Im Gespräch
Beharrliche Querdenker

Das Unmögliche möglich machen. Projekte realisieren, von denen andere behaupten, es funktioniere nicht. Drei Schweizer Energiepioniere erzählen.

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Lea Marti

«ICH BIN ES GEWOHNT, AUSGELACHT ZU WERDEN»

Bereits in den 1970er-Jahren gründeten Sie ein auf die Solartechnik spezialisiertes Unternehmen. Was waren Ihre Motive?

Josef Jenni: Während meiner Studienzeit beschäftigte ich mich intensiv mit den Veröffentlichungen des Club of Rome. In meiner Klasse wurden Umweltthemen stark diskutiert und es fand eine kritische Auseinandersetzung mit der Kernenergie statt. Das prägte mich sehr. Als dann meine damalige Beziehung in die Brüche ging, stellte ich mir Sinnfragen: Warum bin ich auf dieser Welt und was ist meine Aufgabe hier? Für mich wurde klar, dass ich nur eine Arbeit will, hinter der ich einen tieferen Sinn sehe. Als ich nach meiner Lehr- und Studienzeit keine Anstellung fand, welche meinen Ansprüchen genügte, gründete ich – ohne Geld – mein eigenes Geschäft mit Spezialisierung auf Sonnenenergie. Ich wollte mich nicht nur politisch gegen die Kernenergie engagieren, sondern auch alternative Lösungswege entwickeln, die zu einem nachhaltigen Lebensstil beitragen.

1989 bauten Sie Europas erstes mit Sonnenenergie beheiztes Wohnhaus. Mit welchen Herausforderungen waren Sie damals konfrontiert?

Per Inserat suchten wir einen Kunden, der gewillt war, sich für 200 000 Franken eine Ganzjahres- Sonnenenergieanlage bauen zu lassen. Wir wurden für Spinner gehalten. Sämtliche Fachleute behaupteten, dies sei nicht möglich. Die Schweizerische Vereinigung für Sonnenenergie (SSES) zog sogar in Erwägung, uns wegen dieser absurden Idee aus dem Verein auszuschliessen.

Davon liessen Sie sich nicht beeindrucken?

Keineswegs. Meine Eltern waren aus der Kirche ausgetreten und Mitglieder einer Freikirche. Als «Stündeler» war ich es gewohnt, ausgelacht zu werden. Zudem glaubte ich fest an die Möglichkeit, ein Haus per Sonnenenergie ganzjährig beheizen zu können. Meine Berechnungen sagten mir: Das Solarsystem Jenni funktioniert garantiert. Die Technik dahinter: Durch Sonnenkollektoren fliesst ein Gemisch aus Wasser und Frostschutz, welches bei Sonnenschein die Wärme vom Dach zum Speichersystem – ein mehrere Tausend Liter fassender Tank – transportiert. Im Sommer wird die Energie für Heizung und Warmwasser eingelagert und im Winter abgegeben.

Wer liess sich auf das Abenteuer ein?

Mein Bruder sagte immer: «Wenn ich mir jemals ein Haus baue, dann nur eines, das ganzjährig ausschliesslich solarbeheizt ist.» Zusammen realisierten wir die Sonnenenergieanlage, die mehr als funktionierte und ganzjährig Wärme lieferte. Im Winter hatten wir sogar so viel Wärme übrig, um einen Aussenpool auf 37 Grad zu heizen. Ein Foto, das uns badend im Pool zeigt, ging um die Welt und das Schweizer Fernsehen verbrachte volle 14 Drehtage vor Ort.

Sie erhielten zahlreiche Solarpreise. Für Ihr Lebenswerk zugunsten der Solarenergie wurden Sie 2008 zudem vom Bundesamt für Energie mit dem Preis Watt d’Or ausgezeichnet. Welche Eigenschaften haben Sie dahin geführt?

Beharrlichkeit und die stete Bemühung, das Beste zu geben.

Wenn Sie auf ihre bisherigen Aktivitäten zurückblicken: Was hat Sie am meisten berührt?

1985 kam mir auf einer Autofahrt vom Emmental nach Zürich die Idee, ein Rennen vom Boden- an den Genfersee mit solarbetriebenen Fahrzeugen ins Leben zu rufen. An der darauffolgenden Vorstandssitzung der SSES trug ich meine Idee spontan vor. Sofort wurden Nägel mit Köpfen gemacht: Wir konnten Ringier als Werbepartner gewinnen und von Tag zu Tag meldeten sich mehr Teams an. Die Stimmung am Start in Romanshorn war ausserordentlich: Über uns kreiste ein Helikopter mit Filmteams, zahlreiche Medien waren vor Ort und ganze 73 Fahrzeuge gingen ins Rennen. Darunter auch namhafte Firmen wie Mercedes-Benz – und dies alles aufgrund einer verrückten Idee.

