Schoren
Das Kinderheim Schoren soll erwachsen werden

Als neuer Heimleiter will André Chavanne im Kinderheim Schoren einen Umbruch einleiten. So steht nicht nur ein Umbau des Gebäudes an, sondern auch ein neues Konzept.

Fabienne Wüthrich
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André Chavanne hofft auf eine gute Zusammenarbeit mit der Stadt.zvg

André Chavanne hofft auf eine gute Zusammenarbeit mit der Stadt.zvg

Ein bisschen Wehmut schwingt in seiner Stimme mit, wenn André Chavanne über das Kinderheim Friedau in Koppigen spricht. Zehn Jahre lang war der 50-Jährige dort als Heimleiter tätig, nun wechselte er per 1. Januar in der gleichen Funktion in das Kinderheim Schoren. «Der Abschied war emotional, und ich bin auch ein bisschen traurig», sagt er ehrlich. Es sei die konstanteste Tätigkeit gewesen, die er bisher gehabt habe. «Ein Rekord für mich.» Warum er den Heimleiterposten in Koppigen aufgibt, sei für ihn nicht ganz einfach zu sagen.

Seine Frau und er hätten sich bei dieser Tätigkeit zum Ziel gesetzt, alle fünf Jahre über die Bücher zu gehen, die Arbeit zu analysieren. «Es war überfällig: Das Kinderheim Friedau ist gut installiert; die Arbeit war erfolgreich und ich habe Innovationen verwirklicht.» Vielleicht ist es ein wenig wie bei einem Sportler: aufhören, wenn es am schönsten ist.

Wehmut aber auch uFreude

Bei aller Wehmut ist jedoch die Freude auf die neue Herausforderung spürbar. Die Frage, ob er nach Beatrice und Fred Dietrich ein schweres Erbe antritt – immerhin hatten sie
34 Jahre die Heimleitung im Kinderheim Schoren inne –, beantwortet Chavanne mit einer Gegenfrage: «Meinen Sie, es ist ein schweres Erbe?» Er geht nicht unbekümmert an die neue Herausforderung, Respekt vor der Nachfolge ist da. «Ich weiss aber, wie ich mit diesem Respekt umgehen muss.» Er spüre, dass die Mitarbeitenden dem Wechsel positiv entgegenblicken. «Die Leute sind bereit für einen Auf- und Umbruch.» Dieser werde kommen, das könne er bereits jetzt ankündigen.

So steht nicht nur ein Umbau des Gebäudes an, sondern auch ein neues Konzept. Dietrichs hätten nahe am Bedarf gearbeitet. Hatten sie Anfragen, wurde betrachtet, was am besten passt. «Das mache ich gleich», sagt er. Mit dem Unterschied, dass das Strategiepapier der Stadt eine klare Ausrichtung in der Region vorsehe und künftig nicht mehr quer durch den Kanton Bern hindurch Kinder aufgenommen würden. Das Ziel sei, dass 80 bis 90 Prozent aus der Stadt oder aus dem Oberaargau kämen. Die Anforderungen der Stadt sind klar formuliert, zumindest aus der Sicht Chavannes: «Der Aufenthalt der Kinder soll eher kürzer werden. Die Stadt braucht jemanden, der ein zeitgemässes Konzept auf die Beine stellt», sagt er überzeugt.

Mit zwei Angebotskonzepten will Chavanne den Umbruch im Kinderheim Schoren ebenfalls einleiten. Einerseits sollen die Kinder stationär
in Schoren betreut werden, andererseits möchte er den ambulanten Bereich ausbauen und vermehrt auf die professionelle Familienbegleitung setzen. «Das bedingt, dass wir gegen innen flexibel sind und gegen aussen mit klaren Hilfeleistungen auftreten», so Chavanne.

Hilft Langenthal beim Wandel mit?

Er habe die Hoffnung, dass die Stadt Langenthal beim angekündigten Wandel mithelfen werde – sowohl personell als auch rein räumlich. «Ich möchte in der Stadt einen guten Partner finden.» Er habe nicht nur Respekt vor den 34 Jahren des Ehepaars Dietrich, sondern auch vor den kommenden Aufgaben. «Ich habe das Gefühl, das Heim ist das Kind der Stadt. Ich hoffe, die Stadt lässt es erwachsen werden.» Die Oberaargauer müssen sich zudem daran gewöhnen, dass der Name Kinderheim bald einmal der Vergangenheit angehört. «Ich bin der Meinung, es braucht ein starkes Signal – und hierbei setze ich beim Namen an.» Noch sei es aber zu früh, den allfälligen Namen zu verraten.

Chavanne ist nicht in der Region verwurzelt. Er sagt, er habe keine besondere Beziehung zum Oberaargau. Dennoch möchte er natürlich, dass die Umgebung seine Veränderungen mitträgt. Durch die zehnjährige Heimleitung sei er gut vernetzt, was ein Vorteil sei. «Ich werde mit meiner Familie nach Langenthal ziehen und kann meine Netzwerke weiter nutzen. Ich fange nicht bei null an.»

Hätte er in seiner Jugendzeit so gesprochen, hätte er wahrscheinlich gelacht. Damals konnte er sich nämlich nicht vorstellen, einmal im sozialen Bereich zu arbeiten. Mitte 20 reiste er alleine ein halbes Jahr durch die USA und Mexiko; oder wie er es lachend ausdrückt: «Ich bin mit dem Motorrad durch die Prärie getuckert.» Dabei habe er mit Afrika-
nern und Latinos auf Golfplätzen gearbeitet und eine andere Seite der Menschheit kennen gelernt. «Das Leben ist mehr, als nur zu sich selber zu schauen.» Das habe er bei seinem Auslandaufenthalt gemerkt und so sei sein Prinzip gewachsen, «dass man sich selber ernst nimmt, dabei aber die anderen auf diesem Weg mitnimmt».