Parkhotel
Hier ist der liebe Gott ein Popstar

Mehr als 500 Menschen sind zur Gründungsshow des Langenthaler Ablegers der evangelischen Freikirche ICF ins Parkhotel gepilgert. Viele Neugierige, die sonst die Celebrations in Oftringen besuchen, sind darunter.

Hans Peter Schläfli
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Fotos: hps

Fotos: hps

Solothurner Zeitung

Der «Big Bang» beginnt mit Popmusik, zu der viele Gläubige der neuen evangelischen Freikirche aus voller Kehle mitsingen. Das Equipment ist High Tech vom Feinsten, alles wird live auf eine Grossleinwand projiziert –, wie es sich für ein Popkonzert gehört, an dem ein Star wie Jesus, in Form eines grossen Kreuzes auf der Bühne, seinen Gastauftritt hat.

Pastor Philippe Sternbauer, oder einfach Phil, wie er in der Kirche gerufen wird, heisst in seiner Begrüssung auch die Medienvertreter ganz herzlich willkommen, und die Gläubigen spenden einen warmen Applaus. Später bittet er dann aber den Fotografen unter vier Augen, keine Bilder des Publikums zu veröffentlichen. «Wir versuchen, die alte Botschaft des Evangeliums zeitgemäss, kulturrelevant und auf Augenhöhe der Leute zu vermitteln. Und das in einer Sprache, die sie verstehen», erklärt Philippe Sternbauer die andere Form des Gottesdienstes. «Es geht uns nicht darum, Position gegen andere Kirchen zu beziehen. Auch ein Papst kann kulturrelevant sein.» Er selber sei nie aus der katholischen Kirche ausgetreten. «Das Christentum und seine Kirchen müssen sich immer wieder neu erfinden. Wenn der ICF stehen bleibt, dann wird man auch uns in ein paar Jahren als überholt bezeichnen.»

Kein Dresscode

Mehr als 500 Menschen sind gekommen. «Wir sind total überrascht vom heutigen Zuspruch», erklärt Sternbauer. Viele Neugierige, die sonst die Celebrations in Oftringen besuchen, sind darunter. Auf 600 bis 700 Menschen schätzt er das Potenzial seiner Kirche in Langenthal nach dem Grosserfolg des «Big Bang». Und sie unterscheiden sich nicht von anderen jungen Menschen der Region. Sie tragen knallenge Jeans, die Männer kommen mit Gel in den Haaren daher, die Frauen sind geschminkt und manche zeigen auch Décolleté. «Wir sind da sehr offen», erklärt Patric Neeser, Sänger der Musikgruppe und Kommunikationschef des ICF. «Wir haben kein Dresscode, bei uns ist jeder willkommen. Unsere Sängerinnen sind alle hübsch. Wir zählen auf ihr Verantwortungsgefühl, denn es geht ja nicht darum, dass sich jemand persönlich in Pose stellt. Es geht darum, Gott zu dienen.»

Die ICF-Band kann sich hören lassen. Ausgezeichnete Musiker, Sängerinnen und Sänger sorgen für eine tolle Stimmung im Saal. Die englischen Texte werden synchron auf der Leinwand übersetzt. Jeder zweite Satz beginnt mit dem Wort Gott. Symbolschwangere Begriffe wie Schmerz, Hoffnung, Liebe und Heilung werden exzessiv verwendet, wie man es sonst nur vom Deutschen Schlager kennt. Den Gläubigen gefällt es. Viele strahlen vor Glück, wenige sind in sich gekehrt und scheinen zu beten.

Für die Predigt hat sich der Pastor den Psalm 23 vom guten Hirten zum Thema genommen. «Wir sprechen alle vom Lieben Gott. Warum gibt es dann so viel Leid auf der Erde? Wenn der gute Hirte nur das Beste für seine Schafe will, warum führt er sie dann in ein finsteres Tal?», fragt er, und liefert sofort die Antwort. «Der Weg von einer guten Weide zur nächsten führt oft durch ein finsteres Tal. Das Schaf versteht es nicht, es weiss nur, wenn ich meinem Hirten folge, dann kommt es gut.» Und Sternbauer bringt auch seine neue Freikirche ein: «Im tiefen, dunklen Tal rücken die Schafe näher zusammen. Deshalb gründen wir jetzt den ICF Langenthal. Wir wollen die Menschen aufnehmen, die im finsteren Tal sind.»

Den Zehnten für ICF

Gegen Ende der «Celebration» geht der Kollektentopf durch die Reihen. Die Hauptfinanzquelle ist aber eine andere. Wie viele Freikirchen hofft der ICF darauf, dass die Gläubigen den so genannten «Zehnten» bezahlen, also zehn Prozent ihres Einkommens abliefern. Sternbauer: «Wir lehren den Zehnten als biblische Orientierung, aber wir kontrollieren die Zahlungen nicht. Geben ist freiwillig und soll mit Freude geschehen.»

«Ich bin die Hebamme», sagt Philippe Sternbauer beim Schlussfeuerwerk, dem symbolischen Eröffnungsakt. Er zerschneidet ein rotes Band, das er als «Nabelschnur» bezeichnet. Der ICF Langenthal ist damit symbolisch «geboren» und vom ICF Mittelland «abgenabelt».

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