«JEDER MISSERFOLG IST EIN ERFOLG VON WISSEN»

Herr Schmid, Sie gründeten mit 21 Jahren ein Baugeschäft und setzten sich mit ökologischem Bauen auseinander, zu einer Zeit, als Öko und Bio noch kaum im Trend waren. Was trieb Sie damals an?

Mich interessieren Kreisläufe. Ich wollte ein Unternehmen gründen, das langfristig besteht. Ökologie ist eng mit Ökonomie verbunden. Ein ökologisches Auto verbraucht viel weniger Treibstoff und spart damit Geld. So ist es auch beim Bauen: Je weniger Material ich verbrauche, desto ökologischer ist es und umso niedriger bleiben die Kosten. Zudem war ich der Meinung, dass das Erdölvorkommen viel schneller zur Neige gehen wird und wir Alternativen bereitstellen müssen.

Aus einer Tüftelei auf dem Balkon entstand 1989 «Kompogas». Heute werden weltweit in 65 Vergärungsanlagen nach dem Kompogas-Verfahren Biogas gewonnen. Wie würden Sie sich selbst bezeichnen: als Unternehmer, als Erfinder, als Pionier?

Ich bin Unternehmer und Energiepionier zugleich. Und sehr beharrlich: Wenn andere sagen, es geht nicht, dann interessiert es mich.

Was bringt ein nachhaltiges Projekt zum Erfolg?

Idealismus alleine reicht nicht. Es braucht drei Gewinner: den Konsumenten, den Produzenten und die Umwelt. Fehlt eines, bleibt der Erfolg aus. Ein Beispiel: Wir entwickelten ein Elektro- Nutzfahrzeug-Konzept namens «Solcar», wurden dafür mit Preisen ausgezeichnet und hatten rund 3000 Kauf-Absichtserklärungen im Sack. Am Ende wurden nur für 300 Fahrzeuge Kaufabsichten bekundet und wir mussten das Projekt mit grossen Verlusten einstellen.

Wie gehen Sie mit solchen Fehlschlägen um?

Jeder Misserfolg ist auch immer ein Erfolg von Wissen. Ein Beispiel: In der Schweiz funktionierten die Kompogas-Anlagen tadellos. In München bauten wir ebenfalls eine, deren Mikroorganismen jedoch zu Beginn nicht so arbeiteten, wie wir es wollten. Wir liessen unzählige Spezialisten einfliegen, aber niemand wusste eine Antwort, bis wir Lastwagenladungen voll Abfall aus Deutschland in die Schweiz importierten, und umgekehrt. Plötzlich funktionierte die Kompogas-Anlage in der Schweiz nicht mehr, diejenige in Deutschland aber schon. Der Grund: Der Abfall aus Deutschland setzte sich hauptsächlich aus eiweisshaltigen Lebensmitteln wie Käse- und Fleischresten sowie aus Medikamenten eines Altersheims zusammen. Grüngut fehlte, was die Biologie störte. Durch diese Anfangsschwierigkeiten konnten wir wertvolle Erfahrungen sammeln und wichtige Kompetenzen erwerben. Seither laufen alle Anlagen tadellos.

Von 2010 bis 2012 bauten Sie in Spreitenbach die Umwelt Arena Schweiz. Mit welcher Vision?

Es gibt viele nachhaltige, energieeffiziente Produkte in der Schweiz, doch wenn die entsprechende Kommunikation dazu fehlt, werden sie nicht gekauft. Mit der Umwelt Arena Schweiz möchten wir den besten Unternehmen in diesen Bereichen eine Plattform bieten. Zudem wollten wir ein Kompetenz-Zentrum für Umweltbildung werden. Hierfür arbeiten wir mit Hochschulen und externen Fachleuten zusammen, die sich miteinander vernetzen und so den Wissenstransfer vorantreiben.

Gibt es noch ein Herzensprojekt, das Sie realisieren möchten?

Ja, gerade sind wir an einem grösseren Projekt dran: Die weltweit erste Grossüberbauung mit einer Technik, die amortisierbar sein wird. Denn einen Mehrwert hat ein Projekt für die Umwelt nur, wenn es sich eine breitere Bevölkerungsschicht leisten kann. Dazu gehört auch, dass das eigene Haus den Treibstoff für das Auto – ob Gas oder Strom – selbst herstellt. Ich habe ein gutes Team zusammen und bin zuversichtlich, dass auch dieses Projekt von Erfolg gekrönt sein wird.

