Seeberg
Die zwei Gesichter des Mutzgrabens

Der Mutzgraben bei Riedtwil täuscht. Das romantische Tal zwischen Buchsi- und Wynigenbergen mit einem Bach kann schnell zur tödlichen Bedrohung werden. Noch wissen die Fachleute nicht, wie sie Riedtwil vor Hochwasser schützen können.

Jürg Rettenmund
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Idylle am Wasserfall.

Idylle am Wasserfall.

Solothurner Zeitung

Der Mutzgraben bei Riedtwil hat zwei Gesichter: Da ist das romantische, schattige Tal zwischen Buchsi- und Wynigenbergen, das man gerade in diesen schwülen Sommertagen gerne aufsucht. Dazu gehört ein Wasserfall, bei dem der Bach über eine mehr als zehn 10 Meter hohe Felsstufe in die Tiefe donnert. Sowohl das Emmental wie der Oberaargau reklamieren ihn als ihren höchsten für sich.

Das andere Gesicht erlebte Riedtwil im Hochwassersommer 2007: Nach heftigen Gewittern tosen bis zu 18 Kubikmeter pro Sekunde auf Riedtwil zu, wo die Ablässe durchs Dorf und unter der Hauptstrasse durch nur vier bis fünf Kubikmeter aufnehmen können. Von diesem Gesicht des Mutzgrabens war am Donnerstagabend im Singsaal des Schulhauses Grasswil die Rede, wo die Gemeinde über Hochwasserschutz-Massnahmen informierte. Doch der Mutzbach lässt die Fachleute noch weitgehend ratlos zurück.

Problem Schwemmholz

Zu den ungünstigen Mengenverhältnissen kommen weitere Probleme dazu. Dies legten Christoph Matti, Projektleiter Wasserbau beim Oberingenieurkreis IV des kantonalen Tiefbauamtes, sowie Tobias Weiss vom Ingenieurbüro Kissling + Zbinden AG dar: Bei Hochwasser reisst der Bach Unmengen Schwemmholz mit sich. Zudem sind die Vorwarnzeiten extrem kurz, sodass für Notfallmassnahmen keine Zeit bleibt.

Entsprechend sah es im Sommer 2007 in Riedtwil aus: verstopfte und weggerissene Brücken, gefüllte Keller und geborstene Heizöltanks, auf den Feldern und in den Gärten Schlamm, Baumstämme und Wurzelstöcke.

Schliesslich ist das Tal eine geschützte Landschaft. Noch höher sind die Auflagen beim Ortsbildschutz, figuriert doch Riedtwil mit seinen historisch wertvollen Gebäuden sogar im ISOS, dem Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz. Dieser Schutz verbietet harte Massnahmen, wie sie nötig wären, um die Wassermassen zu bändigen.

Tobias Weiss nannte als Beispiel Zahlen zu einem Rückhaltebecken: 70000 Kubikmeter müsste dieses fassen, damit ein Hochwasser gedrosselt durch Riedtwil abgelassen werden könnte. Schon für ein Becken mit 20000 Kubikmeter wären im engen Tal aber fünf Meter hohe Dämme nötig. Es brauchte also drei bis vier derartige Becken, was wiederum Kosten verursachen würde, die in keinem Verhältnis zum vermiedenen Schaden stünden.

Schon gar nicht berechnet hat Weiss die Auswirkungen eines Gerinneausbaus. Denn abgesehen von den Eingriffen ins Ortsbild würde dieser die Probleme nur an den Unterlauf des Mutzbachs und an die Önz verlagern.

Vergebliche Hoffnungen

«Wir kennen im ganzen Kanton kein vergleichbar aggressives Gewässer», erklärte Wasserbauer Christoph Matti. Deshalb liess der Kanton im letzten Dezember eine vertiefte Studie über die Abflüsse des Mutzbachs erstellen. Dies geschah, so Matti, «in der Hoffnung, diese würde unsere bisherigen Berechnungen nach unten korrigieren».

Die Hoffnung war vergebens: Die ersten Annahmen wurden als richtig bestätigt. Eine Lösung ist deshalb nur in einer Kombination verschiedener Massnahmen möglich. Der als erste Massnahme installierte Schwemmholzrechen genügt jedenfalls nicht. Bevor das Ingenieurbüro Kissling + Zbinden weiter arbeitet, will der Oberingenieurkreis nun den Mutzgraben mit allen Beteiligten begehen. Dort will Matti den Vertretern der Bundes (Bundesamt für Kultur, Bundesamt für Umwelt) jene Frage unterbreiten, die ihm am Donnerstag aus dem Publikum gestellt wurde: Was bringt aller Schutz der Bundesinventare, wenn der Mutzbach beim nächsten Hochwasser alles, was geschützt ist, wegzuschwemmen droht?