Oktoberfest

Die Winznauer Wiesngaudi begeistert die Gäste

Der Samstagabend beim Tannenbaum Winznau bot eine wilde Mischung aus bayrisch-österreichischem Brauchtum. Besucher aus allen Altersgruppen tanzten im Festzelt zu Schlager und Volksmusik.

Etwas verloren steht eine Gruppe junger Männer auf den Festbänken. Noch vor wenigen Sekunden haben sie im Takt gestampft und haben sich mit schwingenden Masskrügen zugeprostet. Doch nun, da die Musik pausiert, werden die lederbehosten Beine wieder unter den Tisch gefaltet. Es ist Oktoberfest. Zum zweiten Mal organisiert Andreas Meier die Winznauer Wiesngaudi. «Ich habe eine Ferienwohnung im Zillertal», sagt der Transportunternehmer. Die Musik und die Stimmung dort haben ihm schon immer gefallen. Als das Restaurant «Tannenbaum» abgerissen wurde, wollte er der Gemeinde etwas zurückgeben. Im weissen Zelt betritt man eine andere Welt. Draussen schläft Winznau, drinnen tobt eine Zillertaler Exklave. Eine Art Paralleluniversum, an der die Gäste die Verkleidung ernster nehmen als an der Fasnacht. Vor der Bühne wirbeln tanzende Paare durcheinander, an den Festbänken wird unter blauweiss karierten Bannern Hendl gegessen.

Die Alterskategorien sind gut durchmischt, einige ältere Frauen tragen statt Dirndl Tracht. «Das Zelt fasst 1010 Sitzplätze», sagt Meier. «Der Samstag war an einem Tag ausverkauft.» Der abendliche Ausflug in die alpine Gemütlichkeit kommt gut an. Meier glaubt, dass sein Oktoberfest die Leute besonders anspreche: «Ich wähle alle Bands selber aus, muss alle live gesehen haben.» Als er wenig später auf der Bühne erklärt, dass er die Verträge für 2018 schon abgeschlossen habe, johlen die Gäste begeistert. Dann singt Meier noch ein Ständchen.

Zehn Mass mit Leichtigkeit

An einer der Festbänke sind vier junge Männer beim Essen anzutreffen, die sich noch sichtlich unwohl fühlen. «Wir sind erst seit einer Stunde hier», erklärt einer von ihnen. Er ist der Einzige der Gruppe, der Lederhosen trägt, die anderen sind in normaler Kleidung ans Fest gekommen. Die vier Freunde seien wegen der Stimmung und der Musik hier, hören diese privat aber nicht. Das ist ihnen anzusehen, denn sie scheinen nicht ganz ins Bild zu passen, noch nicht im Paralleluniversum angekommen zu sein. Vielleicht kann die nächste Band, welche auf der Bühne nun zu spielen beginnt, Abhilfe schaffen.

Während die «Zellberg Buam» sämtliche Beine im Zelt in Bewegung bringen, servieren junge Frauen Bier. Natürlich in Masskrügen. «Ich kann zehn Mass gleichzeitig tragen», sagt eine der Frauen. Man müsse sie nur richtig zusammenstecken und dann das Gewicht tragen. Ein Mann bestellt ein Mass, sein glückseliges Lächeln verrät, dass es wohl nicht das Erste ist. Sind die Männer am Oktoberfest aufdringlich? Sie lacht und wirft einen Blick auf ihr vom Dirndl eingefasstes Décolleté. «Man darf nicht empfindlich sein, wenn man hier arbeitet. Aber unanständig ist keiner.»

Draussen im Raucherbereich versammelt sich die Menschenmenge um den einen vorhandenen Heizpilz, nur wenige Besucher rauchen abseits des Wärmespenders. Zwei von ihnen sind Stevo und Roger, die in Lederhosen gekleidet in der Kälte stehen. Die hochgekrempelten Hemdsärmel offenbaren Stevos volltätowierte Arme - ein eher ungewöhnliches Bild. Mit der Vermutung, dass dies ihr erstes Oktoberfest ist, liegt man jedoch falsch, denn die beiden sind gerade erst von München zurückgekommen. «Wir gehen jedes Jahr hin, das Oktoberfest macht einfach Spass», so Roger. «Das Feeling ist ganz anders, als wenn man am Wochenende in einen Club geht. Die Stimmung hier ist viel friedlicher», ergänzt Stevo.

Die beiden schätzen besonders, dass man so leicht mit anderen Menschen aus aller Welt ins Gespräch kommt. München und Winznau seien jedoch keinesfalls zu vergleichen: «München ist viel grösser, viel internationaler. Ausserdem gibt es dort noch viel mehr Bier», so Roger. Ob ein Oktoberfest nächstes Jahr wieder auf dem Programm stehe? «Ja, aber ich werde wahrscheinlich nicht mehr allzu oft hingehen. Vielleicht noch dreissig bis vierzig Mal, dann höre ich auf», lacht Stevo.

Bier en Mass

Zurück im Festzelt, am anderen Ende des Tisches: Ein authentisch urchig wirkender älterer Herr, der aussieht, als wäre er direkt dem Zillertal entsprungen. Er ist jedoch kein waschechter Österreicher, sondern stammt aus der Region. Auf die Frage, weshalb er am Oktoberfest sei, leert er sein Mass in einigen Schlucken, stellt den Krug auf dem Tisch ab und antwortet in einer Selbstverständlichkeit: «Weil Oktober ist.» Natürlich ist dies nicht sein einziger Grund. Auch die Stimmung gefällt ihm, und ausserdem sei Winznau praktisch, da es in der Region liege.

Unterdessen sind auch zwei der vier jungen Männer anzutreffen, die sich zu Beginn des Abends noch etwas zurückhaltend zeigten. Mittlerweile passen sie jedoch trotz Nichteinhalten des Dresscodes gut in die Menge, lachen und feiern mit. Nach einigen Mass Bier haben sie sich offensichtlich in der Welt der Dirndl und Lederhosen einleben können.

Auf ein Pläuschchen mit Laura

Nach den lupfigen Stücken der «Zellberg Baum» betritt eine junge Frau die Bühne. Sie trägt ein Oberteil aus glitzernden Pailletten und ihre Musik tönt mehr nach Helene Fischer als Alpenidylle. Laura Wilde heisst die Schlagersängerin, der vor allem das männliche Publikum sehr zugetan scheint. Das Oktoberfest schafft den musikalischen Sprung von Tanzkapelle zu Party, ohne die Begeisterung der Gäste zu verlieren. Es ist ein Gaudi, das schon nur durch den freiwilligen Dresscode Gleichheit schafft.

Jung und alt finden sich für einen Abend in Kleidern, die sie sonst nicht tragen und tanzen zu Musik, die sie sonst nicht hören. Das Oktoberfest ist wie der Cluburlaub am Samstagabend; ein sicherer Wert. Und noch mehr, im Taumel zwischen Mass und Madeln werden auch die Unterschiede zwischen den Gästen kleiner, man kommt einfach ins Gespräch. Im Bus, auf dem Heimweg, sagt ein Mann zu seinem Sitznachbarn: «Mit dr Helene Fischer chasch eben ned go schwätze wie met dr Laura.»

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