«WIR MÜSSEN KEINE ENERGIE SPAREN»

Herr Prof. Dr. Leibundgut, Sie entwickelten die Zero Emission Gebäudetechnik. Wie funktioniert diese?

Drei neuartige Elemente machen das System 2SOL aus: Hybridkollektoren, eine Erdwärmesonde und eine Wärmepumpe als Herz des Systems. Die Kollektoren wandeln Sonnenenergie in Strom und Wärme um. Die Wärme wird fürs Heizen und das Aufbereiten des Brauchwarmwassers genutzt. Gleichzeitig sorgt das Abführen der Kollektorwärme für eine Kühlung der Photovoltaikanlage, was den Stromertrag maximiert. Mit dem erzeugten Strom werden die Wärmepumpe und Haushaltgeräte betrieben. Im Winter, wenn der Kollektor weniger Wärme produziert als gebraucht wird, kommt der saisonale Erdspeicher – bewirtschaftet durch die Erdwärmesonde mit Wärmepumpe – zum Zug. Dabei wird die abgeerntete Wärmeenergie des Sommers mit Wasser als Transportmedium in rund 500 Meter Tiefe eingespeichert und im Winter dem Erdreich mittels Wärmepumpe wieder entzogen.

Sie sagen, 2SOL sei marktreif. Wo sehen Sie noch Hürden?

Mehr als das. Es ist schon in zahlreichen Gebäuden, neuen wie sanierten, implementiert. In Zürich habe ich mir bereits 2011 mein eigenes emissionsfreies Wohnhaus gebaut, das mittlerweile sieben Winter hinter sich hat. Wir sind mit der Performance sehr zufrieden. Die Hürden sind in der höheren Komplexität des Systems 2SOL zu suchen. Man muss das Gesamtsystem wollen und kann sich nicht einzelne Komponenten herauspicken.

Als Professor für Gebäudetechnik an der ETH Zürich scheuten Sie sich nicht davor, in Nationalratsdebatten einzugreifen. Dabei lobbyierten Sie gegen die Maxime des Energiesparens.

Ich erachtete es als meine Pflicht, unser neues Wissen zu publizieren. Es ist bedeutsam und der Nationalrat bei diesen Fragen ein wichtiges Publikum. Das Resultat unserer Arbeit war: Wir müssen keine Energie sparen. Es ist vielmehr eine Frage des cleveren Engineerings. Ein Beispiel: Mindestens 40% der Wärme, die wir im Sommer ins Erdreich einlagern, stammt von der Abwärme der Wärmepumpe, die im Sommer ihre Funktion umkehrt und als Kältemaschine arbeitet. Dabei werden die Heizungsschläuche mit kaltem Wasser gespiesen. Der positive Nutzen: Die Kühlung ist kostenlos, steigert den Komfort und macht das System effizienter.

Was braucht es stattdessen?

Es gilt, den Klimaschutz voranzutreiben und unseren CO2-Ausstoss markant zu reduzieren. Das Pariser Klimaabkommen sieht vor, die Emissionen bis 2050 netto auf null zu senken, damit der Klimawandel unter 1,5 Grad gehalten werden kann. Dieses Ziel werden wir Schweizer verfehlen, wenn es so weitergeht wie bisher. Die Massnahmen der Politik sind zu wenig griffig. Deswegen lancierte ich 2016 in Zürich zusammen mit 43 Wissenschaftlern eine Einzelinitiative. Unsere Forderung: Den CO2-Ausstoss von Heizungen auf null zu senken, indem bis Mitte 2030 keine neuen Gas- oder Ölheizungen mehr gebaut werden.

Ihr Engagement brachte Ihnen eine Hauptrolle im neu erscheinenden Dokumentarfilm «Energiepioniere » von Samuel Stefan ein. In welcher Rolle sehen Sie sich?

Professor der Gebäudetechnik, Erfinder, Visionär, Pionier, Gesellschaftskritiker, genau in dieser Reihenfolge.

Wie positiv blicken Sie in die Zukunft: Werden wir die Energiewende schaffen?

Die Energiewende wird nicht scheitern. Wir haben keine andere Wahl. Und ich bin überzeugt davon, dass intelligente Menschen dafür sorgen, dass wir die Wende elegant meistern werden. Die «Wende» ist ja ein Begriff aus dem Segeln. Man muss etwas können, um bei rauen Verhältnissen wenden zu können. Aber bei rauen Verhältnissen hat es immer genug Wind. Wind im Überfluss.

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