Fokus Gesundheit
«Bei der Nothochzeit haben wir alle geschluchzt»

Der Tod ist Eveline Dätwylers Begleiter – von Berufs wegen. Die Stationsleiterin der Palliativstation des Kantonsspitals Baden (KSB) über den Umgang mit schwerstkranken Menschen, letzte Wünsche und die Wichtigkeit von Humor im Arbeitsalltag.

Luk von Bergen
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Gesundheit Aargau

Frau Dätwyler, auf der Palliativstation pflegen Sie Menschen, die möglicherweise bald sterben werden – ist das der emotionalste Job in einem Spital ?

Das würde ich so nicht sagen, denn beispielsweise auch auf der Gebärabteilung stehen Emotionen im Vordergrund. Zudem geht es bei uns nicht einfach ums Sterben, sondern darum, den verbleibenden Teil des Lebens so angenehm wie möglich zu gestalten. Dabei versuchen wir, die Schmerzen und andere Symptome der Patienten in den Griff zu bekommen, sodass sie wieder nach Hause können.

Wie alt sind Ihre Patientinnen und Patienten ?

Im Durchschnitt zwischen 50 und 60 Jahre, was ja noch nicht wirklich alt ist. Wir hatten aber auch schon einen 19-Jährigen, der bei uns verstorben ist. Das ist sehr bewegend, insbesondere, wenn man auch mit den Angehörigen in Kontakt kommt.

Ihr Ziel ist es, den Patienten die bestmögliche Lebensqualität zu bieten. Was heisst das konkret ?

Die Definition von Lebensqualität ist sehr individuell. Im Falle des erwähnten 19-Jährigen war es der Wunsch, nochmals nach Hause gehen zu können, um Playstation zu spielen. Das klappte leider nicht, aber seine Freunde nahmen die Konsole mit ins Spital und «gamten »mit ihm, obschon er nichtmehr in der Lage war, selber mitzuspielen.

Sie erfüllen also auch sogenannte letzte Wünsche ?

Wir versuchen zumindest, die Erfüllung der Wünsche in die Wege zu leiten.Eine Patientin wollte beispielsweise nochmals einen Ausflug mit dem Hausboot machen.Wir brachten sie psychisch und physisch so weit, dass das möglich war. Sie hat uns eine Karte geschrieben und sich bedankt. Ein anderer Patient wollte vor seinem Tod unbedingt noch heiraten. Wir organisierten eine Nothochzeit im Andachtsraum mit Sekt, einem feinen Zmittag und vielen Blumen.

Wie geht Ihr Team und wie gehen Sie persönlich mit derart emotionalen Situationen um ?

Bei dieser Hochzeit haben wir alle geschluchzt; aber es war irgendwie ein schönes Schluchzen. Wir tauschen uns aus, verarbeiteten den Arbeitsalltag gemeinsam. Dabei spielt auch die regelmässige Supervision eine wichtige Rolle für die Reflexion im Team. Aber auch der Humor ist wichtig. Wir lachen
viel – auch mit den Patienten. Privat führe ich viele Gespräche mit meinem Mann, natürlich unter Einhaltung der Schweigepflicht. Zudem habe ich viele Hobbys wie Tanzen, Yoga oder Klarinette spielen. Das alles hilft mir, die Balance zu finden.

Zum Schluss, Frau Dätwyler, eine Frage, die ja kommen musste: Fürchten Sie sich vor dem Tod ?

Ich denke, dass alle eine gewisse Angst vor dem Tod haben. Niemand weiss, wie Sterben geht, könnte man etwas vereinfacht sagen. Durch meine Arbeit kenne ich die vielen Therapien, um diesen Prozess so angenehm wie möglich zu gestalten. So gesehen fürchte ich mich nicht.

Hören Sie das ganze Gespräch im Podcast auf www.ksb.ch

Palliative Care am KSB
Die Station 112 des Kantonsspitals Baden umfasst die Betreuung und Behandlung vonMenschen, die an unheilbaren, lebensbedrohlichen und/oder chronisch fortschreitenden Krankheiten leiden. Das fachkompetente Pflegeteam geht auf die Anliegen der Patientinnen und Patienten ein und bietet ihnen eine individuell abgestimmte Pflege und Betreuung. Das Ziel der Station ist es, auch schwerkranken Menschen die Lebensqualität zu bieten, die sie sich wünschen.

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