Journalistischer Wettbewerb? Ja, doch. Ökonomischer Wettbewerb? Ja klar. Das Resultat: Eine vorher zumindest vordergründig selbstständige Solothurner Medienlandschaft gibt es heute nicht mehr. Der Mantel der AZ-Nordwestschweiz umhüllt die kantonale und regionale Berichterstattung. Jahre nach dem Niedergang des roten Solothurner Parteiblattes, der AZ, dem vormaligen «Volk» und den «schwarzen» Solothurner Nachrichten, hat es auch die gelbe, später blaue Parteipresse erwischt, die sich zwar noch typisch solothurnisch als offene Forumszeitung präsentieren wollte. Die bezahlte gedruckte Presse hat es sehr schwer. Es lässt sich damit offenbar zu wenig Geld verdienen. Gibt es einen Grund zu moralisieren? Nicht wirklich.

Das Regionale pflegen

Die Medienlandschaft ist längst kommerzialisiert. Für die Verlage müssen mehrere Standbeine her. Sonst geht’s nicht. Aber immerhin, die Zeitungen sind als Kopfblätter föderal «gerettet» worden. Sie mussten zwar bluten. Journalistisch und politisch. Dennoch, sie haben es trotz schwierigem Umfeld geschafft, auf dem harten Pflaster der Berichterstattung zu überleben. Dabei gilt: Auch das Lokale, Regionale, Kulturelle, will gepflegt sein. Identität schafft ein Medium nur, wenn die Leserin oder der Leser etwas über den Raum erfahren, in dem sie leben. Was der Gemeinderat, der Sportclub oder die Kulturkommission im Kleinen gemacht haben, interessiert und bewegt. Das gehört zusätzlich zum Nationalen und Kantonalen zwingend dazu.

Medien gelten als vierte Gewalt in der Demokratie. Sie sind dazu verpflichtet, den Mächtigen auf die Finger zu schauen, zu kritisieren und eine öffentliche Diskussion über gewichtige Themen zu ermöglichen. Soweit so gut. Aber: ohne Medien keine Demokratie? Sicher ist, es gibt keine Demokratie ohne Meinungsäusserungsfreiheit. Und ohne Berichterstattung über politische Themen kann die politische Diskussion nicht stattfinden. Nur der Wahl- und Abstimmungszettel an der Urne ist viel zu wenig. Die meisten Leserinnen und Leser glauben, was in der Zeitung steht. Das ist nach wie vor so. Aber auch Unterhaltung muss sein, um der Auflage und damit der Werbung willen. Kritischer Journalismus und süffige personalisierte Geschichten vertragen sich dabei meistens nicht sehr gut. Was tun? Berichterstatten und Kommentieren? Ganz klassisch. Das wäre mein Menu der Wahl. Jedoch weniger dasjenige der Medienhäuser, oder längst nicht mehr nur. Ohne Unterhaltung geht es nicht. Bisweilen müssen dazu auch Heldinnen und Helden her. Obwohl die Demokratie im Grunde genommen keine erträgt. Schöne Welt, schön geschrieben. Wir Leserinnen und Leser sind daran auch ein bisschen selbst schuld. Wir haben sie gern, die schöne, heile Welt. Wir Menschen brauchen das. Nur, zu viel Heldenhaftigkeit geht umgekehrt auch wieder nicht.

Das erwarte ich

Gelegentlich trifft die Recherche nicht nur die Sache, sondern im Vorbeigehen auch einen Kopf. Manchmal bekommt der Journalist dafür einen Preis. Diejenigen, die den Kopf allzu lange hoch halten, sollten ihn darum zwischendurch auf Normalhöhe tragen. In der Regel dann, wenn es am schönsten ist. Zu viel Sonne gibt Sonnenbrand. Der Kanton Solothurn ist keine Sonnenstube. Wir sind glücklich, wenn es wenig Nebel hat. Dazu kommt, dass zwischen uns und dem «Wilden Westen» Welten und ein grosses Meer liegen. Deshalb geht es bei uns allseits etwas entspannter und faktenorientierter zu, als anderswo. Der Demokratie zuliebe. Mein Morgenkaffee schmeckt mir darum. Meistens. Was ich erwarte? Seriöse, fundierte, politische Berichterstattung. Das erstaunt wenig. Was noch: Recherchen, hinterlegte Berichte, kritische Fragen; genügend Platz für das Kantonale, Regionale, Lokale. Es müssen nicht immer Antworten her, auch nicht die Moralkeule. Wenn da und dort eine Prise Humor auftaucht, umso besser. Übrigens: Die Solothurner Zeitung oder das Oltner Tagblatt reichen mir nicht. Der Tagesanzeiger und die NZZ müssen auch sein. Auch die WOZ hat ihren Platz. Vielleicht auch die «Republik», als neues Medium? «Watson» ist auch dabei, und «20 Minuten». Manchmal auch die «Zeit», wenn ich Zeit habe. Überhaupt alles online. Ein Medium allein kann längst nicht mehr alles. Ich mag die Vielfalt. Ich bin anspruchsvoll und verlange viel. Zu viel? Der Tag soll weiterhin mit dem Kaffee und der Tageszeitung beginnen. Danach kommt mehr. Radio und Fernsehen nicht vergessen. Alles gratis? Nein. Für mich nicht. Was ich mir erhoffe: Eine Medienrepublik. Weiterhin. Herzliche Gratulation der Solothurner Zeitung, 110 Jahre lang erfolgreicher Teil der Medienlandschaft Schweiz zu sein.